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Wirtschaft

29. Juli 2016 | 21:43 Uhr

Holzpellet-Weltmarktführer : Mega-Pleite von German Pellets: Beim Spiel mit dem Feuer verheizt

vom
Aus der Onlineredaktion

Das Scheitern von German Pellets offenbart ein hemmungsloses Expansionsstreben. Zuletzt hatte die Wismarer Firma 27 Tochterunternehmen - eine Analyse.

Wismar | Holzpellets und Geldscheine haben eines gemeinsam: Sie können verbrannt werden. Bei Geldscheinen bedarf es nicht mal eines Feuers, wie die aktuelle Pleite des in der Hansestadt Wismar ansässigen Holzpellet-Herstellers German Pellets belegt. Wenn der Scherbenhaufen zusammengekehrt ist, könnte sich die Summe des verbrannten Geldes aus Anleihen und Genussrechten auf gewaltige 760 Millionen Euro belaufen. Davon entfielen im äußersten Fall des Totalverlustes allein 270 Millionen Euro auf die drei Unternehmensanleihen, die German Pellets zwischen 2011 und 2014 emittiert hatte, und auf zusätzlich ausgegebene Genussrechte.

German Pellets wollte zu viel: Schon seit längerem scheint sich die Schieflage des Brennstoffherstellers abgezeichnet zu haben. Die Angestellten bangen um ihre Gehälter und Jobs, die Lieferanten streiken und die Besitzer von Pellett-Öfen sorgen sich um die Versorgung mit Brennmaterial.

In den USA müssen Anleger befürchten, dass sich 546 Millionen US-Dollar (ca. 490 Mio. Euro) in Luft auflösen, die sie in Anleihen für zwei US-Produktionsstandorte von German Pellets in Texas und Louisiana gesteckt haben. Ungleich zu beziffern ist der Verlust, den die rund 600 Mitarbeiter des German-Pellets-Konzerns, davon 150 im Stammwerk in Wismar, erleiden, sollte das Unternehmen keine Rettung erfahren.

Hintergrund: Insolvenz und ungewisse Zukunft

Nach dem Insolvenzantrag von German Pellets ist die Zukunft des Brennstoff-Herstellers unklar. Am Donnerstag verschaffte sich die vorläufige Insolvenzverwalterin Bettina Schmudde einen ersten Überblick über den Zustand des Wismarer Unternehmens.

Eine Einschätzung traf die Anwältin zunächst nicht. Wie ihr Sprecher Wolfgang Weber-Thedy sagte, läuft der Geschäftsbetrieb in Wismar momentan normal. Derzeit werde ein Termin gesucht, um die Belegschaft über die weiteren Schritte zu informieren.  Die German Pellets GmbH war mit ihrem Insolvenzantrag in Eigenverwaltung beim Amtsgericht Schwerin vorerst gescheitert. Das Gericht will über die Art des Insolvenzverfahrens erst nach dem Votum eines vorläufigen Gläubigerausschusses entscheiden. Direktorin Monika Köster-Flachsmeyer begründete dies damit, dass die Anlegerstruktur von German Pellets sehr unübersichtlich sei. Der Gläubigerausschuss müsse entsprechend der Anlegerstruktur zusammengesetzt sein. Das Unternehmen hatte einen Gläubigerausschuss präsentiert, der eine Insolvenz in Eigenverantwortung befürwortete - dieser aber wurde vom Gericht vorerst nicht akzeptiert.

Die Anlegerseite begrüßte die Einbestellung der vorläufigen Insolvenzverwalterin. Es gebe ein großes Informationsdefizit, kritisierte Anlegervertreter Klaus Nieding, Vorstand der Rechtsanwaltsaktiengesellschaft Nieding+Barth. Ihm zufolge kann die German Pellets GmbH jetzt nicht mehr über das Vermögen des Unternehmens frei verfügen. Nieding forderte, die privaten Anleihegläubiger und Genussrechtsinhaber müssten nun auch einen Vertreter im vorläufigen Gläubigerausschuss bekommen.

Tausende Geldgeber fürchten um ihre Anlagen in dreistelliger Millionenhöhe. Zum 1. April ist eine Anleihe mit einem Volumen von 52,4 Millionen Euro fällig. Zudem ist German Pellets bei Anlegern über zwei weitere, ebenfalls mit 7,25 Prozent verzinste Anleihen mit weiteren 172 Millionen Euro in der Schuld. Deren Laufzeit endet aber erst 2018 beziehungsweise 2019. Die Anleihen verloren zuletzt dramatisch an Wert.

Der Deutsche Energieholz- und Pellet-Verband (DEPV) rechnet trotz der Insolvenz des Unternehmens nicht mit einem Versorgungsengpass in Deutschland. Die Kapazität der deutschen Pelletwerke betrage mehr als drei Millionen Tonnen im Jahr, bei einem Verbrauch von zwei Millionen Tonnen. Der DEPV-Vorsitzende Andreas Lingner betonte zugleich, die Pleite sei „ein Fingerzeig an die Politik, am Heizungsmarkt mehr für die Energiewende in Deutschland zu tun“.

Die Pleite könnte auch Deutschlands größten Energiekonzern Eon beziehungsweise dessen Kraftwerksabspaltung Uniper treffen. German Pellets hat noch kurz vor der Insolvenz nahe Genk in Belgien das 550-Megawatt-Steinkohlekraftwerk Langerlo von Eon/Uniper gekauft, wie ein Uniper-Sprecher bestätigte. Damit sei das Wismarer Unternehmen auch Arbeitgeber der rund 100 Kraftwerksbeschäftigten. Zum Kaufpreis und zu der Frage, ob German Pellets vor der Insolvenz noch gezahlt hat, machte der Sprecher keine Angaben.

 

Da nun die Hütte brennt, erschallen laut die „Feurio, Feurio!“-Rufe, und das Erschrecken ist groß. Wie konnte das geschehen? Ein Unternehmen, das 2005 in Selfmade-Manier von Peter Leibold, geschäftsführender Gesellschafter der German Pellets GmbH, gegründet worden war und sich binnen eines Jahrzehnts zum weltgrößten Hersteller von Holzpellets aufgeschwungen hatte, bricht wie ein ausgebrannter Dachstuhl zusammen, alles unter sich begrabend. Peter Leibold, der in den Anfängen seiner beruflichen Laufbahn zunächst im Zeitungsverlagswesen und später in einem österreichischen Sägewerk-Imperium das Manager-Einmaleins erlernte, setzte mit der eigenen Firmengründung zum großen Karrieresprung an und mit der Produktion von Holzpellets auf den perspektivischen Markt der Erneuerbaren Energien. Nicht von ungefähr erwählte er das Wismarer Industriegebiet Haffeld zum Firmensitz. Das Haffeld gilt als Holzcluster. Leibold hatte als Geschäftsführer ab 1998 den Aufbau des Sägewerkes am Standort gemanagt, das heute zur russischen Ilim-Timber-Gruppe gehört. Wismar ist vor allem logistisch für die Ein- und Ausfuhr von Holzprodukten über See sowie Schiene und Straße prädestiniert.

Hintergrund: Beschäftigte von Insolvenz kaum überrascht

Für die Beschäftigten des insolventen Holzverarbeiters German Pellets hat sich der Niedergang des Unternehmens schon seit längerem abgezeichnet. Reparaturen an den Produktionsmaschinen seien meist nur notdürftig, oft gar nicht mehr erfolgt, berichteten Mitarbeiter auf einer Gewerkschaftsveranstaltung am Donnerstagabend in Wismar. Dazu eingeladen hatte die IG Metall, die auch für Arbeitnehmer in der Holzverarbeitung zuständig ist, um die Beschäftigten über Rechte und Pflichten im Insolvenzfall zu informieren.

Wie am Mitte des Montats bekannt wurde, haben die rund 150 German- Pellets-Mitarbeiter in Wismar ihre Löhne nahezu pünktlich erhalten.

Die Zahlungen seien angesichts der noch ausstehenden Verfahrenseröffnung als Vorschuss auf das Insolvenzgeld geleistet worden, sagte ein Sprecher der vorläufigen Insolvenzverwalterin Bettina Schmudde.

Zur finanziellen Situation des Unternehmens machte der Sprecher keine Angaben. Laut „Handelsblatt“ (Donnerstag) soll die Insolvenzverwalterin nur 5000 Euro in den Firmenkassen vorgefunden haben. Derlei Berichte würden nicht kommentiert, hieß es.

Schmudde selbst informierte am Donnerstag die Belegschaft erneut über den Stand der Dinge. Dem Vernehmen nach sagte sie eine zügige Bestandsaufnahme zu, um das Verfahren möglicherweise doch schon Anfang April eröffnen zu können. Zuvor war auch Mai im Gespräch.

Allerdings läuft das Insolvenzgeld nur bis Ende März. Nach Angaben der Beschäftigten fehlt im Wismarer Betrieb seit Monaten das Holz für die Produktion der für Heizzwecke genutzten Pellets. „Wir haben weder Rohstoff, noch Diesel, um die Produktion fortzusetzen“, sagte einer der Mitarbeiter.

Das Geschäftsmodell von German Pellets wurde zu Beginn vor allem von der nachhaltigen und gesellschaftsfähigen Idee getragen, den fossilen Energieträgern Erdgas und Erdöl, die den Heizungsmarkt in Deutschland zu 75 Prozent dominieren, eine umweltschonende Alternative entgegenzusetzen. Holz wächst nach und erzeugt weniger CO2-Ausstoß. Mit dem rapiden Anstieg des Erdölpreises zeitweilig über die 100-Dollar-Marke pro Barrel (159 Liter) schien Leibolds Rechnung aufzugehen. Doch schon damals geriet das Unternehmen unter Zugzwang. Um die im Wismarer Werk installierte Produktionskapazität von ca. 2,2 Millionen Tonnen auszulasten, mussten rasch ausländische Märkte erschlossen werden. Denn in ganz Deutschland wurden im Jahr 2008 lediglich 900 000 Tonnen Holzpellets verbraucht. Zuletzt erreichte die Jahresmenge 2014 und 2015 jeweils rund 1,8 Millionen Tonnen.

Kapitalintensiver Expansionskurs

German Pellets schlug einen rasanten und kapitalintensiven Expansionskurs ein. Nach eigenen Angaben wuchs sich die Firmengruppe bis dato auf insgesamt 27 Tochterunternehmen aus, an denen German Pellets überwiegend zu 100 Prozent beteiligt ist. Es wurden unmittelbare Konkurrenten in Deutschland und Österreich aufgekauft und neue Unternehmen unter anderem in Italien und den USA gegründet. Sieben von den 27 Firmen produzieren, die anderen verteilen sich auf Vertrieb (9), Zwischenholding (7) sowie Logistik (3) und Finanzierung (1). Auf diese Weise wurde für viel Geld auch Umsatz hinzugekauft. In den Jahren 2011 und 2012 gelangen so Umsatzsprünge von plus 121 Millionen bzw. 233 Millionen Euro (Angaben German-Pellets). Für 2014 verbuchte die German-Pellets-Gruppe 593 Millionen Euro Umsatz.

Nach aktuellen Medienberichten soll auch die German Pellets Supply GmbH & Co. KG mit Sitz in Wismar, die nicht zum German-Pellets-Konzern gehört, aber von Peter Leibold geführt wird, zu den beeindruckenden Umsatzanstiegen beigetragen haben. Rohstoffe sollen - die Firma beschäftigt sich mit der Beschaffung von Holz und Sägerestholz - zwischen German Pellets und German Pellets Supply hin- und her verkauft worden sein.

Beeindruckende Geschäftszahlen benötigte Peter Leibold. Denn Investoren sind nicht nur über das gute Gewissen, etwas der Umwelt zuliebe zu tun, für den Kauf von Unternehmensanleihen zu erwärmen. Mit avisierten Renditen von 7,25 Prozent und bei Genussrechten von 8 Prozent fing manches Anlegerherz an zu lodern. In Zeiten niedrigster Zinsen bei konventionellen Spareinlagen verwundert dies nicht. Was konkret mit den Anleihe-Millionen geschehen ist, lässt sich in dem kaum noch zu durchschauenden Leiboldschen Firmengeflecht schwierig nachvollziehen. Bekannt ist, dass German Pellets auch als Darlehensgeber für externe Firmen aufgetreten ist. Mit großem Risiko. So reichte German Pellets an die angeschlagene Kago Wärmesysteme GmbH, deren Eigner Peter Leibold ist, einen Kredit in Höhe von 23,6 Millionen Euro aus. Kago meldete Anfang des Jahres 2016 Insolvenz an.

In derartigem Geschäftsgebaren einen Interessenkonflikt zu erkennen, bedarf keines großen ökonomischen Grundwissens. Im Gegenteil. Den geprellten German-Pellets-Anlegern hätte ein genauer Blick in das jüngste Verkaufsprospekt für Genussrechte von German Pellets vom 31. August 2015 genügt, um die Gefahr eines Totalverlustes erkennen zu können. Darin werden auf 15 (!) Druckseiten alle denkbaren Risikoszenarien aufgezeigt. So heißt es unter anderem: „Aufgrund der vielfältigen Geschäftsbeziehungen zwischen Gesellschaften der German-Pellets-Gruppe und Gesellschaften außerhalb der German-Pellets-Gruppe, die von Herrn Leibold bzw. seiner Ehefrau gemanagt werden, könnte es zu Interessenkonflikten kommen. So könnten von German Pellets gewährte Darlehen gegebenenfalls nicht zurückgezahlt werden.“

Intransparente Vorgänge und eine hohe Verschuldung

Geschäftsführer Peter Leibold hält an German Pellets einen Anteil am Stammkapital von 60 Prozent, seine Ehefrau Anna Kathrin Leibold die restlichen Geschäftsanteile von 40 Prozent. Anna Kathrin Leibold ist zudem Chefin von sechs in den USA ansässigen Unternehmen, darunter Texas Pellets, Inc. und Louisiana Pellets, Inc., die nicht zur German-Pellets-Gruppe gehören. Mit dieser unterhalten die von Anna Kathrin Leibold geführten US-Firmen jedoch umfangreiche Geschäftsbeziehungen, wie es im Verkaufsprospekt heißt. Die Broschüre umfasst geschlagene 247 Seiten, was erklären mag, warum Genussrechte-Käufer nicht genauer hineingeschaut haben. Überdies hatte es deutliche Warnungen in der Finanz-Fachpresse bereits Mitte 2015 gegeben. So verwies „AnlegerPlus“ in einem Beitrag vom 15. Juli 2015 auf „intransparente Vorgänge“ und „eine hohe Verschuldung“ bei German Pellets hin.

Den Wirtschaftsstandort Wismar, über den der Pleite-Geier bereits mehrfach kreiste (Wadan-Werft, Klausner-Sägewerk) sieht der Bürgermeister der Hansestadt Thomas Beyer durch die Insolvenz von German Pellets indes nicht beschädigt. Er setzt vielmehr Hoffnung in einen Fortbestand des insolventen Unternehmens: „Der Wirtschaftsstandort Wismar ist stark und ich bin überzeugt, dass German Pellets grundsätzlich das Potenzial hat, am Markt bestehen zu können.“

Mit dpa

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erstellt am 24.Feb.2016 | 05:00 Uhr

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