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Wirtschaft

05. Dezember 2016 | 03:29 Uhr

Das Bild der 1980er : Ende der Produktion: Der letzte VHS-Videorekorder läuft vom Band

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Nach 40 Jahren ist die Ära Ende Juli beendet: Funai Electric schraubt die letzten VHS-Geräte zusammen.

Höheren Ansprüchen genügte das Video Home System (VHS) eigentlich nie, überaus praktisch war es ehedem schon. Inzwischen ist es wohl endgültig überflüssig. Seit einem Jahr schon gibt es keine Leer-Kassetten mehr, nun wird mit Funai Electric auch der letzte Mohikaner unter den Herstellern die Wiedergeber des Grisselbildes mit dem nasskalten Charme der 1980er beerdigen. Das Kürzel VHS gehört nach 40 Jahren wieder exklusiv den Volkshochschulen.

Es gibt im Haushalt praktisch keinen Grund mehr, bewegte Bilder auf analogem Wege – also verlustbehaftet - zu speichern. Selbst ein beliebiges Smartphone kann simpel Aufnahmen erstellen, die der VHS-Qualität weit überlegen sind.


Von Kult kann bei der VHS keine Rede sein, denn meistens gaben die undurchsichtigen Kunststoff-Quader genau dann den Geist auf, wenn man Freunde zum Heimkino geladen hatte. Für die Generationen Netflix und Youtube ist es kaum mehr nachvollziehbar, wie mühselig es einmal war, Filme zu kopieren, sie aus dem Fernsehen aufzunehmen und nach Lust und Laune verfügbar zu machen. Das 1976 von JVC entwickelte VHS-System für den Hausgebrauch mitsamt seiner unzerstörbar scheinenden, zweimarkstückhohen Datenträger kam seinerzeit alledings wie gerufen. Die VHS-Kassette brachte die Filme in die Wohnzimmer und das private Fernseh-Archiv in die Schrankwand.

Dabei hätte VHS sich nach den Gesetzen der Technik-Evolution eigentlich gar nicht durchsetzen dürfen. Es war hauptsächlich das Marketing-Feld, auf dem der große bandbasierte Formatkrieg im Heimkinobereich der späten 1970er ausgefochten wurde. Die Konkurrenz war mit Betamax-System (besseres Bild) und Grundigs zu spät hevorgebrachtes Video2000 (beidseitig bespielbar) dem JVC Video Home System eigentlich überlegen. Die westliche Filmindustrie entschied sich letztlich wohl auch aus Gründen der Aufnahmelänge für VHS – und damit automatisch auch das neue Videoverleih-Geschäft, das explosiv wuchs. Während VHS-Player von vielen Videoverleihern gleich mitvermietet wurden, musste man die teuren Betamax-Geräte kaufen.

1980 hatte VHS mit 70 Prozent aber im Westen den höchsten Marktanteil. 1988 endete der Krieg der Formate mit Sonys Kapitulation: Die Japaner brachten in dem Jahr selbst VHS-Geräte auf den Markt. Gab es in einer Videothek dennoch reiche Auswahl an Betamax-Kassetten, ließ die auf einen hohen Teil türkischer Bürger in der Gegend schließen. In der Türkei hatte sich Betamax etabliert. Sony beendete Ende 2015 ebenfalls die Produktion von Kassetten für das hauseigene Format.

Bis Ende des letzten Jahrhunderts die DVD – später auch als Recorder – alle Trümpfe auf sich vereinte, blieb VHS das relevante System. 1999 wurden noch fast 40 Millionen der sperrigen Kassetten in Deutschland verkauft. Vor zehn Jahren erschien dann der letzte Hollywood-Film in dem Format.

Trotz der technischen Entwicklung soll Funai im vergangenen Jahr noch 750.000 VHS-Videorekorder verkauft haben, berichtet „Heise“ unter Berufung auf das japanische Nachrichtenportal „Nikkei“. Diese verblüffend hohe Zahl liegt wohl darin begründet, dass viele ihre alten Filme noch digitalisieren möchten. Es sei immer schwieriger, die nötigen Teile zu beschaffen, begründet das Unternehmen die schnelle Entscheidung trotz der guten Verkaufszahlen. Einer der wenigen Leidtragenden dürfte neben Hobby-Filmern vor allem die SK-Unternehmensgruppe (Sauerland-Kunststoff) sein. Sie kaufte im letzten Jahr alle Lagerbestände an Leerkassetten auf.

Ton- oder Bildträger im digitalen Zeithalter verschwinden inzwischen allgemein von der Bildfläche. Selbst große Dateien lassen sich beliebig von überall abrufen, den Rest erledigen Streaming-Dienste. Alles in HD, das man der digitalen VHS auch beibrachte, aber zu spät. Eine Gegenbewegung ist freilich beim Vinyl hervorzuheben. Die pflegebedürftige Schallplatte galt vielen Musikhörern vor der Erfindung CD als Last, ist nach Jahren der Verdammnis aber wieder das führende physische Musikmedium. Sie überzeugt die Hörer bis heute durch seine audiophilen Möglichkeiten, ihr Sammlerwertpotenzial, ihre Langlebigkeit und ihre reizvolle Haptik/Optik. Das Video kann nichts davon, weil ihm – anders als das wieder beliebte Super 8 – jeder Charme fehlt. Neben der Anfälligkeit sind Bild und Ton blass. Sie genügen als Stilmittel höchstens dann, will man in Zukunft einen Film drehen, der in den 1980er Jahren spielt.

Für ein nostalgisches Nischenprodukt taugt VHS einfach nicht. Deshalb wird die Massenware anders als vielleicht der legendäre Verlierer Betamax auch nicht in irgendwelchen Enthusiastenkellern überwintern, sondern auf dem Schrottplatz der Technikgeschichte.

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erstellt am 22.Jul.2016 | 18:20 Uhr

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