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Wirtschaft

08. Dezember 2016 | 01:16 Uhr

Landwirtschaft in Deutschland und der Welthandel : Globale Geschäfte: Warum die Milch so billig ist - und wie es weitergehen könnte

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Deutschlands Milch-Bauern kämpfen mit niedrigen Preisen. Auch, weil die Branche ein Strukturproblem hat. Eine Analyse.

Es ist ein Tag mitten in der Woche, in einem Restaurant irgendwo in Amerikas Hauptstadt Washington, D.C. Damon Woods berichtet von seiner Arbeit. Woods ist Berater. Früher hat er für die US-Regierung gearbeitet. Heute berät Woods alles und jeden. Auch südeuropäische Unternehmer, die sich für die Milchwirtschaft im Norden des alten Kontinents interessieren. Woods erinnert sich gut an etwas, was ihm diese Männer anfangs sagten: „Weißt du, was die Deutschen haben?“, fragten sie ihn. „Eine Super-Kuh!“

In der Welt der Milch ist Deutschland eine Großmacht. Die Super-Kuh inklusive. Runde 7000 Kilogramm Milch produziert eine solche deutsche Hochleistungskuh im Durchschnitt pro Jahr. Schon das ist verglichen mit vielen Regionen auf der Welt enorm. Und die sogenannten Turbokühe bringen es auf noch größere Mengen. Während die Zahl der Kühe in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter zurückgegangen ist, stieg die Leistung der Tiere nahezu kontinuierlich an.

Deutschlands Milch-Wirtschaft war aus ökonomischer Sicht für viele Jahre eine Erfolgsgeschichte – die Effizienz wurde gesteigert, ein Produktionsrekord jagte den nächsten. Deutschland wurde größter Milchproduzent in der EU, die Union ihrerseits zum globalen Melkstall. Obendrein stimmte für die meisten Erzeuger am Ende des Tages das Geld, das sie mit ihrer Arbeit verdienten – und mit ihren Super-Kühen.

Doch heute ist alles anders. Heute ist Krise angesagt. Der Preis für den Liter Milch ist im Keller. Bauern geben ihre Betriebe auf, weil sich die Milch-Produktion für sie hinten und vorne nicht mehr rechnet. Die Europäische Union versucht Landwirte, die in Not geraten sind, mit Millionen-Beträgen und immer neuen Hilfs- und Rettungspaketen rauszuboxen. Das Vorgehen von Brüssel erinnert auffällig an die Banken- und Eurokrise. Doch in beiden Fällen steht inzwischen fest: Geld allein löst die Probleme nicht, schon gar nicht, wenn es um Tier, Stall und Weide geht.

Die Entwicklung veranschaulicht auch die Grafik:

Preis in € je 100 kg, ab Hof bei 4,0 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß (Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung):

 

Nicht die erste Krise

Es ist nicht das erste Mal, dass die Milchbauern in der Krise stecken. Bei Weitem nicht. Die letzte große Milchkrise ist noch gar nicht lange her. Schon 2008 riefen die Bauern sie aus. Mit Boykotten und Blockaden von Molkereien haben Landwirte damals für höhere Preise gestritten – und sich am Ende durchgesetzt. An dem Grundkonflikt in der Branche hat sich damit jedoch herzlich wenig geändert.

Deutschlands Bauern produzieren viel Milch. 2015 haben sie rund 31 Millionen Kilogramm Milch bei den Molkereien abgeliefert. Allein die Betriebe aus Schleswig-Holstein haben, als die Milchquote im vergangenen Jahr wegfiel, 2,9 Millionen Kilogramm Milch produziert – mehr als in 2014, 2013, 2012 und in vielen anderen Jahren zuvor. Es ist zu viel Milch. Und das schon seit langer Zeit. Um die Gesetze des Marktes, um Angebot und Nachfrage, mussten sie sich über Jahrzehnte hinweg nicht allzu sehr den Kopf zerbrechen. Die Politik machte es ihnen möglich.

Milch in Deutschland - von Ankaufprogrammen bis zur Quote

In den 50er Jahren versuchte sie mit Subvention die heimische Agrarproduktion anzukurbeln. Das gelang so gut, dass sie schon wenige Jahre später intervenieren musste, um die Überschüsse aufzukaufen. Mit teuren Aufkauf-Programmen versuchte sie damals die gewaltigen Butterberge abzutragen und die Milchseen trockenzulegen. In den 80er Jahren verhängten die EU-Politiker schließlich eine Quote. Brüssel legte fortan fest, wie viel Milch ein Mitgliedsland höchstens produzieren darf. In den jeweiligen Mitgliedsländern wurde dies dann runterdekliniert bis zum einzelnen Hof. Und letztlich – in der Kalkulation des Bauern – bis zu seiner eigenen Super-Kuh.

Ob das System funktionierte, ist umstritten. „Die Quote ist ein echtes Entwicklungshindernis“, sagten Agrarökonomen wie Thomas Fellmann von der Uni Hohenheim seinerzeit. Nach seiner Einschätzung führte die Quote vor allem dazu, dass kleine Betriebe geschützt, Großbetriebe hingegen im Wachstum behindert wurden. Doch den Status Quo hatte die Quote dennoch nicht bewahren können. „Tatsache ist, dass die Milchquote nicht zu stabilen Erzeugerpreisen führte und der Strukturwandel weiter vorangeschritten ist“, heißt es beim Deutschen Bauernverband. Demnach ging die Zahl der deutschen Milcherzeuger zwischen der Einführung der Quote (1984) und 2015 um 79 Prozent zurück – von 369.000 auf 78.000.

Obendrein könnten den Milcherzeugern durch die Quote zusätzliche Kosten in Milliardenhöhe entstanden sein, fürchtet der Verband – durch Strafzahlungen beispielsweise oder Kauf und Pacht zusätzlicher Produktionsrechte. Auch deshalb befürwortete der Verband das Quoten-Ende. Zumal die Zukunft der Milchbauern doch ohnehin woanders liegen sollte – nicht in Deutschlands Discounter-Regalen, wo die Nachfrage der heimischen Bevölkerung schon lange nicht mehr ausreicht, nicht in den Supermärkten in Paris oder Madrid.

Als 2008 die Bauern in Deutschland wegen niedriger Milchpreise auf die Straße gingen, kämpften in China Hunderttausende Babys um ihre Gesundheit – und viele um ihr Leben. Sechs Säuglinge starben. Skrupellose chinesische Konzerne hatten Milchprodukte mit Melamin gestreckt. In den darauffolgenden Monaten sollte sich zeigen, dass diverse Unternehmen in der Volksrepublik in die Machenschaften verstrickt waren. Reihenweise stellten Firmen ihren Betrieb ein, wurden neu strukturiert oder zusammengelegt. Mit dem Melamin-Skandal veränderten sich die Gegebenheiten für den drittgrößten Milch-Produzenten der Welt schlagartig. Chinas Milch-Exporte brachen ein. Die Europäische Union verhängte Einfuhrverbote für die Produkte aus Fernost.

Die 1,3 Milliarden Verbraucher im „Reich der Mitte“ misstrauten fortan den heimischen Produzenten. Stattdessen setzten sie auf Deutschland. Auf deutsche Qualität, deutsche Sicherheitsstandards, auf deutsche Milchbauern und auf deutsche Preise. Und auf die deutsche Super-Kuh.

Das hatte Folgen: Die Menge deutscher Milch, die nach China exportiert wurde, explodierte regelrecht. Nach Zahlen des International Trade Centre (ITC) wurden 2008 gerade einmal 797 Tonnen Milch von Deutschland nach China geliefert, vergangenes Jahr waren es bereits mehr als 209.000 Tonnen – eine Steigerung um das 262-Fache. Molkepulver, Käse und andere Produkte noch nicht einmal mitgerechnet. In Deutschland befand sich der Milchpreis zu diesem Zeitpunkt bereits wieder im Sinkflug.

Für den Export nach China gefragt: deutsche Trockenmilchprodukte.
Für den Export nach China gefragt: deutsche Trockenmilchprodukte. Foto: Imago (Archiv)
 

Die Europäische Union hatte das Ende der Milchquote unter anderem mit dem globalen Milch-Markt begründet. Dort sollten die Milchbauern keine Schwierigkeiten haben, überschüssige Milch loszuwerden. „Allein eine Lockerung der chinesischen Ein-Kind-Politik könnte die gesamte Milchproduktion von Österreich aufnehmen“, hatte Alexander Anton, der Generalsekretär des europäischen Milchindustrieverbandes European Dairy Association (EDA), vor dem Quoten-Aus gesagt. Bauern haben in Betriebe investiert, die Produktionsmengen hochgefahren, Molkereien Milchpulver-Werke aufgebaut.

Globale Nachfrage sackte ein

Nur eine wollte nicht so recht mitziehen: die globale Nachfrage. In China blieb sie hinter den Erwartungen zurück, arabische Länder können sich aufgrund des schwachen Ölpreises weniger leisten, die Russen haben Produkte westlicher Milchbauern durch ein Embargo verbannt. Bei alledem sind die Deutschen und ihre europäischen Kollegen nicht allein auf dem Erdball unterwegs. Auch in anderen Teilen der Welt steigerten die Landwirte zuletzt ihre Milchproduktion, zum Teil drastisch.

Günstige Wetterbedingungen haben vielerorts die Futterpreise begünstigt. Neuseeland hat im vergangenen Jahr so viel Milch produziert wie noch nie – und große Teile davon exportiert. Die US-Farmer setzen seit fünf Jahren jährlich eine neue Rekord-Marke beim Ausstoß der Milch. Für sie alle ist der Weltmarkt das Ziel – und sie alle haben seit zwei Jahren mit sinkenden Preisen zu kämpfen.

Im Mai dieses Jahres setzte Aldi Nord den Preis für einen Liter Milch auf 46 Cent herab – ein Preisabschlag von fast 25 Prozent. Und solche Preise von Aldi haben es in sich. Von den Preissenkungen des Riesen geht eine Signalwirkung für den gesamten Lebensmitteleinzelhandel aus. Zugleich haben die großen Discounter wie Aldi, Lidl und Co. bei der Milch in Deutschland einen Marktanteil von 50 Prozent. Sie können also Preise setzen – oder diktieren, wie Kritiker meinen. Zur Wahrheit gehört: Der Index für Milch-Produkte der Vereinten Nation – der FAO-Diary-Index, der das globale Geschehen abbildet – war schon im Monat zuvor auf den tiefsten Stand seit Monaten gerutscht.

„Der Lebensmitteleinzelhandel ist nicht für das internationale Überangebot von Rohmilch verantwortlich“, hält Aldi Nord den Kritikern daher entgegen. Die Bauern wollen sich verstärkt auf einem globalen Markt bewegen, die Einzelhandelskonzerne sind dort schon angekommen. Über Ausschreibungen suchen sie sich ihre Lieferanten. Der Preis entscheidet. Aldi sei als nur einer unter vielen Akteuren auf dem Milchmarkt „nicht in der Position, eine Besserung der Auszahlungspreise an die Landwirte herbeizuführen“, heißt es weiter beim Albrecht-Konzern.

Den Auszahlungspreis bestimmen in der Tat andere – die Molkereien. Sie legen fest, was die Landwirte bekommen. Das Genossenschaftsrecht ist historisch gewachsen. Der Bauer muss liefern, die Molkerei muss nehmen. Private Molkereien haben diese Regelungen übernommen. Ist der Markt gesättigt und findet die Molkerei keinen Käufer mehr zu einträglichen Preisen, muss sie die Milch ihrer Lieferanten dennoch meist weiter verarbeiten. Die Bauern wiederum haben kaum Möglichkeiten zu handeln – sie sind an die eine Molkerei gebunden, auch in Zeiten niedriger Preise. Es ist eine Schicksalsgemeinschaft. In doppelter Hinsicht. Arbeiten die genossenschaftlichen Molkereien unwirtschaftlich, indem sie den Bauern zu viel für die Milch zahlen, bekommen die Bauern selbst dies als Anteilseigner zu spüren. Mehr als 40 Cent müssten es als Auszahlungspreis sein, heißt es oft. Deutlicher weniger ist es seit langem.

Dass das Zusammenspiel von Bauern und Molkereien nach dem Ende der Milchquote noch funktioniert, daran hat zumindest das Bundeskartellamt Zweifel. „Im vergangenen Jahr ist die staatliche Mengensteuerung über die Milchquote weggefallen“, sagt Kartellamtschef Andreas Mundt. Diese wichtige Änderung habe aber kaum Auswirkungen auf die Verträge gehabt. „Langfristige Verträge, 100-prozentige Milchandienungspflichten und ein – auch für den Lebensmitteleinzelhandel – sehr transparentes Preissystem beschränken den Handlungsspielraum der Landwirte“, erklärt Mundt. Seine Behörde prüft.

Wie geht es weiter?

Eine nachhaltige Lösung, die nicht schmerzhaft für alle Beteiligten ist, wird es kurzfristig nicht geben. Auch mittelfristig nicht. Der Bund deutscher Milchviehhalter fordert neue Regeln und Vorgaben der Politik ein, der Staat soll den Markt wieder regulieren. Der Bauernverband ist dagegen. Die Politik hält auch nicht viel von neuer Regulierung. „Staatliche Markteingriffe wie die Milchquote sind auf Dauer keine Lösung und angesichts des globalisierten Marktes auch nicht mehr realistisch“, sagt Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt. „Preise und Erzeugungsmengen sollten durch die Marktbeteiligten – also durch Handel, Verarbeiter und Erzeuger – festgelegt werden.“

Doch das wird Zeit brauchen. Kühe lassen sich nicht per Knopfdruck ausstellen wie Ölförder-Anlagen – so ähnlich die Krise der Opec-Staaten in Zeiten billiger Energie und die der Milchbauern auch sein mag. Obendrein haben manche Bauern vor dem Ende der Milchquote investiert, um gerüstet zu sein für die Zeit danach. Nun fehlt ihnen das Geld, diese Kredite zu bedienen. Auch deshalb steht manchen Milchbauern das Wasser bis zum Hals. Mehr und mehr geben auf.

Im euphemistischen Wirtschafts-Slang ist von Marktbereinigung die Rede. In Wahrheit ist es ein Drama.

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erstellt am 24.Sep.2016 | 16:15 Uhr

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