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Wirtschaft

03. Dezember 2016 | 14:38 Uhr

Wirtschaft in SH : Mindestlohn-Erhöhung: 50 Millionen Euro für Geringverdiener

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

128.000 Arbeitnehmer in SH profitieren von der Mindestlohn-Erhöhung. Für viele dürfte sie nicht ausreichen.

Positive Nachrichten für rund 128.000 Geringverdiener in Schleswig-Holstein: Sie profitieren nach Angaben des DGB Nord von der Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 auf 8,84 Euro pro Stunde. Diese spült ab 1. Januar 2017 jährlich 50 Millionen Euro zusätzlich in die Taschen der Arbeitnehmer im Land, so die Gewerkschaft.

Uwe Polkaehn sieht durch die Erhöhung auch positive Impulse für die Wirtschaft und einen Schub für die Branchenlöhne. „Der Lohntrend geht nach oben, und das muss er auch. Nur so bleibt der Norden konkurrenzfähig im Wettbewerb um Fachkräfte.“ Gleichzeitig warnt der DGB-Vorsitzende vor verfrühter Freude: „Auch vom neuen Mindestlohn kann sich niemand ein schönes Leben mit einer auskömmlichen Rente leisten. Attraktiv werden Firmen nur, wenn sie gute Arbeitsbedingungen bieten – das muss man gerade der Gastronomie und Tourismusbranche hierzulande immer wieder sagen.“ Der Nachholbedarf bei den Einkommen sei nach einem Jahrzehnt der Stagnation enorm.

Der Unternehmensverband UV-Nord ist derweil durch die Erhöhung des Mindestlohns alarmiert. „Wer diesen Mindestlohn nicht erwirtschaften kann, wird vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Die Hürden zur Integration in den ersten Arbeitsmarkt, insbesondere von Schwächeren, Geringqualifizierten und Menschen, die noch nie gearbeitet haben, erhöhen sich mit der Anhebung um 34 Cent deutlich“, kritisiert UV-Nord-Präsident Uli Wachholtz. Er befürchtet, dass sich die Spirale weiter steigender Mindestlöhne gerade vor den anstehenden Wahlkämpfen weiterdrehen wird. „Dabei wird zunehmend vergessen, dass die negativen Folgen des Mindestlohns derzeit von einer guten Konjunktur überdeckt werden, doch das Blatt kann sich schnell wenden.“

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) begrüßt hingegen die anstehende Mindestlohn-Erhöhung und den damit verbundenen Kaufkraft-Zuwachs – wenngleich dieser bei einer Gesamtkaufkraft von jährlich rund 62 Milliarden Euro gering ist. Meyer erinnert daran, dass es bei der Einführung des Mindestlohns immer darum gegangen sei, untere Einkommensschichten zu stärken. „Die Zahlen des DGB machen deutlich, dass dies gelungen ist“, erklärt er.

Mehr Geld gibt es ab 1. Januar nicht nur für die Bezieher des gesetzlichen Mindestlohns, sondern auch etlicher Branchen-Mindestlöhne. Lagen diese bisher unter 8,50 Euro, werden sie zum Jahresbeginn automatisch auf dieses Niveau angepasst. Bisher galten für Branchen wie Land- und Forstwirtschaft entsprechende Ausnahmeregelungen. Ab 1. Januar 2018 müssen dann alle Beschäftigten den erhöhten gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro bekommen.


Kommentar: 34 Cent, die nicht reichen

Von Julian Heldt

Mehr Geld für 128.000 Geringverdiener in Schleswig-Holstein und ein Kaufkraftgewinn von 50 Millionen Euro: Was im ersten Moment äußerst positiv klingt, dürfte für viele Betroffene blanker Hohn sein. Denn während sich Politiker der Großen Koalition für die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns von 8,50  auf nunmehr 8,84 Euro pro Stunde kräftig auf die Schulter klopfen, profitieren die Geringverdiener kaum. Gerade einmal 54,40 Euro mehr werden Mindestlohn-Bezieher am Monatsende auf dem Lohnzettel stehen haben – brutto versteht sich.

Nach Abzug der zuletzt wieder anziehenden Inflation und der geplanten Erhöhung der Beiträge zur Pflegeversicherung, wird am Ende nicht mehr viel übrig bleiben. Vielleicht reicht es für einen Kino-Besuch. Mehr aber auch nicht. Bezeichnend ist zudem, dass in Schleswig-Holstein fast jeder zehnte Erwerbstätige auf den Mindestlohn angewiesen ist. Viele davon im Hotel- und Gaststättengewerbe. Dabei ist es gerade diese Branche, die in den vergangenen Jahren durch den Tourismusboom  kräftig verdiente. Kein Wunder also, dass es vielen Betrieben immer schwerer fällt, geeignetes Personal zu finden.

Und genau hier liegt das Problem: Wer in Zeiten von Fachkräftemangel und demografischem Wandel glaubt, dass ein Stundenlohn von 8,84 Euro reicht, der wird mittelfristig gewaltige Probleme bekommen. Die Lösung kann nur in der Zahlung von gerechten Löhnen liegen. Wer jeden Tag gute und harte Arbeit abliefert, der muss von seinem Geld auch leben können – auch nach dem Berufsleben. Mit dem Mindestlohn ist dies nicht zu schaffen.

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erstellt am 28.Okt.2016 | 19:57 Uhr

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