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Wirtschaft

05. Dezember 2016 | 03:35 Uhr

Abgas-Affäre : Fiat-Eklat: Autobauer lässt Alexander Dobrindt sitzen

vom

Wegen erhöhter Abgsawerte lädt der Bundesverkehrsminister Vertreter von Fiat ein. Doch Dobrindt wartete vergeblich.

Berlin | Bei der Aufarbeitung der Abgas-Affäre hat der Autokonzern Fiat Chrysler die Bundesregierung brüskiert. Der Hersteller ließ am Donnerstag einen von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) angesetzten Besprechungs-Termin platzen, wie das Ministerium in Berlin mitteilte. Fiat habe in einem Anwaltsschreiben mitgeteilt, alleine italienische Behörden seien für die Frage zuständig, ob Fiat-Fahrzeuge die europarechtlichen Abgas-Vorschriften einhalten.

Können Autofahrer den Angaben der Konzerne noch trauen? Angesichts immer neuer Unstimmigkeiten bei Abgaswerten leidet das Image der Automobilbranche.

„Dieses unkooperative Verhalten von Fiat ist völlig unverständlich“, kritisierte Dobrindt. „Hier stehen konkrete Vorwürfe im Raum. Es wäre angemessen, wenn Fiat gegenüber der Untersuchungskommission dazu Stellung nehmen würde.“ Die infolge des VW-Abgasskandals eingesetzte Untersuchungskommission habe Zweifel, ob bei Fiat die Typgenehmigungsvorschriften eingehalten worden seien. Auch bei Fiat soll es Berichten zufolge Unregelmäßigkeiten bei Abgaswerten von Dieselfahrzeugen geben. Es soll Hinweise auf gesetzeswidrige Abschaltvorrichtungen bei der Abgasreinigung geben.

Das Kraftfahrt-Bundesamt will nun Unterlagen mit Messergebnissen zu Fiat-Modellen an die italienische Typgenehmigungsbehörde übersenden, wie der Verkehrsminister ankündigte. Er forderte außerdem, es müsse auf europäischer Ebene zu Änderungen der entsprechenden Regelungen kommen. „Es darf nicht sein, dass ein EU-Gesetz so formuliert ist, dass sich Hersteller von unterentwickelten Motoren hinter dem Argument Motorschutzgründe verstecken können.“

Weite Teile der Autobranche stehen derzeit wegen erhöhter Abgaswerte von Dieselfahrzeugen massiv unter Druck. Auslöser war der Abgasskandal bei VW. Volkswagen hatte mit einer Software Abgastests bei Dieselfahrzeugen manipuliert. Daraufhin hatte Dobrindt Nachmessungen auch bei Modellen anderer Hersteller angeordnet.

Erst am Mittwoch hatte sich Dobrindt angesichts von Manipulationsvorwürfen mit Vertretern von Opel getroffen. Er kündigte danach erneute Untersuchungen der Modelle Zafira und Astra an. Die Deutsche Umwelthilfe hatte nach eigenen Angaben ermittelt, dass diese Modelle die Abgas-Reinigung in unerlaubtem Maße herunterregeln.

Dobrindt hatte erklärt, dass es bei der rechtlichen Bewertung der Abschalteinrichtungen Unterschiede gebe und Zweifel geäußert, ob Opel regelkonform gehandelt habe. Opel betont, das Unternehmen habe keine illegale Software eingesetzt.

Die Deutsche Umwelthilfe will nun gegen Opel vor Gericht ziehen. Die Umweltschutzorganisation werde kommende Woche vor dem Landgericht Darmstadt Klage wegen Verbrauchertäuschung einreichen, sagte Umwelthilfe-Chef Jürgen Resch der Deutschen Presse-Agentur.

Hintergrund: Abgas-Affäre bei Opel:

Was wird Opel genau vorgeworfen?

„Spiegel“, „Monitor“ und „Deutsche Umwelthilfe“ hatten berichtet, dass sich die Abgasreinigung im 1,6 Liter Zafira-Diesel unter zahlreichen Bedingungen abschalte - wie hohe Geschwindigkeit, hohe Drehzahl und niedriger Außenluftdruck. Entsprechende Befehle habe ein Hacker in der digitalen Motorsteuerung gefunden. Bei abgeschaltetem Katalysator stößt der Wagen große Mengen gefährlicher Stickoxide aus.

Im Gespräch mit der „Untersuchungskommission Volkswagen“ hat Opel laut Verkehrsminister Alexander Dobrindt nun Abschaltungen bei hoher Geschwindigkeit und niedrigem Luftdruck eingeräumt. Das sei legal: „Unsere Motoren entsprechen Recht und Gesetz. Wir bei Opel setzen keine illegale Software ein“, teilte das Unternehmen erneut mit.

Was muss Opel jetzt nachliefern?

Das Unternehmen hat zwei Wochen Zeit, die für weitere Prüfungen „notwendigen Einblicke“ zu gewähren, wie Dobrindt sagt. Dazu gehörten „Software, Software-Details und Motorsteuerung“. Welche Informationen und Unterlagen geliefert werden sollen, wollte das Ministerium auf Nachfrage nicht sagen. Auch Opel machte zunächst keine Angaben.

Was kann das Ministerium tun, falls der Verdacht sich bestätigt?

Der Zafira ist wie der ebenfalls verdächtigte Astra mit dem gleichen Motor für die EU in den Niederlanden zugelassen. Für einen Entzug der Typzulassung wären also die niederländischen Behörden zuständig. Man sei mit den Kollegen im Gespräch, sagt der Verkehrsminister. Vom freiwilligen Rückruf, der auf die bisherigen Nachprüfungen des Kraftfahrtbundesamtes folgte, waren auch Opel mit rund 90.000 Autos betroffen. Die Behörde hat bei Opel die gleichen Möglichkeiten wie bei VW: „Amtlicher Rückruf und ähnliche Maßnahmen“, sagt Dobrindt.

Was hat Opel falsch gemacht?

Nach Ansicht des Auto-Experten Ferdinand Dudenhöffer war es ein Kommunikationsfehler, auf die Vorwürfe immer nur in stereotypen Sätzen zu antworten, statt auf die konkreten Inhalte einzugehen. Wenn nun beim Verkehrsministerium eingeräumt werden muss, dass die Abgasreinigung im Zafira noch nach weiteren Kriterien als dem schon bekannten „Thermofenster“ ausgeschaltet wird, entsteht der Eindruck einer Salami-Taktik. „'Umparken im Kopf' ist das jedenfalls nicht“, sagt Dudenhöffer in Anspielung auf die bekannte Image-Kampagne der Marke. Es gehe darum, ob die vorhandenen Abschalteinrichtungen noch als legal betrachtet werden könnten, sagt Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, habe Opel Sinn und Zweck des Gesetzes missachtet.„Sie haben nun ein großes Problem mit der Glaubwürdigkeit.“

Werden weitere Hersteller in Misskredit geraten?

Davon ist ziemlich sicher auszugehen. Am Donnerstag sollten eigentlich Vertreter des italienisch-amerikanischen Autokonzerns Fiat Chrysler bei der von Dobrindt eingesetzten Abgas-Untersuchungskommission erscheinen. Doch Fiat ließ den Termin platzen. Begründung: Die deutschen Behörden seien nicht zuständig, nur die italienischen. Dobrindt reagierte verärgert: „Dieses unkooperative Verhalten von Fiat ist völlig unverständlich.“

Auch bei Fiat soll es laut Medienberichten Unregelmäßigkeiten bei Abgaswerten von Dieselfahrzeugen geben. Branchenexperte Dudenhöffer erwartet noch eine ganze Reihe von Nachuntersuchungen und negativen Testergebnissen. „Alle haben ein Problem mit dem Diesel. Die Diesel-Technologie fällt den deutschen Herstellern auf die Füße, weil sie zulange daran festgehalten haben.“

Was bedeutet die Krise wirtschaftlich für Opel?

Die Europatochter des US-Konzerns General Motors steht eigenen Angaben zufolge nach jahrelangen Milliardenverlusten kurz vor dem Sprung in die Gewinnzone und kann daher schlechte Nachrichten überhaupt nicht gebrauchen. Noch in diesem Sommer sollte für das Europageschäft erstmals wieder ein operativer Gewinn ausgewiesen werden, was angesichts frischer Modelle und eines stark verbesserten Marken-Images nicht unwahrscheinlich schien. Hohe Kosten für Nachrüstungen und ein massiver Vertrauensverlust seitens der Kunden könnten Opel-Chef Karl-Thomas Neumann den schönen Business-Plan verhageln, der nach der schwarzen Null weitere ehrgeizige Ziele für die kommenden Jahre aufweist.

Was bedeutet das für die künftige Strategie des Autobauers?

Wegen des vergleichsweise geringen Dieselanteils von rund 30 Prozent an der Gesamtflotte hat Opel eigentlich die besten Chancen, umzusteuern und sich schnell von dieser Motorenart zu verabschieden. Über die Mutter GM erhält man zudem 2017 mit dem Ampera-E einen Vollstromer, der eine Reichweite von sehr konkurrenzfähigen 300 Kilometern aufweisen soll. „Opel sollte daneben weiter auf spritsparende Benziner setzen“, rät Bratzel. Dem steht aber entgegen, dass die Rüsselsheimer vor allem schwerere SUV-Modelle auf den Markt bringen wollen, für die meist durchzugstarke Diesel-Motoren geordert werden. Opel hat für diese Aggregate der neuen Generation eine Abgasreinigung an der Grenze des technisch Machbaren versprochen. Ob die Verbraucher darauf vertrauen, steht dahin.

 
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erstellt am 19.Mai.2016 | 18:38 Uhr

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