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PSA und General Motors : Peugeot übernimmt Opel: Was bedeutet das für Jobs, Standorte und Modelle?

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Experten sind sich einig, dass nun harte Sanierungsschritte folgen müssen. Fragen und Antworten zum Thema.

Paris/Rüsselsheim | Nun ist es offiziell: Der französische Autokonzern PSA übernimmt den Autohersteller Opel. Nicht weniger als einen „europäischen Champion“ will PSA-Chef Carlos Tavares mit der Übernahme des deutschen Konkurrenten schmieden. Doch bis beide Seiten wie in der französischen Filmkomödie „ziemlich beste Freunde“ werden können, sind noch harte Sanierungsschritte nötig, sind sich die Experten einig.

Opel hatte es wegen der Brexit-Entscheidung im vergangenen Jahr nicht geschafft, wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen. In Großbritannien ist die Schwestermarke Vauxhall beheimatet. Im PSA-Konzern solle Opel bis 2020 profitabel werden, kündigte PSA-Finanzchef Jean-Baptiste de Chatillon an. Dabei werden vermutlich viele Arbeitsplätze gestrichen.

Vor allem in den Opel-Werken ist die Sorge mit den Händen zu greifen, dass nach einer Trennung von der bisherigen Konzern-Mutter General Motors (GM) tausende Jobs auf der Strecke bleiben könnten. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Besteht durch die Übernahme die Chance auf zusätzliche Märkte oder Mehrverkäufe?

Nein, sagt Branchenspezialist Ferdinand Dudenhöffer. PSA und Opel seien mit ähnlichen Modellpaletten beide zu stark auf Europa konzentriert und hätten in den vergangenen Jahren beständig Marktanteile verloren. Tavares habe PSA in den vergangenen Jahren allein mit drastischen Sparmaßnahmen auf Gewinnkurs gebracht - ein Konzept, das er nun bei Opel wiederholen könnte.

Sind Arbeitsplätze gefährdet?

Dass Stellen gestrichen werden, befürchten viele - auch die Mitarbeiter. „Am Ende macht ein Käufer doch, was er will“, sagte der Berater Marc Staudenmayer dem „Manager Magazin“. Tavares könne bei Opel „locker“ 10.000 Arbeitsplätze streichen, wenn er die Produktion straffe und zentrale Funktionen künftig von Paris aus erledigen lasse. Zusagen zur Eigenständigkeit des Unternehmens Opel und Jobgarantien für die gut 38.000 Opelaner bis Ende 2018 scheinen wenig wert zu sein, denn nach den Maßstäben solcher Großübernahmen ist das bereits übermorgen.

Hintergrund: Frankreichs Industriepolitik

In Frankreich ist die Rolle des Staates als Akteur in der Wirtschaft deutlich ausgeprägter als in vielen anderen Ländern. Dies erklärt zum Teil auch, warum die Regierung in Paris zunächst gereizt auf die Pläne des Autobauers PSA reagierte, den deutschen Konkurrenten Opel übernehmen zu wollen. Denn sie war angeblich nicht eingeweiht - obwohl der Staat mit rund 14 Prozent der Anteile an dem Unternehmen Peugeot Citroën zu dessen wichtigsten Aktionären gehört. Als PSA vor einigen Jahren stark unter Druck war, setzte Frankreich zudem viel öffentliches Geld zur Stützung ein.

Auch bei anderen als strategisch bedeutend eingestuften Konzernen wie Renault, Airbus oder dem Stromriesen EDF hat der Staat seine Hand als Miteigentümer im Spiel. Das gibt es in Deutschland zum Beispiel mit dem Land Niedersachsen bei Volkswagen oder dem Bund bei der Bahn zwar auch. Frankreichs Industriepolitik zeichnet sich aber grundsätzlich durch einen größeren staatlichen Gestaltungsanspruch aus – es gibt eine weit verbreitete Erwartung, dass der Staat die Wirtschaft aktiv steuern soll. Schon die erfolgreiche Aufholjagd nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Land einen enormen Modernisierungsrückstand wettzumachen hatte, wurde wesentlich vom Staat gelenkt.

Während eine solche Haltung anderswo meist nur von linksgerichteten oder sozialliberalen Regierungen vertreten wird, ist sie in Frankreich auch in konservativen Kabinetten anzutreffen. Hinzu kommt die starke Position der Gewerkschaften in der Gesellschaft. „Es gibt die Überzeugung, dass bestimmte Sachen nicht dem Markt überlassen werden dürfen“, erklärte Matthias Kullas vom Centrum für europäische Politik in Freiburg etwa zur Aufstockung der staatlichen Anteile beim Autobauer Renault 2015.

Laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht des Rechnungshofs macht der Staat aber nicht gerade einen guten Job als Aktionär: Die Einflussnahme sei nur selten das beste Mittel, um gegen den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der französischen Wirtschaft gegenzusteuern.

 

Dem Branchen-Experten Stefan Bratzel zufolge ist der Schrumpfprozess auch bei über 4 Millionen verkauften Autos im Jahr nahezu unausweichlich. Doppelfunktionen etwa bei Marketing, Einkauf und Vertrieb müssten beseitigt, die Produktionskapazitäten in den Werken verringert werden, sagt der Experte von der FH Bergisch-Gladbach. Das werde nicht ohne Stellenverluste abgehen. 

Die PSA-Seite hat bereits eine harte Sanierung hinter sich, seit 2011 sind dort fast 30.000 Jobs gestrichen worden. Auch die beiden Vauxhall-Werke in Großbritannien könnten in abgespeckter Form gesetzt sein, um nach einem Brexit auf der Insel für den dortigen Bedarf zu produzieren. Damit konkurrieren Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach mit anderen Opel-Werken in Polen, Spanien und Österreich.

Bleiben denn alle Fabriken erhalten?

Ob alle Werke erhalten bleiben, ist nicht sicher - Tavares gab am Montag kein Versprechen dazu. „Das einzige, was uns beschützt, ist Leistung“, sagte er auf die Frage, ob alle Standorte erhalten blieben. „Zusammen können wir besser werden.“ Wenn man der Beste sei, sei man auch geschützt.

Hintergrund: Opel - eine jahrelange Krisengeschichte

Der deutsche Autobauer Opel ringt seit den 1990er Jahren um seine Zukunft. Ein Rückblick:

2001: Der erfolglose Opel-Vorstandschef Robert Hendry muss das Handtuch werfen. Sein Nachfolger Carl-Peter Forster versucht, mit dem europaweit angelegten „Restrukturierungsprogramm Olympia“ die Tochter des US-Autobauers General Motors (GM) wieder profitabel zu machen.

2004: GM legt einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter vor, der den Abbau von 12.000 Arbeitsplätzen vorsieht - davon bis zu 10.000 in Deutschland.

2005: Der Betriebsrat und das Opel-Management unterschreiben einen „Zukunftsvertrag“, der die Existenz der Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern bis 2010 sichern soll.

2008: Nach Absatzeinbruch und massiven Verlusten bittet Opel als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll das Unternehmen stützen.

2009: Um nicht in den Strudel der GM-Insolvenz zu geraten, arbeitet Opel an einer Trennung vom Mutterkonzern. Kurz vor der GM-Pleite einigen sich Bund, Länder, GM und das US-Finanzministerium mit dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna auf ein Rettungskonzept. Dann beschließt GM, die 1929 erworbene Tochter doch zu behalten.

2010: Der als harter Sanierer bekannte Nick Reilly wird Opel-Chef. Das Unternehmen baut von 48.000 Stellen in Europa insgesamt 8000 ab.

2011: Der bisherige GM-Chefentwickler Karl-Friedrich Stracke löst Reilly ab, der Chef des GM-Europageschäfts wird.

2012: Opel-Interimschef Thomas Sedran stellt den neuen Plan „Drive Opel 2022“ vor. Neben Kostensenkungen etwa beim Personal und in der Fertigung sind neue Modelle ein wesentlicher Kern. GM und der französische PSA-Konzern unterzeichnen Verträge für eine gemeinsame Auto-Entwicklung und ein Einkaufs-Joint-Venture.

2013: Der bisherige VW-Manager Karl-Thomas Neumann wird Opel-Chef.

2014: Das Opel-Werk in Bochum mit etwa 3300 Beschäftigten wird zum Jahresende geschlossen.

2015: Opel erreicht das beste europäische Absatzergebnis seit 2011.

2016: Nach jahrelangen Verlusten kehrt die Adam Opel AG kurzzeitig in die Gewinnzone zurück, rutscht aber vor allem wegen des schwachen britischen Pfunds nach der Volksabstimmung über den EU-Ausstieg Großbritanniens wieder in die roten Zahlen.

März 2017: Der französische Autokonzern PSA verständigt sich mit GM auf die Übernahme von Opel/Vauxhall.

 

In einer Telefonkonferenz für Analysten sagte Tavares mit Blick auf befürchtete Werksschließungen: „Wir vertrauen Menschen und ihrer Fähigkeit, sich zu verbessern.“ Er sei sicher, dass es in den Fabriken von Opel und Vauxhall viel Effizienzpotenzial gebe. „In der Autoindustrie gibt es das Schließen von Werken. Aber es ist in gewisser Weise eine allzu einfache Art, auf die Dinge zu schauen.“ Er sei sicher, „dass die deutschen und britischen Fabriken am Ende nicht weniger effizient sein wollen als die französischen Fabriken“.

Welche Möglichkeiten haben die Gewerkschaften?

Die Gewerkschaften wissen, dass sie auch mit GM neu hätten verhandeln müssen und sind stark daran interessiert, in die Planung der neuen Mutter eingebunden zu werden. Daher verzichtet die IG Metall auf öffentliche Kritik und Machtdemonstrationen. Der europäische Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug sucht über die Ländergrenzen hinweg nach gemeinsamen Strategien. Das ist in der letzten Opel-Krise 2009 gründlich schiefgegangen, als britische Gewerkschafter einem kräftigen Lohnverzicht zustimmten, wenn statt Ellesmere Port die Werke Antwerpen und Bochum geschlossen würden.

Wie werden die neuen Modelle aussehen?

Wohin die Reise im neuen Konzern gehen wird, ist schon an aktuellen Modellen zu besichtigen, die aus einer 2012 gestarteten Kooperation zwischen GM und PSA entstanden sind. In weiten Teilen baugleich rollen gerade der Opel Crossland X, der Citroen C3 Picasso und der Peugeot 2008 auf die Straßen, allesamt im Opel-Werk Saragossa gefertigt. „Alles was man sehen und berühren kann, stammt von Opel“, sagt Crossland-Chefingenieur Olaf Kaden. Das Übrige kommt weitgehend aus dem PSA-Baukasten und steht auf einer Plattform der Franzosen.

Die gemeinsamen Modelle haben zahlreiche Kostenvorteile nicht nur im Einkauf. Sofern bereits erprobte Teile eingebaut werden, entfällt aufwendige Prüf- und Zertifizierungsarbeit. Das Rad muss sozusagen nicht jedes mal neu erfunden werden. Trotz vieler Gleichteile ist ein unterschiedliches Tuning möglich. Deutsche Ingenieure und Kunden achten mehr auf fahrstabiles Handling, während bei den Franzosen der Komfort an erster Stelle der Fahrwerksabstimmung steht. Zwei andere Gemeinschaftsautos entstehen bereits in den PSA-Werken am Stammsitz Sochaux und im nordspanischen Vigo.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Wettbewerbshüter müssen der Übernahme noch zustimmen. Bis Ende des Jahres soll das Geschäft unter Dach und Fach sein.

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erstellt am 06.Mär.2017 | 15:06 Uhr

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