zur Navigation springen

Wirtschaft

26. September 2016 | 21:02 Uhr

Bahnprojekt Stuttgart 21 : Pfiffe und Proteste: Rüdiger Grube legt Grundstein für das Milliardenprojekt

vom
Aus der Onlineredaktion

Sechs Jahre nach Baubeginn legt die Bahn den Grundstein und verspricht: Eine Kostenexplosion wird es nicht geben.

Stuttgart | Begleitet von Protesten hat Bahnchef Rüdiger Grube in der baden-württembergischen Landeshauptstadt den Grundstein für das Milliardenprojekt Stuttgart 21 gelegt. „Das ist ein deutliches Zeichen, dass das Projekt unumkehrbar ist“, betonte Grube am Freitag mit Blick auf Widerstände gegen das Vorhaben. Er sprach von einem „großen Geschenk“ an die Stadt. Am Rande der feierlichen Grundsteinlegung gab es Pfiffe und Proteste von etwa 150 Gegnern des Vorhabens. Vor sechs Jahren noch wollten Kritiker Stuttgart 21 mit Massenprotesten verhindern.

Grube: Finanzierungsrahmen bleibt gewahrt

Die Bahn wies erneut Spekulationen um Kostenexplosionen zurück. Grube betonte, dass selbst bei Eintreten aller Risiken der Finanzierungsrahmen von 6,5 Milliarden Euro gewahrt bleibe. Dem Vernehmen nach kommt aber der Bundesrechnungshof in einem gesonderten Bericht auf Kosten von bis zu zehn Milliarden Euro. Ende 2021 soll die unterirdische Durchgangsstation in Betrieb gehen - daher der Name Stuttgart 21. Startschuss für den Baubeginn war bereits im Februar 2010.

Sechs Jahre nach dem Baubeginn gibt es wegen des umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 wieder Proteste.
Sechs Jahre nach dem Baubeginn gibt es wegen des umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 wieder Proteste. Foto: Silas Stein
 

Bei dem symbolischen Akt am Freitag legten Bahnvertreter auf dem ersten betonierten Abschnitt der Bodenplatte des Bahnhofs den Grundstein für das zentrale Bauwerk. Der neue Bahnhof von Stararchitekt Christoph Ingenhoven ist Kern der Neuordnung des Bahnknotens Stuttgart. Durch die Tieferlegung des Bahnhofs samt Gleisen erhält die Schwabenmetropole zusätzliche Flächen.

Wenn Stuttgart 21 fertig sei, werde es viele Bahnfahrer begeistern, sagte Grube mit Blick auf die starken Behinderungen durch die Bauarbeiten. „Millionen Fahrgäste werden von kürzeren Reisezeiten, neuen Direktverbindungen und erweiterten Angeboten profitieren - und die ganze Stadt von 100 Hektar Stadtentwicklungsfläche mitten im Zentrum“, sagte er.

Blick auf die Baustelle des Tiefbahnhofs des Bahn-Großprojekts Stuttgart 21.
Blick auf die Baustelle des Tiefbahnhofs des Bahn-Großprojekts Stuttgart 21. Foto: Silas Stein
 

Stuttgart 21 ist aus Sicht der Befürworter ein Zukunftsprojekt, weil es die umweltfreundliche Schiene stärke und Verkehr unter die Erde verlege. „Der Lärm verschwindet und Flächen werden frei, wo jetzt noch rostige Gleise liegen. Die Mehrheit der Bürger in Baden-Württemberg befürwortet aus diesen Gründen das Projekt“, meinte der CDU-Politiker Norbert Barthle, parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesverkehrsminister.

Grünen-Politiker des Landes blieben der Grundsteinlegung fern

Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sagte bei der Grundsteinlegung, Stuttgart werde optimal in das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz der Zukunft eingebunden. „Eine Infrastruktur, die solche Qualitätssprünge ermöglicht, macht Baden-Württemberg für ansässige Betriebe, aber auch für potenziell neue Investoren noch attraktiver“, sagte sie.

Der Tiefbahnhof von Stuttgart 21

Kernstück des Bahnprojektes Stuttgart 21 ist der geplante Tiefbahnhof in der City. Die Durchgangsstation mit acht Gleisen soll den bisherigen Kopfbahnhof mit 16 Gleisen ersetzen. Vor dessen denkmalgeschützter Bahnhofshalle liegt künftig der Stuttgart-21-Bahnhof in der Erde. Die Tieferlegung ermöglicht, dass das Gleisvorfeld abgetragen und in der Mitte der Stadt ein neues Stadtviertel und erweiterte Parkanlagen entstehen können.

Ein Modell im Rathaus in Stuttgart: Beim Projekt Stuttgart 21 wird der bestehende Kopfbahnhof zu einem unterirdischen Durchgangsbahnhof umgebaut. Außerdem soll der neue Tiefbahnhof durch einen unterirdischen Ring und einen fast zehn Kilometer langen Tunnel an das regionale Schienennetz und die geplante Schnellbahntrasse nach Ulm angeschlossen werden.

Foto:dpa

Trotz einer Halbierung der Zahl der Gleise verspricht sich die Bahn einen Zuwachs von 30 Prozent an Zügen - allerdings gemessen am Stand von 2010. Die Gegner sprechen hingegen von einem Rückbau. Das Fundament des unterirdischen Bahnhofs ist eine 420 mal 80 Meter große Bodenplatte, die mit 5000 Kubikmetern Beton gegossen wird. Sie ruht auf 2300 Gründungspfählen, die geologisch geboten sind, weil in dem Talkessel früher ein Bach floss. Auf der bis zu 2,5 Meter dicken Platte setzen die kelchartigen Beton-Stützen auf, die das Dach des Bahnhofs tragen.

Obwohl der Bahnsteig zwölf Meter in der Tiefe liegt, erhält er durch die sogenannten Lichtaugen Tageslicht. Darüber dürfen sich 302.000 Menschen freuen, die nach Prognose der Bahn ab 2021 täglich in Stuttgart ein- und aussteigen.

 

Ministerpräsident Winfried Kretschmann sowie Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) hatten aus Termingründen abgesagt. Bei den Grünen ist das Vorhaben seit jeher umstritten. Die Proteste gegen den Tiefbahnhof Stuttgart 21 dauern seit Jahren an. „Gute Bahn statt Tunnelwahn“ stand auf einem Transparent der Gegner am Freitag. Mit Tröten, Trillerpfeifen, Schildern und Fahnen protestierten sie für eine Modernisierung des bestehenden Kopfbahnhofs als Alternative zur geplanten halb unterirdischen Durchgangsstation.

Viele bereits getätigte Bauarbeiten könnten beim Konzept „Umstieg 21“ genutzt werden, sagte ein Sprecher des Aktionsbündnisses gegen S21. Einige Gegner blockierten kurzzeitig die Straße vor dem Bahnhof. Die Grundsteinlegung stand unter Polizeischutz. Vor sechs Jahren hatte es noch Massenproteste mit teils mehreren zehntausend Demonstranten gegeben.

Vom Baubeginn bis zur Grundsteinlegung

2. April 2009: Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und Bahn-Vorstand Stefan Garber unterzeichnen die Finanzierungsvereinbarung für Stuttgart 21.

2. Februar 2010: Die Bauarbeiten beginnen begleitet von Protesten.

30. September 2010: Der Konflikt eskaliert. Bei der Räumung des Schlossgartens neben dem Hauptbahnhof werden laut Innenministerium weit mehr als 160 Menschen verletzt, einige davon schwer. Der Tag geht als „Schwarzer Donnerstag“ in die Geschichte ein.

9. Oktober 2010: An einer Demonstration gegen Stuttgart 21 und den Polizeieinsatz am „Schwarzen Donnerstag“ nehmen laut Polizei 65.000, laut Veranstaltern bis zu 100.000 Menschen teil.

22. Oktober - 27. November 2010: In acht Runden Schlichtung streiten sich Befürworter und Gegner über die Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs.

30. November 2010: Der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler spricht sich in seinem Schlichterspruch für den Weiterbau aus, verlangt aber Nachbesserungen.

27. November 2011: Stuttgart-21-Gegner erleiden eine Niederlage bei der Volksabstimmung: 58,8 Prozent der Teilnehmer stimmen gegen einen Ausstieg des Landes aus der Finanzierung des Bahnprojekts.

5. März 2013: Der Aufsichtsrat der Bahn billigt die vom Vorstand vorgeschlagene Erweiterung des Finanzrahmens um zwei Milliarden auf 6,5 Milliarden Euro.

23. Juli 2013: Erstmals äußert Bahnvorstand Volker Kefer öffentlich Zweifel, ob der Tiefbahnhof 2021 in Betrieb gehen kann. Derzeit wird ein Starttermin im Jahr 2023 nicht mehr für ausgeschlossen gehalten.

26. November 2014: Das Landgericht Stuttgart stellt den Prozess gegen zwei Polizeiführer, die am Einsatz gegen Stuttgart-21-Demonstranten beteiligt waren, wegen geringer Schuld ein.

18. November 2015: Das Verwaltungsgericht Stuttgart erklärt den Wasserwerfer-Einsatz gegen die Demonstranten 2010 für rechtswidrig. Beim Protest gegen die Baumrodungen im Schlossgarten habe es sich rechtlich gesehen um eine vom Grundgesetz besonders geschützte Versammlung gehandelt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) entschuldigt sich bei den Opfern.

6. Dezember 2015: Die Stuttgart-21-Gegner gehen zum 300. Mal auf die Straße.

2. Mai 2016: Die grün-schwarze Koalition präsentiert ihren Koalitionsvertrag, in dem es zu Stuttgart 21 heißt: In Gesprächen mit der Bahn hält das Land an dem Ziel fest, sich nicht über die zugesagten 930 Millionen Euro hinaus an dem Vorhaben zu beteiligen.

15. Juni 2016: Der Rückzug des Bahn-Managers Volker Kefer, der für Stuttgart 21 verantwortlich zeichnet, wird bekannt. Dies wird von den Stuttgart-21-Gegnern als „Eingeständnis des Scheiterns“ interpretiert. Der Bahn-Aufsichtsrat hatte sich über zu späte Information über Kostensteigerungen und Bauverzögerungen beklagt.

5. Juli 2016: Es geraten Inhalte des Prüfberichts des Bundesrechnungshofes zu Stuttgart 21 an die Öffentlichkeit. Danach könnte das Vorhaben bis zu zehn Milliarden Euro kosten.

16. September 2016: Die Bahn feiert die Grundsteinlegung für die riesige Betonplatte - das Fundament für Gleise und Bahnsteige.

 

Die Vision der Gegner - Kopfbahnhof 21

Die Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 haben ein Alternativkonzept für das Mammutprojekt entwickelt. Kern ist, dass der bisherige Kopfbahnhof (K 21) bestehen bleibt und modernisiert wird. Eine wichtige Frage ist: Was passiert mit der ausgehobenen Riesen-Baugrube? Vorstellbar ist eine Parkgarage im Untergeschoss des etwa zwölf Meter tiefen Lochs. Darüber soll dann ein Fernbusbahnhof und ein großzügiger Abstellplatz für Fahrräder entstehen. Angeschlossen sind demnach auch Mietwagen-Firmen. Die Station soll damit zu einem Mobilitätsdrehkreuz werden.

Die Bahnsteige sollen in Abstimmung mit den Gewölben in der Bahnhofshalle im Bonatz-Bau mit einem in vier Abschnitte unterteilten
Glasdach überspannt werden. Der abgerissene Südflügel soll mit langgestreckten Glasbauten wiederhergestellt werden, die von vier
Steingebäuden unterbrochen werden. Auch der Nordflügel soll in Teilen wieder aufgebaut werden. Die Baugrube in Richtung Schlossgarten könnte nach den Ideen des Aktionsbündnisses in ein Amphitheater umgewandelt werden - analog zu einer früheren, weit kleineren Stätte neben dem ebenfalls abgerissenen Landespavillon.

zur Startseite

von
erstellt am 16.Sep.2016 | 13:43 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen