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Wirtschaft

07. Dezember 2016 | 19:30 Uhr

Gasthöfe an der dänischen Grenze : Feste feiern, bis der Schlagbaum fällt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das gesellige Leben in den Gasthöfen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge der Grenzpolitik verändert.

Manche behaupten, die Balken im Alten Deutschen Grenzkrug Rosenkranz seien deswegen so gebogen, weil die Geschichten, die unter ihnen über das Leben direkt an der Grenze erzählt wurden, mehr Legende als Wahrheit enthalten. Die Geschichte über die Wirtin Nikoline B. Brodersen aber, die Punsch-Tassen kurzerhand auf einen Brotschieber gestellt und über den Schlagbaum gereicht hat, um ihren Gästen an der Grenze die Wartezeit zu versüßen, hat Silvia Brodersen aus erster Hand. Sie ist die Enkelin jener Nikoline – und mit Geschichten wie dieser aufgewachsen.

Mittlerweile ist Silvia Brodersen 50, führt den Krug in dritter Generation und ist vor allem eins: immer im Grenzland geblieben. Sie ist mit dem Schlagbaum vor dem Haus aufgewachsen. Und es erscheint ihr auch rund 40 Jahre später keineswegs verwunderlich, dass ihr als Kind ein Grenzpolizist das Fahrradfahren beigebracht hat und die Zöllner mit ihr Gummitwist gespielt haben. Als Kind der Krugbetreiber hat sie die feuchtfröhlichen Jahrzehnte des Gasthauses ebenso miterlebt wie die Rückbesinnung der Gäste auf das Essen.

Wirtin der dritten Generation: Silvia Brodersen vor ihrem Krug.
Wirtin der dritten Generation: Silvia Brodersen vor ihrem Krug. Foto: Timo Battefeld
 

„Es wird definitiv nicht mehr so viel gesoffen“, sagt sie, die den Krug 1992 zusammen mit ihrem Mann Oliver übernommen hat. Früher, als ihre Großeltern den Krug über 44 Jahre führten, kamen die meisten Gäste für ein paar Runden Skat, Rum, Grog und Teepunsch. Später, als ihre Eltern 23 Jahre lang den Betrieb führten, kamen Busladungen aus Dänemark, die kurz hinter der Grenze essen, trinken und tanzen wollten. „Generell hat sich das Krugleben in all den Jahrzehnten komplett verändert“, so ihre Einschätzung. Auch die Festkultur ist im Grenzland eine andere geworden.

Das können Laila und Andreas Andresen vom Saxburger Krug in Buhrkall auf dänischer Seite ebenfalls nickend bestätigen. Wie Silvia und Oliver Brodersen betreiben sie das Gasthaus direkt gegenüber der weiß gekalkten Kirche in dritter Generation. Alte Fotografien und Gemälde an den Wänden der großen Krugstube erzählen aus über 100 Jahren Ausschank, ausgerichteten Hochzeiten und nicht zuletzt von Samstagabend-Festen mit „Suppe, Braten und Eis“-Festen.

Laila und Andreas Andresen übernahmen den Betrieb 1981 von seinen Eltern. Im Laufe noch diesen Jahres geben sie das Zepter an Tochter Christina und ihren Partner weiter. Die Veränderungen der vergangenen 35 Jahre, in denen Laila in der Küche wirkte und Andreas als Mann für alle Fälle den Krugbetrieb lenkte, sind zu schmecken und zu sehen.

„Noch zu Beginn der 1980-er Jahre wurden wir als Hochburg der Deutschen in Süddänemark angesehen. Bestimmt nicht alle Dänen hätten damals einen Fuß in unseren Krug gesetzt”, erinnert sich Andreas Andresen.

Für Ehefrau Laila war die damals vom Gegeneinander geprägte Beziehung zwischen Dänen und Deutschen anfangs nicht zu begreifen. Als Jütländerin aus Ikast hatte sie nicht viel Ahnung vom Grenzland und dessen Bewohnern, als sie als junge Lebensretterin das Freibad in Bülderup betreute.

Einstige Vorbehalte gegen diese oder jene Wirte sind Vergangenheit. Zumindest fast. Unterschiede sind zumindest auf den ersten Blick nicht mehr auszumachen.

Jährlich setzen sich zwischen 12.000 und 15.000 Gäste im Saxburger Krug an die Tische, die auf zwei Festsäle verteilt sind, wovon der größte mit der gebogenen Holzdecke einem halben Holzfass gleicht. Der Akustik tut das keinen Abbruch. Das ist auch gut so – denn kein Fest im Saxburger Krug kommt ohne Tanz aus. Mittlerweile ist es aber vor allem die ältere Generation, die über das Parkett schwooft. „Bei einer Goldenen Hochzeit wird mehr getanzt als bei einem Fest von Jüngere“, sagt Andreas Andresen.

Unterschiede zwischen deutschen und dänischen Gästen werden in Rosenkranz südlich der Grenze neben dem Trinkgeld – Dänen geben in der Regel keins – beim Abschied deutlich. „Mit dänischen Gäste schnackt man, man dankt sich gegenseitig immer wieder und sagt sich mehrmals tschüss. Die Deutschen gehen schnell an der Theke vorbei und wenn man dann noch ein freundliches ,Vielen Dank’ oder nochmal ein ,Tschüss’ hinterherruft, wundern die sich“, stellt Silvia Brodersen fest. Und: „Eine deutsche Festgemeinschaft fängt in der Regel pünktlich um 18 Uhr mit der Vorspeise an und um 18.45 Uhr ist der Nachtisch verzehrt. Wenn Dänen feiern, kann man froh sein, wenn es gegen 18.30 Uhr irgendwann losgeht. Und dann dauert es bestimmt bis 21.30 Uhr, bis die Nachspeise dran ist. Denn es wird viel gesungen und zwischendurch auch oft getanzt. Die Deutschen feiern, bis es wieder hell wird, bei den Dänen ist um 2 Uhr Schluss“, vergleicht Silvia Brodersen.

Heute sind es in Rosenkranz neben den deutschen Touristen im Sommer vor allem Dänen, die zum Essen kurz hinter die Grenze fahren. Und kurz hinter der Grenze – das trifft auf den Grenzkrug nun wirklich zu.

Wenige Meter neben dem Haus trennten ab 1920 Schlagbäume beide Länder. Die Schranke öffnete um 8 Uhr morgens und schloss um 22 Uhr. Wer dann noch auf die andere Seite wollte, musste weit fahren. Nur in Seth, Pepersmark und Flensburg waren die Grenzübergänge auch über Nacht geöffnet. In Rosenkranz und Ruttebüll aber nicht. „Unsere Gäste mussten also bis um 22 Uhr die Grenze passiert haben. Da gab es kein Pardon“, erinnert sie sich. Ausnahmen gab es wenige. Zum Feuerwehrfest beispielsweise, da durften die dänischen Kollegen zwischen 2 und 4 Uhr Nachts noch zurück, nachdem ein entsprechender Antrag gestellt worden war.

Bei anderen Gelegenheiten bekam Silvia Brodersen die Grenzautorität zu spüren. „Meine Schwester wohnte in Ruttebüll, also im angrenzenden Dorf auf dänischer Seite. Meine Kinder haben ab und an bei ihrer Tante übernachtet. Eines Abends kam um 22.15 Uhr der Anruf: Mama, ich habe Bauchweh und will nach Hause. Ich sagte: Kind, konntest du die nicht um 21.45 Uhr kriegen? Da half alles nichts. Wir mussten über Süderlügum, Seth, Tondern und Hoyer nach Ruttebüll fahren, und wieder zurück. Denn wer unerlaubt rüber ging, musste damals 50 Mark oder 500 Kronen zahlen, da waren sie streng.“

Durch Dänemarks Beitritt zum Schengen-Abkommen 1996 und das Wegfallen der Personenkontrollen 2001 veränderte sich das Leben an der Grenze. „Endlich konnte man rüber, wie man wollte. Heute erscheint es komisch, dass es einmal Öffnungszeiten an der Grenze gab. Aber das ist noch gar nicht so lange her“, sagt Silvia Brodersen.

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erstellt am 02.Jul.2016 | 17:29 Uhr

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