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Wirtschaft

03. Dezember 2016 | 18:49 Uhr

Volkswagen gegen Prevent : Einigung mit VW: Zulieferer wollen wieder liefern

vom

Der Streit ist Geschichte: Was die Zulieferer für ihr Zugeständnis bekommen, ist offen. Beide Seiten haben Stillschweigen vereinbart.

Wolfsburg | Der Machtkampf zwischen VW und zwei wichtigen Zulieferern ist vorbei. Der Autobauer und die beiden Unternehmen der Prevent-Gruppe einigten sich am Dienstag in Wolfsburg und beendeten damit den beispiellosen Streit um die Lieferung von wichtigen Teilen für die Autoproduktion. Die Lieferanten würden die Belieferung von Volkswagen in Kürze wieder aufnehmen, sagte ein Volkswagen-Sprecher. Auch die Zuliefererseite bestätigte die Einigung. Über die Einzelheiten vereinbarten VW und die Eastern Horizon Group, zu der die Lieferanten Car Trim GmbH und die ES Automobilguss gehören, allerdings Stillschweigen.

Der Zuliefererstreit versetzte die ganze Branche in Aufregung. Allen voran stand die Golf-Produktion im Stammwerk Wolfsburg still. Nach Branchenangaben stehen hinter der Golf-Produktion rund 500 Lieferanten, die auch in Schwierigkeiten geraten wären.

Nach Angaben von VW bereiten die betroffenen VW-Standorte die Wiederaufnahme der Produktion vor, das Thema Kurzarbeit dürfte sich für die Werke in Emden, Wolfsburg, Kassel und Zwickau somit rasch wieder erledigen. Zum genauen Zeitplan äußerte sich VW aber zunächst nicht. Ob Kurzarbeit bei VW überhaupt rechts ist, darüber diskutieren Politik und Arbeitsmarkt-Experten.

VW-Aufsichtsrat und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sagte, es sei gut, dass nun eine Einigung erfolgt sei. Er freue sich für die Beschäftigten, die nun wieder an ihre Arbeitsplätze zurück könnten. „Sie sind in den letzten Tagen Opfer eines Konfliktes geworden, der ohne Not auf ihrem Rücken ausgetragen worden ist“, sagte der SPD-Politiker in Hannover - und kritisierte nochmals das Vorgehen der beiden Zulieferer. „Es bleibt bei mir ein Unbehagen über das Vorgehen der Prevent Group, die nicht bereit war, den in unserem Rechtsstaat vorgesehenen Weg einer Klärung vor den Gerichten zu gehen.“ Die beiden Firmen hätten stattdessen einen Großkonflikt mit beträchtlichen Schäden eröffnet. „Dieses Beispiel darf keine Schule machen“, sagte Weil.

Zwischen Volkswagen und den beiden wichtigen Teilezulieferern tobte seit Tagen ein Streit um die Kündigung von Aufträgen. Die Hintergründe sind unklar.

Was wir wissen

- Weil zwei Zuliefererfirmen wichtige Teile nicht liefern, ruhte bei Volkswagen die Produktion mancher Modelle. Betroffen waren nach Konzernangaben mehrere VW-Werke - alle voran das Stammwerk Wolfsburg mit der gestoppten Produktion des wichtigsten Modells Golf. Für insgesamt 27.700 Mitarbeiter seien „Flexibilisierungsmaßnahmen bis hin zu Kurzarbeit“ ergriffen worden.

- Bei den Zulieferern handelt es sich um die sächsischen Firmen ES Automobilguss und Car Trim. ES stellt Getriebeteile her, Car Trim Sitzbezüge. Sie gehören zur Prevent-Gruppe.

- VW ist bei den Komponenten, die nicht mehr geliefert wurden, offensichtlich von den Zulieferern abhängig - vor allem bei dem wichtigen Getriebeteil. Nach dpa-Informationen hat sich VW bei dem Teil für das Erfolgsmodell Golf in weiten Teilen auf nur einen Zulieferer verlassen. Das Prinzip ist in der Branche bekannt als „Single Sourcing“ (Einzelquellenbeschaffung).

- Volkswagen hat vor Gericht bisher Erfolge errungen. Das Landgericht Braunschweig erließ einstweilige Verfügungen, welche die Lieferanten zur Wiederaufnahme der Belieferung verpflichten. Im Fall des Getriebe-Lieferanten findet am 31. August eine Verhandlung über einen Widerspruch der Firma statt.

- Für Kunden kann es laut VW zu Verzögerungen bei der Auslieferung ihrer bestellten Fahrzeuge kommen - Einzelheiten sind nicht bekannt.

Was wir nicht wissen

- Die genauen Ursachen des Streits sind unklar. Die Absage eines Zukunftsprojektes mit Car Trim soll zumindest eine Wurzel der Querelen sein. Nach dpa-Informationen war VW dabei prinzipiell zu einem finanziellen Ausgleich bereit. Aber die Forderungen des Zulieferers sollen unrealistisch gewesen sein. Beide Parteien wollen sich offiziell nicht äußern. Warum die Lage eskalierte, ist unklar.

- Die Zulieferer argumentierten, VW zwinge sie zu dem Lieferstopp, da der Autobauer „frist- und grundlos“ Aufträge gekündigt habe und einen finanziellen Ausgleich dafür ablehne. Es geht dabei um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Der Lieferstopp geschehe zum Selbstschutz und im Kampf um die Zukunft der eigenen Mitarbeiter.

- Ob hinter dem Konflikt eigentlich ein Preiskampf steht, ist unklar - darüber wird aber spekuliert. Wegen der immensen Belastungen durch den Abgasskandal muss der Konzern einen Sparkurs vor allem bei der renditeschwachen Konzern-Kernmarke VW verschärfen.

- Unklar ist die Höhe des Schadens für Volkswagen durch den Produktionsstopp. Dies hängt wesentlich davon ab, wie lange der Konflikt noch andauert. Welche mittel- und langfristigen Folgen der Streit für die Komponentenstrategie bei VW hat, ist offen.

Bei der Firma ES Automobilguss in Schönheide im Erzgebirge war für diesen Dienstag zudem eine Betriebsversammlung geplant. Daraus erhofften sich die Arbeitnehmervertreter Antworten auf die vielen Fragen zur Zukunft des Zulieferers.

Volkswagen hatte neben der Verhandlungslösung auch immer betont, notfalls auf gerichtlichem Wege eine Herausgabe der Teile zu verlangen. Das Landgericht Braunschweig hatte einstweilige Verfügungen erlassen, welche die Lieferanten zur Wiederaufnahme der Belieferung verpflichten. Diesen Weg muss VW nun nicht mehr gehen.

Auch Daimler streitet mit Prevent

Die Zulieferer-Gruppe Prevent legt sich nun auch mit dem Autobauer Daimler an. /Illustration
Die Zulieferer-Gruppe Prevent legt sich nun auch mit dem Autobauer Daimler an. /Illustration Foto: Julian Stratenschulte
 

Unterdessen streitet neben Volkswagen auch Daimler mit der Zulieferer-Gruppe Prevent vor Gericht. Vor dem Landgericht Braunschweig wolle der Lieferant 40 Millionen Euro Schadenersatz erstreiten, sagte ein Sprecher des Gerichts. Prevent sehe demnach Verträge von Daimler als nicht erfüllt und nicht wirksam beendet an.

Am 8. November werde zunächst die Frage geklärt, welche Kammer überhaupt für das Verfahren zuständig ist. Nachdem die Klage beim Landgericht Braunschweig zunächst von der Handels- zur Zivilkammer weitegereicht wurde, sieht das Gericht nun die Zuständigkeit eigentlich in Stuttgart (Az.: 9 O 2142/15). „Bild am Sonntag“ und „Süddeutsche Zeitung“ hatten zuvor über den Rechtsstreit berichtet.

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erstellt am 23.Aug.2016 | 10:54 Uhr

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