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Wirtschaft

06. Dezember 2016 | 22:54 Uhr

Nach Krisengipfel mit Edeka und Rewe : Kaiser's Tengelmann: Die Zeichen stehen auf Zerschlagung

vom

Das Bangen für Tausende Beschäftigte bei Kaiser's Tengelmann geht weiter. Ein Krisengipfel am Donnerstagabend brachte keinen Durchbruch, nun richten sich die Blicke auf den Aufsichtsrat der angeschlagenen Handelskette.

Mülheim/Ruhr | Die Zukunft von Kaiser's Tengelmann ist ungewisser denn je. Nachdem ein Krisengipfel am Donnerstagabend keinen Durchbruch brachte, will der Aufsichtsrat von Tengelmann am Freitag die Lage der angeschlagenen Supermarktkette beraten. Das Gremium könnte dann die Weichen für eine Zerschlagung der tiefrote Zahlen schreibenden Supermarktkette stellen, hieß es zuletzt in informierten Kreisen. Nach Einschätzung von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wären damit bis zu 8000 Arbeitsplätze gefährdet.

Die Hängepartie um die Übernahme von Kaiser's Tengelmann durch Edeka dauert bereits seit zwei Jahren an. Zuletzt hatte das Oberlandesgericht Düsseldorf die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) erteilte Ministererlaubnis für den Zusammenschluss vorläufig gestoppt. Auf einem Krisengipfel konnte keine Einigung über die Zukunft des Unternehmens erreicht werden. Der Aufsichtrat soll dies nun ändern.

Am Donnerstagabend hatten sich die Chefs der Handelsketten Edeka, Tengelmann und Rewe mit Vertretern der Gewerkschaft getroffen, um über die Zukunft der Kette mit über 15.000 Arbeitsplätzen zu beraten. Nach drei Stunden vertagte sich die Runde. Das Gespräch sei konstruktiv gewesen. Man sei sich einig, „die Gespräche zeitnah fortzuführen“. Ein Termin oder Ort wurde dafür aber nicht genannt.

Die Unternehmensgruppe Tengelmann

Die Tengelmann-Gruppe ist vor allem für Supermärkte in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Berlin bekannt. Das 1867 gegründete Familienunternehmen aus Mülheim/Ruhr ist aber auch in vielen anderen Branchen tätig und hat nach Konzernangaben Niederlassungen in 17 europäischen Ländern.

Auch die Textilkette KiK und die Obi-Baumärkte gehören zur Gruppe. Weitere Konzerntöchter verdienen ihr Geld unter anderem mit Online-Shops, Immobilieninvestments oder Energiedienstleistungen. Über Beteiligungsgesellschaften wie Tengelmann Ventures investiert die Gruppe auch in Start-ups. 2015 erzielte der Konzern weltweit mit etwa 88.000 Mitarbeitern einen Umsatz von gut 8,2 Milliarden Euro.

Ziel sei es, „eine für alle Beteiligten und die Beschäftigten von Kaiser's Tengelmann tragfähige, gemeinsame Lösung zu finden.“ Inhalte des Treffens drangen nicht nach außen. Doch schon vor dem Treffen standen die Zeichen für die Supermarktkette auf Zerschlagung - der Komplettverkauf an Marktführer Edeka schien immer unwahrscheinlicher.

Rewe-Chef Alain Caparros, der das Geschäft vor Gericht hatte stoppen lassen, warb zuvor noch einmal für eine Aufteilung der über 400 Standorte unter den Wettbewerbern. Die Arbeitsplätze könnten trotzdem erhalten werden, und die wettbewerbsrechtlichen Bedenken wären vom Tisch. Auch andere Konzerne wie Tegut oder Norma äußerten erneut Interesse an Kaiser's-Filialen.

Der Betriebsrat von Kaiser’s Tengelmann fordert den Erhalt der defizitären Supermarktkette. „Statt Zerschlagungsszenarien brauchen wir ein Fortführungskonzept das trägt, bis die Gerichte entschieden haben, oder es eine Einigung aller Beteiligten gibt“, sagte Manfred Schick, Aufsichtsratsmitglied und Betriebsratsvorsitzender der Region München/Oberbayern, der „Wirtschaftswoche“. Für die Lage macht Schick auch Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub verantwortlich: „Klar trägt der Eigentümer Verantwortung für die Lage.“

Kaiser's Tengelmann - klein und verlustreich

Verglichen mit Edeka oder Rewe ist die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann ein Zwerg. Sie betrieb Ende 2015 noch 446 Filialen in Deutschland und erwirtschaftete mit knapp 15.300 Mitarbeitern einen Nettoumsatz von 1,78 Milliarden Euro.

Einst bundesweit vertreten, finden sich die Filialen heute nur noch im Großraum Berlin, in München und Oberbayern sowie in Teilen Nordrhein-Westfalens. Die meisten Geschäfte - insgesamt 188 - gab es zum Jahresanfang noch in München und Oberbayern. Im Großraum Berlin betrieb die Kette weitere 133 Supermärkte, 125 Filialen lagen im Rheinland. Aktuell dürften es allerdings schon wieder einige weniger sein. Denn die Geschäftsführung geht davon aus, dass zum Ende des Jahres nur noch 405 Filialen vorhanden sein werden.

Das Familienunternehmen kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, die bis ins Jahr 1876 zurückreicht. Damit ist Kaiser's Tengelmann nach eigenen Angaben das älteste Lebensmittel-Handelsunternehmen Deutschlands. Doch summierten sich die Verluste seit der Jahrtausendwende auf mehr als 500 Millionen Euro. Dass das Unternehmen als Übernahmeobjekt dennoch interessant ist, liegt an seiner starken Marktposition in den Großräumen Berlin und München.

Branchenprimus Edeka sowie Kaiser's Tengelmann hatten die Fusion vor etwa zwei Jahren beschlossen. Das Bundeskartellamt legte wegen Wettbewerbsbedenken sein Veto ein, das Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) über eine sogenannte Ministererlaubnis aushebelte. Unter anderem Rewe hatte beim Oberlandesgericht Düsseldorf Beschwerde gegen die Erlaubnis eingelegt und vorläufig recht bekommen. Damit liegt der Deal auf Eis und droht wegen langwieriger juristischer Auseinandersetzungen zu platzen.

Haub hat wegen des langen Tauziehens um die Übernahme mit einem Aus für Kaiser's Tengelmann gedroht. Die Kette verbucht hohe Verluste, Personal geht von Bord, Vermieter verlängern Verträge nicht.

Welche Ausgwege es für Kaiser's Tengelmann aus der Krise gibt, lesen Sie hier.

In Deutschland sind schon eine Reihe bekannter Handelsunternehmen verschwunden. Eine Übersicht:

Verschwundene Namen im deutschen Handel

2013: Die Baumarkt-Ketten Praktiker und Max Bahr sind insolvent und werden abgewickelt. Sie schließen 2014 ihre letzten Filialen. Viele Standorte werden von neuen Betreibern unter anderen Marken fortgeführt.

2012: Der insolvente Versandhändler Neckermann wird zum 30. September geschlossen. Rund 2000 Beschäftigte des Traditionsunternehmens in Frankfurt und Sachsen-Anhalt verlieren ihre Jobs. Das Unternehmen war 1950 in Frankfurt als Neckermann Versand KG gegründet worden.

2012: Die Drogeriemarktkette Schlecker ist Geschichte. Im Juni erhalten die noch 13.200 Mitarbeiter die Kündigung. Schon bei einer ersten Schließungswelle hatten 11.000 Mitarbeiter ihren Job verloren.

2009: Mit der Schließung der letzten 20 Kaufhäuser geht die insolvente Warenhauskette Hertie vom Markt. 2600 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz. „Hertie ist unter www.hertie.de online weiterhin als Kaufhaus existent.“

2009: Die Billigkaufhauskette Woolworth Deutschland beantragt Insolvenz. Die Kette beschäftigt etwa 11.000 Menschen. Woolworth war 1926 in Deutschland an den Start gegangen.

2006: Nach der Übernahme durch Edeka werden die Spar-Märkte umbenannt. Alle Filialen mit mehr als 600 Quadratmetern Verkaufsfläche werden auf Edeka umgestellt. Kleinere Geschäfte können weiter als Spar firmieren.

 

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erstellt am 23.Sep.2016 | 08:01 Uhr

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