zur Navigation springen

Wirtschaft

25. Mai 2016 | 03:20 Uhr

Börsenchrash : Chinas Börsen erholen sich etwas

vom
Aus der Onlineredaktion

Die chinesischen Börsen in Shanghai und Shenzhen drehen deutlich ins Plus. Die Regierung setzt umstrittenen Schutzmechanismus aus.

Shanghai | Nach dem Börsenbeben am Donnerstag haben sich die chinesischen Aktienmärkte am Freitag wieder leicht erholt. Zuvor hatte die chinesische Regierung einen neuen umstrittenen Schutzmechanismus zur Unterbrechung des Handels bei großen Schwankungen wieder abgeschafft.

Der Kurseinbruch und die Ungewissheit über den Zustand der zweitgrößten Volkswirtschaft hatten am Donnerstag weltweit die Aktienmärkte in den Keller gezogen. Der deutsche Aktienindex Dax verlor seit Anfang der Woche über 500 Punkte.

Auch wurden Sorgen über die Schwäche der chinesischen Währung besänftigt, als der Yuan über Nacht zum ersten Mal seit neun Tagen wieder etwas stärker notierte. Die chinesischen Börsen in Shanghai und Shenzhen notierten am Mittag (Ortszeit) deutlich mit ein oder zwei Prozent im Plus.

Nachdem am Vortag zum zweiten Mal der Handel für den Rest des Tages unterbrochen worden war, schaffte die Behördenaufsicht den erst Anfang der Woche eingeführten Mechanismus wieder ab. Er sah eine 15-minütige Zwangspause im Handel vor, wenn der China Securities Index (CSI) mit 300 führenden Werten um fünf Prozent nachgibt. Bei einem Minus von sieben Prozent wurde der Handel für den Rest des Tages beendet.

Damit sollten eigentlich große Schwankungen vermieden werden, doch führte diese Art der Notbremsung zu Panik unter Händlern und sorgte für eine Abwärtsspirale. Es war der erste Abbruch des Handels in der 25-jährigen Geschichte der chinesischen Börsen – und das gleich zweimal in nur vier Tagen. Kritiker sahen die Schwelle für die Unterbrechung auch angesichts der starken Schwankungen in China viel zu niedrig angesetzt.

„Gegenwärtig sind die negativen Folgen des Mechanismus größer als die positiven Auswirkungen“, sagte Sprecher Deng Ke von der Wertpapieraufsicht laut der Nachrichtenagentur Xinhua. Um die Stabilität des Marktes zu wahren, sei deswegen entschieden worden, den Sicherungsmechanismus wieder abzuschaffen.

Für weitere Unruhe an den chinesischen und globalen Börsen sorgte zuvor auch die anhaltende Schwäche der chinesischen Währung gegenüber dem US-Dollar, die Sorgen über Kapitalflucht auslöste. Auch gab es Spekulationen, ob China damit seine Exporte fördern wolle. Der Yuan-Kurs hatte am Donnerstag den niedrigsten Stand seit fünf Jahren erreicht. Allerdings legte die Zentralbank in Peking den Kurs am Freitag erstmals wieder höher bei 6,5636 Dollar fest, was die Anleger offenbar erst einmal wieder beruhigte.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Ursachen und Folgen des Absturzes der chinesischen Börsen:

Was ist am Donnerstagmorgen in China passiert?

Zum zweiten Mal innerhalb von vier Handelstagen wurde der Börsenhandel in China gestoppt. Der CSI 300 ist ein Index der 300 wichtigsten Aktien, die in Shanghai und Shenzen gehandelt werden. Die Regel lautet: Fällt er um fünf Prozent, wird der Handel für 15 Minuten ausgesetzt. Fällt er um sieben Prozent, ist der Handelstag vorbei. Das war am Donnerstagmorgen nach rund einer halben Stunde der Fall.

Über den Sinn dieser Regel streiten Experten. Die einen glauben, dass die Aussetzung des Handels dafür sorgt, dass Vernunft einkehrt und Panik sich legt. Andere argumentieren, dass dadurch gerade erst Panik erzeugt wird. Ihr Argument: Weil alle damit rechnen, dass der Handel ausgesetzt wird, versuchen so viele wie möglich, in den ersten Handelsminuten zu verkaufen. Der heutige Tag spricht dafür, dass die Skeptiker recht haben. Auch die chinesische Regierung änderte offensichtlich ihre Meinung: Ab Freitag soll der Automatismus vorerst ausgesetzt werden.

Was sind die vordergründigen Ursachen?

Chinas Börse war seit jeher ein Markt für Spekulanten - institutionelle wie auch viele chinesische Privatanleger. Aber viele Jahre kannte die Börse nur eine Richtung: nach oben. Grund war das stetige Wachstum der Wirtschaft, aber auch die staatliche Lenkung. Ein steigender Markt wurde von der Regierung als Prestigeobjekt gesehen. Dass der Staat dafür sorgt, dass es dauerhaft dabei bleibt, wurde von vielen Chinesen als Versprechen angesehen. Die Financial Times zitiert (hier nachzulesen, Bezahlschranke) einen Bericht der britischen Bank HSBC, wonach die Regierung in den letzten eineinhalb Jahren 800 Mrd. Dollar in die Stützung der Märkte gesteckt hat.

Wo liegt das tiefere Problem?

Chinas Wirtschaft schwächelt. Sie wächst zwar noch, aber viel schwächer, als in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Im dritten Quartal 2015 ist sie nur noch um 6,9 Prozent gewachsen, nachdem früher Werte um zehn Prozent üblich waren. Es gibt Stimmen, dass auch dieser offizielle Wert noch geschönt sei.

Dadurch kommt Chinas Währung, Renminbi oder Yuan genannt, unter Druck. Das ist ein Zeichen massiver Kapitalabflüsse. Am 11. August 2015 machte die chinesische Regierung offiziell, dass sie eine Schwächung der Währung in Kauf nimmt. Die Währung darf nun gegenüber dem Dollar täglich in einem Band von zwei Prozent schwanken. (mehr Hintergründe dazu hier)

Wie groß der Kapitalabfluss ist, zeigt der Währungsverfall am Handelsplatz Hongkong, der nicht der Kontrolle der Regierung unterliegt. Der sogenannte Offshore-Renminbi (Hintergrund) fiel seit dem 11. August um 7,8 Prozent, das Minus im kontrollierten Markt betrug „nur“ 6,2 Prozent. Beide Zahlen dokumentieren einen massiven Kapitalabfluss aus China.

Was tut die chinesische Regierung dagegen?

Mehr Regulierung. Ab Samstag, 9. Januar, werden die Aktienverkäufe von Großinvestoren begrenzt. Sie dürfen innerhalb von drei Monaten nur ein Prozent ihres Aktienbestands verkaufen und müssen das 15 Tage im Voraus ankündigen. Viele Experten bezweifeln, dass dies den Kursverfall stoppen kann.

Das zieht auch den Dax nach unten. Zurecht?

Börsianer reagieren kurzfristig reflexartig. Wenn die Kurse in einem so wichtigen Land wie China rutschen, kann die Börse in Deutschland nicht stabil bleiben, so die Überlegung. Der Effekt wird verstärkt durch Computerprogramme, die automatisch handeln, also in diesem Fall verkaufen. So sank der Dax als wichtigstes deutsches Marktbarometer in der ersten Handelsstunde um 3,6 Prozent unter die runde Marke von 10.000 Punkten Die Händler in Deutschland reagieren damit nervöser als viele Asiaten. In Japan verlor der Nikkei 2,3 Prozent, der Hang Seng in Hongkong gab 3,2 Prozent nach und die Börse in Singapur verlor 2,7 Prozent. Es sieht also nach einer Übertreibung beim Dax aus. Einen guten Überblick über die Weltmärkte gibt es auf marketwatch.com.

Was heißt das alles für die Weltwirtschaft?

Die Börsencrashs in China sind ein Symptom für die Kapitalabflüsse aus dem Land. Die Stimmen mehren sich, dass die Weltwirtschaft insgesamt darunter leiden wird. Dazu kommen wieder steigende Zinsen in den USA. (Hintergrund mit Fragen und Antworten) Das dürfte die Abflüsse aus China verstärken, weil die USA relativ betrachtet attraktiver werden.

Der Milliardär und prominente Investor George Soros meint, die chinesische Wirtschaft habe ein massives Anpassungsproblem. „Es gibt eine ernsthafte Herausforderung, die mich an die Krise von 2008 erinnert.” Damals war es zu einer Weltwirtschaftskrise gekommen, ausgelöst durch faule Kredite auf dem US-Immobilienmarkt.

Und für die deutsche Wirtschaft?

Die deutsche Wrtschaft ist sehr exportabhängig, die Exportquote betrug 2014 45,7 Prozent. Davon gingen allerdings 68 Prozent in europäische Länder. Der Anteil Chinas betrug 6,8 Prozent (hier die Daten des Bundeswirtschaftsministeriums). Der psychologische Effekt könnte für Deutschland wichtiger werden als der reale: Wenn die schlechten Nachrichten aus der Weltwirtschaft zunehmen, könnte dies die Investitionsbereitschaft deutscher Unternehmer dämpfen. Ein weiter sinkender Dax täte sein Übriges.

Der chinesische Börsencrash hat auch einen positiven Effekt: Neben den Preisen für Aktien sinken auch die von Rohstoffen. Metalle werden deutlich billiger - und vor allem Öl. Rohöl kostet derzeit mit gut 32 Dollar pro Barrel (159 Liter) so wenig wie zuletzt 2004.

zur Startseite

von
erstellt am 08.Jan.2016 | 11:39 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen