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Wirtschaft

04. Dezember 2016 | 09:19 Uhr

Milchkrise und Höfesterben : Robert Habeck fordert Begrenzung der Milchmenge

vom

Milchproduktion runter, Milchpreis rauf, fordert der Kieler Umweltminister. Am Freitag treffen sich in Brüssel die Agrarminister.

Kiel | Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Robert Habeck dringt darauf, den Bauern in Europa ein zeitlich befristetes Mengenlimit für die Milchproduktion vorzuschreiben. „Das ist ein harter Schritt, aber er ist der Ignoranz und Untätigkeit des letzten Jahres geschuldet“, sagte der Grünen-Politiker angesichts der seit 2014 anhaltenden Milchpreiskrise.

Die Preise stürzen ab: Eine Packung Vollmilch kostet 46 Cent, ein Päckchen Butter 70 Cent - und das noch nicht mal beim Discounter. In den Kühlregalen der Supermärkte werden Schnäppchenjäger gerade locker fündig. Tausenden Milchbauern in Deutschland gehen die Billigpreise aber mittlerweile an die Existenz. Viele bekommen nicht einmal mehr ihre Kosten herein, und das schon seit Monaten.

Die Wirtschaft zeige keine Bereitschaft, freiwillig die Menge zu reduzieren. Eine vorübergehende entschädigungslose Mengenbegrenzung müsse spätestens im September greifen. Nun müsse die Sonderkonferenz der Agrarminister an diesem Freitag in Brüssel ein starkes Signal für die Tagung des EU-Agrarrats am Montag geben, forderte Habeck.

Hintergrund: Die Milchproduktion in Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein nahm die Milchproduktion seit 2007 kontinuierlich zu, während die Zahl der Erzeuger stark sank. Im letzten Jahr hat sich das Höfesterben dabei stark beschleunigt. Nach Angaben der Landwirtschaftskammer wurden bis 2007 gut zwei Jahrzehnte lang im Norden jährlich rund 2,35 Millionen Tonnen Milch erzeugt.

Die Zahl der Milchkuhhalter fiel von 16.000 im Jahr 1984 über gut 7500 im Jahr 1999 auf nunmehr deutlich unter 4000. Im Juni des laufenden Jahres lieferten noch 3696 Höfe Milch an eine Meierei, nachdem es vor einem Jahr 3988 waren. Damit gaben binnen eines Jahres rund 100 Betriebe mehr auf als im Zehn-Jahre-Schnitt. Die Experten der Kammer befürchten, dass im Jahr 2020 weniger als 3000 Milcherzeuger übrig bleiben werden.

 

Nach seiner Ansicht gehen der Bund und die EU die Ursache der Milchkrise, nämlich die zu großen Milchmengen, bisher nicht an.„Beide haben zu lange blind dem freien Spiel des Marktes vertraut“, sagte Habeck. Die Minister der von den Grünen geführten Agrarressorts in Deutschland hätten etliche konkrete Vorschläge gemacht, wie es gehen könne. Dies reiche von Bonusprogrammen über eine Kopplung der Liquiditätshilfen an eine Mengenreduzierung bis hin zu einer Reform der Lieferbeziehungen zwischen Milcherzeugern und Meiereien.

Zwar habe auch Bundesminister Christian Schmidt (CSU) erklärt, Hilfen an eine Mengenreduktion binden zu wollen, sagte Habeck. „Aber das ist nicht mit konkreten Maßnahmen unterlegt.“ Für die angekündigte Hilfen von mindestens 100 Millionen Euro habe die Bundesregierung kein abgestimmtes Konzept, ob und wie das Geld gezahlt wird.

Die Forderung des Bauernverbandes nach finanziellen Ausstiegshilfen für Betriebe seien der falsche Weg, sagte Habeck. „Es darf nicht darum gehen, die Zahl der Bauernhöfe zu reduzieren, sondern die Menge der Milch muss runter, um so den Milchpreis zu erhöhen.“ Die Betriebe bräuchten eine Perspektive und müssten aus der Schuldenfalle herauskommen können.

Das Land Brandenburg regt für Landwirte, die aus der Milchproduktion angesichts der Krise in der Branche aussteigen, eine einheitliche Prämienlösung innerhalb der EU an. „Bisherige Finanzhilfen waren wichtig und richtig, reichen aber am Ende nicht aus, um ein gewachsenes Strukturproblem zu lösen“, sagte Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD). „Bei den meisten Vorschlägen, die jetzt auf dem Tisch liegen, brauchen wir die Mitwirkung und Freigabe durch die EU.“

Eine Wiedereinführung der Milchquote lehne er ab, sagte der Minister weiter. „Auch die Milchquote konnte nicht sichern, dass Europas Milchviehhalter für ihre Arbeit durchweg angemessene Preise erzielten“, betonte Vogelsänger. Auch in Zeiten der Quote sei die Zahl von Kühen in den Betrieben reduziert worden, und Milchviehhalter hätten aufgeben müssen.

Ein großes Problem für die Landwirte seien die über die Molkereien vermittelten Dumpingpreise im Lebensmitteleinzelhandel. Umfragen zeigten, dass viele Menschen bereit seien, für Milch mehr zu zahlen, wenn das Geld wirklich beim Bauern ankomme. „Wir müssen den Handel weiter in die Pflicht nehmen“, forderte der Minister.

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erstellt am 14.Jul.2016 | 07:31 Uhr

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