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Europäische Chemikalienagentur ECHA : Neues Gutachten: Unkrautvernichter Glyphosat „nicht krebserregend“

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Umweltverbände halten das Gift für krebserregend und fordern ein EU-weites Verbot. Ein wichtiges Gutachten widerspricht.

Helsinki | Ein neues Gutachten stuft den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat nicht als krebserregend ein. Die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse erfüllten nicht die Kriterien, um Glyphosat als krebserregend zu bewerten, hieß es in dem Gutachten der europäischen Chemikalienagentur ECHA am Mittwoch in Helsinki. Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Die Risiken sind aber unter Experten umstritten. Im vergangenen Sommer hatte die EU-Kommission entschieden, dass das Mittel bis Ende 2017 zugelassen bleibt, weil sich die EU-Länder nicht über ein Verbot oder eine Verlängerung hatten einig werden können.

Der Unkrautvernichter Glyphosat sorgt immer wieder für Schlagzeilen: zuletzt, als Spuren davon in Bier nachgewiesen worden waren. Die Verbraucher sind angesichts verschiedener Studien verunsichert und auch in der Politik ist das Thema umstritten.

Die Echa-Experten stuften das umstrittene Mittel weiter als eine Substanz ein, die die Augen ernsthaft schädige und giftig für Organismen im Wasser sei. Nach einer redaktionellen Kontrolle schickt die ECHA ihre Bewertung, auf deren Grundlage neu über die Zulassung von Glyphosat entschieden werden soll, an die EU-Kommission. Diese erklärte am Mittwoch, sie habe die Bewertung zur Kenntnis genommen. Nach Eingang der endgültigen Version werde sie ihre Diskussionen mit den EU-Mitgliedsstaaten wieder aufnehmen.

Hintergrund: Wo und wie wird Glyphosat eingesetzt?

Glyphosat wird seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre weltweit zur Unkrautbekämpfung eingesetzt – in der Landwirtschaft, der Industrie und auch in privaten Haushalten – in Deutschland auf rund 40 Prozent der Felder. Bundesweit wurden laut Umweltbundesamt im Jahr 2012 knapp 6000 Tonnen reine Wirkstoffmenge aufgebracht.

Das Breitbandherbizid hemmt ein für das Wachstum der Pflanze wichtiges Enzym. Nutzpflanzen können mittels Gentechnik eine Resistenz gegen Glyphosat erhalten. In Deutschland spielen diese Pflanzen allerdings keine Rolle. Die deutsche Landwirtschaft setzt das Pestizid um die Aussaat herum, zwischen Ernte der Winterfrucht und Aussaat der Sommerfrucht ein. Stark eingeschränkt auch vor der Ernte.

2015 wurde Glyphosat von mindestens 91 Chemieunternehmen in 20 Ländern hergestellt und in über 130 Ländern verkauft. Bekannte Unkrauftvernichter mit Glyphosat heißen „Round Up“ (Monsanto), „Glyfos“ (Cheminova) oder „Touchdown“ (Syngenta). Dabei werden Glyphosat oft noch Beistoffe zugemischt. Diese Stoffe sind nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zum Teil giftiger als das Glyphosat selbst.

Der Stoff steht im Verdacht, krebserregend zu sein, allerdings sind die Forschungsergebnisse unter Experten umstritten. Zuletzt fanden sich in einer Studie zweier UN-Organisationen keine Hinweise darauf, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme zu genetischen Zellveränderungen führt. Rückstände des Giftes lassen sich in Tierfutter, Brot, Bier, Wein, Saft und auch im Urin von Menschen nachweisen.

 

Die Umweltorganisation BUND forderte, die Zulassung des Unkrautvernichters zum Jahresende auslaufen zu lassen. „Eine weitere Verlängerung der Zulassung wäre fahrlässig“, sagte Pestizidexpertin Heike Moldenhauer laut einer Mitteilung. Glyphosat sei nicht nur für Menschen gesundheitsgefährdend, sondern auch maßgeblich für das Artensterben in der Agrarlandschaft verantwortlich.

Eine europäische Bürgerinitiative, bei der Umweltorganisationen aus 13 Ländern mitmachen, will bis Ende Juni eine Million Stimmen gegen das Unkrautgift sammeln und ein EU-weites Verbot durchsetzen. Damit eine solche Initiative die EU-Kommission veranlassen kann, in ihrem Sinne zu entscheiden, sind mehr als eine Million Unterschriften aus mindestens sieben EU-Staaten notwendig. Die Kommission kann das Gesuch aber auch ablehnen.

Hintergrund: Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)

Die ECHA (European Chemicals Agency) ist eine EU-Behörde. Sie regelt die technischen, wissenschaftlichen und administrativen Aspekte bei der Registrierung, Bewertung und Zulassung von Chemikalien und handelt nach einem einheitlichen Verfahren innerhalb der EU.

Sie besteht aus mehreren Ausschüssen und einem Sekretariat. Der Hauptsitz ist in Helsinki (Finnland). Registrierungsunterlagen der Hersteller und Importeure werden hier geprüft. Der Verwaltungsrat als oberstes Steuerungsgremium besteht aus Vertretern der Mitgliedsstaaten, der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments sowie Interessensgruppen.

Im Fall von Stoffen wie Glyphosat erarbeitet die ECHA zusammen mit den Behörden der Mitgliedsstaaten Stellungnahmen zu den von den Stoffen ausgehenden Risiken und zu sozioökonomischen Folgen einer Zulassung, eines Verbots oder einer Beschränkung.

 

Die Einstufung durch die Chemikalienagentur sei „unverständlich für alle, die besseren Schutz vor unverantwortlichen und unnötigen Risiken fordern“, sagte Harald Ebner, Glyphosat-Experte der Grünen Bundestagsfraktion, am Mittwoch. „Die Entscheidung der ECHA schafft für die EU-Kommission ein Schlupfloch, um nach der 18-monatigen Übergangsfrist Glyphosat erneut in der EU für die nächsten Jahre zuzulassen“, erklärte Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament, in einer Mitteilung.

Der Industrieverband Agrar begrüßte die Entscheidung dagegen. „Die ECHA bestätigt, was Zulassungsbehörden in aller Welt immer wieder festgestellt haben: Glyphosat ist nicht krebserregend“, erklärte der kommissarische Agrar-Hauptgeschäftsführer Dietrich Pradt. Er forderte die Bundesregierung auf, sich für einen zügigen Genehmigungsprozess in Brüssel einzusetzen.

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erstellt am 15.Mär.2017 | 14:38 Uhr

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