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Wirtschaft

09. Dezember 2016 | 01:04 Uhr

Einkaufen am Sonntag : Handelsverband fordert zehn verkaufsoffene Sonntage im Jahr

vom

In SH sind vier Shoppingtage am Wochenende erlaubt. Ein Interview mit HDE-Präsident Josef Sanktjohanser.

Berlin | Der Handelsverband Deutschland (HDE) fordert bundesweit einheitliche Vorgaben für verkaufsoffene Sonntage. Bislang regelt jedes der 16 Bundesländer selbst, an wie vielen Sonntagen im Jahr Geschäfte öffnen dürfen. In vielen Bundesländern sind derzeit vier verkaufsoffene Sonn- oder Feiertage im Jahr erlaubt, so auch in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen. In einigen anderen wie Berlin und Brandenburg ist mehr möglich.

HDE-Präsident Josef Sanktjohanser macht im Interview einen Vorschlag für eine Neuregelung:

Herr Sanktjohanser, das Weihnachtsgeschäft läuft. Wird der Online-Handel dem stationären Handel in diesem Jahr wieder größere Teile am Umsatzkuchen abjagen?

Ja, der Zuwachs im Online-Handel ist prozentual größer als der des Gesamthandels. Somit ist das unausweichlich. Aber: Wir beobachten Sättigungstendenzen in einigen Bereichen. So stagniert der Online-Handel beispielsweise im Bereich Elektronik. Ähnliches erwarten wir im Mode-Sektor. Die großen Sprünge sind hier nicht mehr zu erwarten. Der Markt ist ausbalanciert.

HDE-Präsident Josef Sanktjohanser.
HDE-Präsident Josef Sanktjohanser. Foto: dpa
 

Das Online-Shopping bietet den Kunden Vorteile, die der Einzelhandel nicht bieten kann…

Es muss gleiches Recht für alle gelten. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass der Einzelhändler per Gesetz gezwungen wird, Alt-Elektrogeräte zurückzunehmen, Online-Händler sich aber darum herum drücken. Auch Internethändler müssen den alten Föhn oder die alte Waschmaschine zurücknehmen. Hier muss der Staat ordnungsrechtlich einschreiten.

In einem anderen Punkt wird nie Augenhöhe herrschen: bei den Öffnungszeiten.

Eine vollkommende Freigabe der Öffnungszeiten ist wohl nicht durchsetzbar. Aber: Der föderale Flickenteppich an Öffnungszeiten muss vereinheitlicht werden. Hier provoziert der Gesetzgeber über Bundesländergrenzen hinweg Standortnachteile, weil im einen Land diese Regelung gilt, im anderen jene. Das kann nicht sein. Wir fordern bundeseinheitliche Regelungen.

Die Vorgaben klaffen weit auseinander: vier verkaufsoffene Sonntage in Niedersachsen, deutlich mehr in anderen Bundesländern. Und immer an einen Anlass gekoppelt. Wie soll das aussehen?

Klar ist: Verkaufsoffene Sonntage beleben die Innenstädte, die in den vergangenen Jahren unter deutlichen Frequenzrückgängen gelitten haben. Wir schlagen vor: Bundesweit zehn verkaufsoffene Sonntage mit Öffnungszeiten von 13 bis 18 Uhr, ohne dass es dafür einen besonderen Anlass geben muss.

Verdi hat in mehreren Städten gegen Sonntagsöffnungen geklagt. Oft mit Erfolg…

Für das Verhalten der Gewerkschaftsfunktionäre habe ich gar kein Verständnis. Zusätzliche Einnahmen am Sonntag tragen doch zur Arbeitsplatzsicherung bei. Zudem machen sie den Job attraktiver, denn natürlich gibt es Sonn- und Feiertagszuschläge für Arbeitnehmer. Das sehen im Übrigen auch viele Betriebsräte so. Selbst in einem katholischen Land wie Polen sind die Ladenöffnungszeitengesetze liberaler als in Deutschland.

Die Wirtschaft durchlebt eine digitale Umwälzung, auch der Einzelhandel wird betroffen sein. Ist der Beruf des Kassierers ein Auslaufmodell?

Die Berufsbilder werden sich mit der Digitalisierung ändern. Ich gehe aber nicht davon aus, dass es zu einem Jobabbau kommt. Alte Aufgaben fallen zwar weg, im gleichen Maß kommen aber neue hinzu. Das Schreckgespenst vom Arbeitsplatzvernichter Automatisierung halte ich für maßlos übertrieben.

Mit den neuen Aufgaben kommen neue Voraussetzungen an das Personal. Der Handel bietet auch Geringqualifizierten Einstiegsmöglichkeiten in die Arbeitswelt…

Ja, die Anforderungen wandeln sich. Die digitale Kompetenz der künftigen Mitarbeiter muss zunehmen. Hier sehen wir Nachholbedarf in der Bildungspolitik: Die Digitalisierung des Arbeitsmarktes muss sich in den Schulen widerspiegeln. Wer hier nicht fit ist, wird es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben.

Auch die Preisbildung übernehmen zunehmend Maschinen, Schlagwort: Dynamic Pricing. Das Wasser ist also dann künftig am teuersten, wenn es draußen am wärmsten ist?

Dynamic Pricing ist die Zukunft. Es ermöglicht Flexibilität in der Preisgestaltung, die ein Händler braucht. Wer das Instrument missbraucht, riskiert das Vertrauen seiner Kunden. Im stationären Handel haben wir nach wie vor eine sehr hohe Kundenbindung. Die setzt doch kein Händler aufs Spiel. Und wenn doch, wird er sicherlich schnell den Laden dichtmachen müssen, das regelt der Markt schon selbst. Ich warne davor, Dynamic Pricing in Deutschland zu verbieten. Und bedenken Sie: Die Preistransparenz war nie so hoch wie derzeit. Der Kunde kann binnen weniger Sekunden vergleichen, wie viel ein Produkt andernorts kostet.

Aber nicht im Laden, hier gibt es häufig weder mobiles Internet noch W-Lan.

Das machen die meisten Händler doch nicht mit Absicht. Wir brauchen endlich Sicherheit, was die sogenannte Störerhaftung angeht. Es kann nicht sein, dass der Händler Schadenersatz und Abmahnkosten zahlen muss, wenn ein vermeintlicher Kunde über sein Netz illegale Dinge macht. Hier müssen alle gesetzlichen Hürden aus dem Weg geräumt werden. Übrigens auch im Sinne der Digitalisierung: Sogenanntes Mobile Payment, bei dem mit dem Handy an der Kasse bezahlt wird, ist im Kommen. Das Potenzial ist riesig. Es kann das Bezahlen mit EC- oder Kreditkarten auf Dauer ablösen.

Und Bargeld? Kann es abgeschafft werden?

Nein, diese Diskussion ist realitätsfremd. Die Mehrheit der Deutschen zahlt lieber bar. Außerdem ist Bargeldzahlung einfach, unkompliziert und für jeden möglich. Es gibt zwar einen gewissen Hype um mobiles Bezahlen. Das Bargeld ist aber Bestandteil des Lebens vieler Menschen. Es wäre eine Diskriminierung gerade älterer Bürger, das Bargeld abzuschaffen.

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erstellt am 16.Nov.2016 | 12:16 Uhr

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