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Wirtschaft

29. Juli 2016 | 16:00 Uhr

Baltic Dry Index : Frachtraten auf Rekordtief: Schmiert die Weltwirtschaft ab?

vom
Aus der Onlineredaktion

Alarm auf den Weltmeeren: Noch nie war Transport so billig. In der Vergangenheit war das ein Zeichen für Rezession. Und nun?

London | Einer der wichtigsten Weltwirtschaftsindikatoren, der Baltic Dry Index, befindet sich im Sturzflug. Im Dezember hatte der BDI sein historisches Tief erreicht, seither ist der Wert weiter kontinuierlich gesunken. Er liegt jetzt bei 290. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren rangierte er noch bei über 2000, im Jahr 2008 bei über 11.000.

Weil der Baltic Dry Index die Transportentwicklung bei Primärgütern anzeigt, die für den wirtschaftlichen Prozess grundlegend sind (für Stromgewinnung, Materialien etc.) wird ihm eine hohe Aussagekraft für die Konjunkturanalyse zugesprochen. Momentan zeigt er alarmierende Werte an. Von einer „Krise“ lässt sich jedoch nur in einer Branche sprechen.

Im Normalfall ließe sich aus dem aktuellen Wert eine anstehende Weltwirtschaftskrise unbekannten Ausmaßes prognostizieren: Einige Analysten begannen bereits vor Wochen damit . Doch normal läuft momentan nicht viel in der Ökonomie – schon gar nicht in der Logistikbranche.

Hintergrund: Baltic Dry Index

Der Baltic Dry Index bildet seit 1985 die Frachtkosten wichtiger Rohstoffe (Trockenschüttgüter) wie Eisenerz, Kohle und Kupfer ab. Er erfasst mehr als die Hälfte aller verschiffter Waren und gilt als wichtigster Frühindikator der globalen Konjunktur. Untergruppen des Index berücksichtigen 26 Hauptschifffahrtsrouten und erfassen die Kosten für Zeitcharter und Reisecharter für vier Schiffsklassen (Capesize, Panamax, Supramax und Handysize) im Trockenschüttgutverkehr. Ende 2008 wurde durch sinkende Frachtraten das Ausmaß der sich erst entwickelnden Krise im BDI früh deutlich.

Das drastische Abfallen des Index kann sowohl nachfrage- als auch angebotsbedingt sein. Derzeit überwiegt vorwiegend Letzteres. Die ohnehin verschwindend geringen Transportkosten, die den globalen Handel in jetziger Form erst ermöglichen, werden durch die Überkapazitäten auf See weiter gedrückt. In der momentanen Marktsituation liefern sich eine handvoll großer Logistik-Konsortien einen Verdrängungswettbewerb mit unbekanntem Ausgang. „Alle Wettbewerber setzen darauf, dass jemand einbricht“, erklärt Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel die Situation. Dadurch wird das Überangebot künstlich aufrecht erhalten. Der Fusiondruck sei allerdings weiterhin groß, so Kooths.

In laufenden Pokerspiel der Oligopolisten hat kein Unternehmen derweil einen Anreiz, seine Kapazitäten zu senken. Denn alle wollen daran teilhaben, wenn der Welthandel sich von seiner Schwäche erholt hat. Stattdessen reagiert die Branche sogar mit dem Bau neuer Schiffe. Um das Risiko zu minimieren, werden die Schiffe bevorzugt geleast: Ein Geschäft, an dem vor allem Großbanken wie auch die HSH Nordbank in großem Stil beteiligt waren oder sind.

Durch die Frachtkostendeflation erwartet Kooths, dass vermehrt Superschiffe jenseits der 16.000-Container-Marke in Auftrag gegeben werden. Mit der Folge, dass sie nur noch an den großen Häfen wie etwa in Bremerhaven oder Rotterdam anlegen können. Dort müssten die Container dann auf kleinere Distributionsschiffe umverladen werden, um beispielsweise die Ostseehäfen oder aber Hamburg zu erreichen.

Der Welthandel hat sich in den letzten 15 Jahren nahezu verdoppelt, beinahe 95 Prozent des gesamten Außenhandels der EU werden auf dem Wasserweg transportiert. Über Jahre haben Konzerne ihre Produktion in immer östlichere Länder verlegt, um Kosten zu sparen oder um Auflagen zum umgehen. Die globale Standortflucht hat an der ostasiatischen Pazifikküste nun allmählich ihre geografische Grenze erreicht. Auch das kann einer der Gründe sein, weshalb die Reedereien momentan alles andere als ausgelastet sind.

Dass auch der sonstige Wachstumstreiber China mit seiner derzeitigen wirtschaftlichen Schwäche eine Rolle spielt, liegt auf der Hand. Denn der Absturz des BDI seit dem 6. Januar geht offensichtlich einher mit der Börsenkrise in China. Letztere entwickelte sich aus der alarmierenden Nachricht, die Industrieproduktion des Landes sei gesunken. Zwar verzeichnet die Volksrepublik offiziell ein Wachstum von angeblich 6,9 Prozent, doch diese Angaben gelten unter Analysten als aus der Luft gegriffen. Realistischer seien 4 bis 4,5 Prozent meinen Experten. Die nicht gestiegene Nachfrage der chinesischen Industrie nach Rohstoffen macht sich vor allem in Australien bemerkbar. „Down Under“ ist der größte Steinkohleexporteur der Welt und der weltgrößte Produzent von Bauxit. Das rohstoffreiche Land exportiert zudem in großem Maße Kupfer und Quarze.

Es könnte zu einer weiteren Abkühlung der Weltwirtschaft kommen, was jedoch eher mit China zu tun hat. Für exportintensive Volkswirtschaften wie Deutschland spielt der Baltic Dry Index laut Kooths derzeit nur eine nebensächliche Rolle. Unter der „Weltlogistikkrise“ am meisten zu leiden haben werden Volkswirtschaften, bei denen Transportdienstleistungen hohe ökonomische Relevanz haben. Das wäre zum Beispiel Dänemark mit APM Mærsk. Im November hatte Maersk angekündigt im mit rund 23.000 Mitarbeitern größten Standbein des Unternehmens, der Containerverschiffung, etwa 4000 Stellen streichen zu wollen. Der Großreeder leidet momentan auch unter dem geringen Ölpreis und musste Milliarden abschreiben.

Auch Griechenland, in dessen marode Wirtschaft die Seelogistik eine der letzten tragenden Säulen ist, leidet schwer. Griechische Reeder dominieren noch immer die weltweite Schifffahrtsbranche. Sie kontrollieren etwa 15 Prozent des weltweiten Seehandels. Laut Geschäftsbericht der Union der Griechischen Schiffseigner umfasste die Flotte des Landes 2013 3669 Schiffe. Damit war sie die größte der Welt.

Die größten Containerschiff-Reedereien der Welt nach Schiffen

Rang Reederei Sitz Marktanteil
1. APM Mærsk Dänemark 14.7%
2. Mediterranean Shipping Company (MSC) Schweiz 13.1%
3. Compagnie Générale Maritime (CGM) Frankreich 8.9%
4. Hapag-Lloyd und CSAV Deutschland 4.6%
5. Evergreen Taiwan 4.5%

Quelle: http://www.alphaliner.com

 

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erstellt am 11.Feb.2016 | 16:26 Uhr

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