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Wirtschaft

07. Dezember 2016 | 21:24 Uhr

Möglicher Aktienkauf nach Anleiheprogramm : EZB: Die Bank gewinnt immer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Anleihekauf der EZB ist umstritten. Experten erwarten dennoch, dass sich EZB-Chef Mario Draghi bald auch mit Aktien versorgt.

New York / Kiel / Hamburg | Mitten in der Wildnis der Rocky Mountains suchen die führenden Notenbanker der Welt von Donnerstag an den Ausweg aus der Krise. Seit Jahren fluten sie die Märkte mit einer beispiellosen Geldflut. Doch der Ausstieg aus dieser Politik fällt schwer. Selbst die Chefin der mächtigen US-Notenbank, Janet Yellen, schreckt bislang noch davor zurück, den Krisenmodus zu beenden – und die Zinsen anzuheben. Für ihren Amtskollegen Mario Draghi stellt sich diese Frage bislang noch nicht einmal. Den Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) plagt stattdessen ein ganz anderes Problem. Die Anleihen, die die EZB nach ihren bisherigen Vorgaben kauft, dürften bald aufgebraucht sein. Wie es dann weitergehen soll, ist unklar. Ein weiterer Tabu-Bruch wird immer offener diskutiert: Dass die EZB nach Anleihen auch noch Aktien kaufen könnte.

„Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Europäische Zentralbank Aktien kaufen wird“, sagt Carsten Mumm, Leiter der Kapitalmarktanalyse beim Privatbankhaus Donner  &  Reuschel. Eine andere Wahl habe die EZB ihm zufolge kaum. „Ihrem Ziel ist die EZB nicht wirklich näher gekommen“, so Mumm. Und er ist mit seiner Meinung nicht allein. Ähnlich äußerte sich kürzlich bereits Karsten Junius von der Schweizer Bank J. Safra Sarasin.

An Vorbildern würde es Draghi im Fall der Fälle nicht fehlen. Dem Anlagestratege der Deutsche Bank, Axel Haus, zufolge gehört die japanische Notenbank, die Bank of Japan (BoJ), schon heute zu den fünf größten Aktionären bei 81 der 225 Unternehmen, die im zentralen Aktienindex des Landes – dem Nikkei-Index – vertreten sind. Sollte dies so weitergehen, schrieb Haus kürzlich an Anleger, könnte sich die Notenbank bis Ende 2017 in 55 Unternehmen zum größten Anteilseigner aufschwingen. Bei dem Musik-Instrumentenhersteller Yamaha ist dies schon heute der Fall.

Auch die Schweizer Nationalbank (SNB) könnte als Vorbild dienen. Während die Japaner das Geld der Notenbank nämlich über börsengehandelte Indexfonds in den heimischen Wertpapiermarkt stecken und versuchen, so die Inflation zu anheizen, kaufen die Eidgenossen direkt ein – und zwar international. Allein im ersten Halbjahr 2016 steckte die SNB mehr als 20 Milliarden US-Dollar in amerikanische Wertpapiere. Die Bilanzsumme der SNB besteht inzwischen zu gut 20 Prozent aus Aktien. Ziel der Schweizer ist es, die Aufwertung des Franken zu verhindern. Fast im Vorbeigehen sind sie damit zum Großanleger an der Wall Street geworden.

Ähnlich könnte es sich auch bald bei der EZB verhalten. Nachdem sie zunächst massenhaft Staatsanleihen gekauft hat, ging sie Anfang Juli dazu über, sich Unternehmensanleihen ins Portfolio zu holen. Seit diesem Tag bestimmt also die Politik, welcher Aktien-Konzern in Europa mehr und welcher weniger Liquidität verdient hat. Anleihen des Brauerei-Riesen Anheuser-Busch InBev stehen auf Draghis Kaufliste, außerdem BMW, Volkswagen und andere. Nach welchen Kriterien die Notenbank kauft, ist geheim. Das Ziel ist hingegen klar: Unternehmen sollen zu mehr Investitionen animiert, die Konjunktur gestützt, die Inflation angeheizt werden.

„Vermutlich wird die EZB bis zum vorgesehenen Ende des Programms Ende März 2017 genügend Anleihen zum Kauf finden“, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Hamburger Privatbank Berenberg. „Dabei kann es sein, dass sie die Kriterien für die Auswahl der Papiere im Zeitablauf etwas ändern wird, um beispielsweise den Kreis der verfügbaren Unternehmensanleihen ein wenig zu erweitern.“ Schwierig werde es ihm zufolge dann, wenn die EZB ihr Kaufprogramm verlängere und nicht das Tempo der Aufkäufe zurückschraube.

Dass der nächste Schritt in diesem Falle gleich der Kauf von Aktien wäre, glaubt Schmieding indes nicht. „Sollte die Gefahr einer Deflation unerwartet zunehmen, beispielsweise im Falle einer akuten Konjunktur- oder Finanzkrise, würde die EZB mit ihrer Geldpolitik dagegen halten müssen, um ihrem Mandat gerecht zu werden“, sagt er zwar. Doch „nur in einem extremen Notfall, der sehr unwahrscheinlich ist, würde sie vermutlich auch nach japanischem Vorbild Aktienfonds erwerben, um auf diese Art mehr Liquidität in den Wirtschaftskreislauf zu schleusen“, erklärt der Volkswirt.

Dass der Aktienkauf durch die Europäische Zentralbank in der Vergangenheit oft als undenkbar galt, fechten Experten wie Mumm dabei nicht an. Er gibt jedoch zu bedenken, dass es in den vergangenen Jahren vieles gegeben habe, was man sich nicht hätte vorstellen können. Bislang hat die Europäische Zentralbank noch jedes der vermeintlichen Tabus gebrochen. Und dieses würde sich mit Blick auf die Dividendenrendite europäischer Aktien womöglich sogar in finanzieller Hinsicht lohnen.

Wohin das weitere Vorgehen der Zentralbanker jedoch auch führen kann, hat der oft als „Mr. Doom“ betitelte Schweizer Börsenexperte Marc Faber, der für seine pessimistische Sicht auf die Welt bekannt ist, in einem Interview mit dem US-Nachrichtensender CNBC klar gemacht. Sie würden womöglich am Ende alle Staatsanleihen, alle Unternehmensanleihen und alle verfügbaren Aktien aufkaufen. Wenn danach der Immobilienmarkt in die Knie gehe, würden sie noch alle Häuser kaufen.“ Dann gehöre der Regierung alles. „Das ist der Weg in den Sozialismus.“ Ganz so schwarz sieht es Mumm nicht. Die Frage nach dem Ausstieg „kann man aus heutiger Sicht nicht einfach beantworten“, sagt der Donner&Reuschel-Experte. Es sei durchaus möglich, dass die Notenbanken es schaffen, sich wieder von den Aktien zu trennen. Ob das eine oder andere passieren wird, wissen derzeit wohl am besten die Notenbanker in Jackson Hole.

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erstellt am 25.Aug.2016 | 11:55 Uhr

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