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Wirtschaft

11. Dezember 2016 | 03:24 Uhr

Preisverfall : Milch an die Börse? Termingeschäfte könnten die Krise entschärfen

vom

Landwirte in ganz Europa ächzen unter dem Milchpreis-Verfall. Der Deutsche Bauernverband bringt nun eine neue Idee ins Spiel.

Berlin | Billige Milch freut die Kunden im Supermarkt - doch viele Bauern bangen wegen des anhaltenden Preistiefs um ihre Existenz. Nun gibt es einen neuen Vorschlag, um Stabilität in den Milchmarkt zu bekommen: den Aufbau eines sogenannten Terminhandels, den es etwa für Getreide seit langem gibt. Fragen und Antworten dazu:

Was sind eigentlich Terminmärkte?

Im Wirtschaftsleben folgen Bezahlung und Lieferung einer Ware oft sofort auf Bestellung oder Vertragsschluss. An den Finanzmärkten gibt es daneben viele Deals, bei denen die Abwicklung des Handels in der Zukunft liegt - zum Teil zu schon heute vereinbarten Konditionen. Ein Landwirt kann zum Beispiel seine nächste Getreideernte verkaufen, obwohl es sie noch nicht gibt. Der Preis dazu wird mitunter schon jetzt für die Zukunft festgelegt. Käufer und Verkäufer einigen sich also auf eine Umsetzung „per Termin“.

Warum sind Termingeschäfte für Bauern wichtig?

Auch im Handel mit Agrargütern gibt es diese Geschäfte. Großhändler und Verarbeiter versuchen, sich mit Vorverträgen Teile künftiger Ernten zu sichern. Der Bauernverband schlägt für Milch nun Ähnliches vor. „Genossenschaften und Molkereien könnten Preisvorteile dann an die Landwirte weitergeben“, heißt es. Termingeschäfte sind eine Spekulation auf die Preisentwicklung: Wenn die Möglichkeit größerer Schwankungen besteht, kann es sich lohnen, auf den künftigen, noch unbekannten Preis zu setzen.

Ziel ist es, beim Liefertermin Gewinn aus der Differenz zu ziehen.

Bauern oder ihre Genossenschaften könnten also dann ein gutes Geschäft machen, wenn sie sich einen aktuellen Preis für die Zukunft sichern - und die Preise später in den Keller gehen. Sollten sie später aber unerwartet steigen, müssen Landwirte auf dieses Plus in diesen Fällen verzichten - und könnten auch Verluste einfahren.

Wo gibt es schon Terminmärkte?

Vor allem im Handel mit Metallen, Kohle und Erdöl. Im Gegensatz zur Milch gibt es für solche Rohstoffe seit langem Börsen, an denen Tag pro Tag Milliardenumsätze anfallen. Bei Agrargütern wie Getreide, Zucker oder Baumwolle sind dies vor allem Chicago und Paris. Metalle wie Kupfer und Zink werden an der London Metal Exchange gehandelt.

Für Währungen und Aktien gibt es ebenfalls „Futures“. Energiekonzerne wie Eon oder RWE verkaufen riesige Mengen Strom über Terminbörsen, um schon Jahre im Voraus mit der Preisentwicklung kalkulieren zu können.

Welche Vorteile könnten diese Geschäfte für Milchbauern haben?

Es gebe gute Chancen, den Preisverfall abzuschwächen, heißt es beim Bauernverband - wenn sich die Unsicherheit über künftige Preise durch feste Terminkontrakte senken lässt. Trotz leichter Erholung hatten die Landwirte zuletzt im Schnitt 23 Cent je Liter erhalten. Um die Kosten zu decken, gelten mindestens 35 Cent als erforderlich.

Generell soll Terminhandel die Märkte stabilisieren. „Auch wenn nur eine Handvoll Teilnehmer dabei ist, wäre das sinnvoll“, meint Commerzbank-Rohstoffanalyst Eugen Weinberg. „Es würde Transparenz schaffen.“ Seiner Ansicht nach würden nicht einzelne Bauern in das Termingeschäft einsteigen, sondern eher größere Molkereien oder Genossenschaften.

Die Hoffnung ist zudem: Man könnte so die Politik entlasten. Berlin hat den Milchbauern ein „Maßnahmenpaket“ mit Bürgschaften, Steuerentlastungen und aufgestockten Hilfen zugesagt. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) hatte jedoch bereits im Juli Erwartungen an eine rein politische Lösung nach dem Ende der EU-Milchquote gedämpft.

Wo lauern Gefahren des Terminhandels?

Geht eine Terminspekulation auf, wird die Risikobereitschaft belohnt.

Kritik entzündet sich daran, dass das auch für Erträge, die noch gar nicht eingefahren sind, zutreffen kann. Aus Sicht mancher Beobachter mutet es zynisch an, mit Wetten auf den Wert von Nahrungsmitteln Geld zu verdienen. Einige Banken haben das Geschäft an den Nagel gehängt.

Auch können unerwartete Schocks wie Missernten den Terminpreis platzen lassen. Dann drohen Verluste. Und Skeptiker weisen auf möglichen Missbrauch durch Insider-Spekulation (Wetten „gegen den Markt“) oder Leerverkäufe (Spekulation mit bloß geliehenen Zertifikaten) hin.

Aber ist Spekulation denn immer etwas Schlechtes?

Zumindest bei realen Gütern kann sie stabilisierend wirken, wenn etwa nach der Ernte ein Teil des Angebots durch Lagerung verknappt und die Erzeugerpreise so gefestigt werden. Spekulation ohne Vorabverträge („Kassa“) nimmt den Akteuren andererseits einen Teil der Lagerhaltung ab. Es kommt also immer auf die Umstände an, betont Weinberg: Als Grundmechanismus sei Spekulation wichtig. Instabilität kann sie aus Sicht vieler Ökonomen dagegen vor allem bei Finanzprodukten auslösen.

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erstellt am 26.Okt.2016 | 11:40 Uhr

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