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Wirtschaft

03. Dezember 2016 | 18:51 Uhr

Rat für Anleger : Chefvolkswirt Ralf-Joachim Götz: „Niedrigzinsen wirken wie eine Droge“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Höhere Kontogebühren, weniger Zinsen: Anleger können ihre finanziellen Ziele trotzdem erreichen, sagt Ralf-Joachim Götz.

Die Verunsicherung bei den deutschen Sparern wächst. Aus Sicht von Ralf-Joachim Götz (56), Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensberatung, können Anleger ihre finanziellen Ziele jedoch weiterhin erreichen – wenn auch mit einem gewissen Risiko. Den Staat sieht er vor allem bei der Verbesserung des Investitionsklimas gefordert.

Herr Götz, die EZB hat in der vergangenen Woche verkündet, dass sie weiter an der Null-Zins-Politik festhalten wird. Wann können die Sparer endlich wieder auf steigende Zinsen hoffen?

Ich bin der Meinung, dass sich die EZB nicht dauerhaft der Entwicklung in den Vereinigten Staaten entziehen kann. Dort wurde schon länger angekündigt, dass die Zinsen wieder steigen können. Die Historie zeigt, dass Europa der Zinsentwicklung in den USA mit einem gewissen zeitlichen Abstand folgt. Wenn also Amerika die Zinsen anhebt, können wir nicht davon ausgehen, dass diese hierzulande ewig auf diesem niedrigen Niveau bleiben werden.

Warum tut sich die EZB mit diesem Schritt so schwer?

Das Problem ist, dass Niedrigzinsen wie eine Droge wirken. Sie dämpfen unter anderem den Reformdruck hoch verschuldeter Staaten. Je länger sie verfügbar sind, desto schwerer fällt der Entzug. Zinssteigerungen müssen behutsam kommen, sonst gibt es ein böses Erwachen.

Dabei ist das Ende der Fahnenstange scheinbar noch gar nicht erreicht: Seit Juli deckt sich EZB-Chef Mario Draghi im großen Stil mit Unternehmensanleihen ein, sogar über den Kauf von Aktien wird spekuliert. Erklärtes Ziel ist es, die niedrige Inflation nach oben zu treiben und die Inflation anzukurbeln. Doch welche Auswirkung hätte eine solche Maßnahme?

Es würde dazu führen, dass Unternehmen, deren Anleihen und Aktien von der EZB gekauft werden, sich viel günstiger finanzieren könnten als andere, die diesen Zugang nicht haben. Solche Firmen würden hierdurch systematisch bevorteilt werden und hätten damit beispielsweise bessere Karten für die Übernahme anderer Gesellschaften. Deshalb muss man die Frage stellen, ob dies ordnungspolitisch gewollt ist.

Immerhin hat Draghis Politik dem Bundeshaushalt von Finanzminister Wolfgang Schäuble eine schwarze Null beschert.

In den letzten zehn Jahren ist die gesamte Staatsverschuldung in Deutschland um über 600 Milliarden Euro gestiegen. Gleichzeitig ist der jährliche Zinsaufwand um etwa 16 Milliarden Euro gesunken. Der Staatshaushalt profitiert besonders von der Niedrigzinspolitik. Ohne diese wären die jährlichen Zinsausgaben im zweistelligen Milliardenbereich höher und die Staatsverschuldung im Zweifel noch umfangreicher. Dennoch bin ich nicht der Auffassung, dass ein Staat seine Verschuldung auf 0 abbauen muss. Ein Staat kann gut Schulden haben, muss dann aber Wachstumsperspektiven entwickeln. Gleichzeitig ist zu beachten, dass Schulden auch eine Hypothek für nachfolgende Generationen sind. Und wenn man sieht, dass diese Generation durch den demografischen Wandel nicht mehr so groß ist, sollte man sie auch nicht über Gebühr belasten. Was wir brauchen ist ein Klima, in dem sich Investitionen lohnen. Nicht nur seitens des Staates, sondern insbesondere auch durch eine entsprechende Kultur zur Gründung und Weiterentwicklung von Unternehmen.

Haben wir dieses Klima?

Ich glaube, dass etwa im Bereich des Bankensektors der starke Abbau des Filialnetzes zum Teil staatlichen Regulierungen geschuldet ist. Das gilt auch für Beratungen, die durch zu viel Dokumentation deutlich teurer geworden sind. Überregulierung kann jedoch dazu führen, dass für die Menschen wichtige Finanzdienstleistungen in der Fläche nicht mehr angeboten werden. Das wäre dann falsch verstandener Verbraucherschutz. Schließlich verfolgen schon jetzt viele Menschen langfristige Sparziele wie die eigene Immobilie und die private Altersvorsorge mit viel zu kurzfristigen und niedrig verzinsten Anlagen.

Wie sollten Sparer ihr Geld denn anlegen?

Die Deutschen haben über zwei Billionen Euro auf Girokonten, Tagesgeldkonten, Sparbüchern oder unter dem Kopfkissen liegen. Das alles bringt kaum noch oder gar keine Zinsen. Zwar kann man sein Geld so sicher anlegen, damit aber auch ganz sicher seine finanziellen Ziele nicht erreichen. Ich denke, dass Sparer bei langfristigen Zielen und guter Streuung durchaus etwas mehr ins Risiko gehen können. Denn Risiko bedeutet systematisch auch eine höhere Ertragschance. Über einen langen Zeitraum von 15 Jahren und mehr ist es sehr unwahrscheinlich, dass man mit einem gut gestreuten Portfolio von europäischen Aktien oder einem entsprechenden Investmentfonds eine negative Rendite hat.

Gerade die Deutschen scheuen nach ihren Erfahrung am Neuen Markt und während der Finanzkrise aber das Risiko.

Es gibt leider nicht die eierlegende Wollmilchsau, die gleichzeitig super Renditen bringt, kein Risiko hat und auf die man jederzeit uneingeschränkt Zugriff hat. Wichtig ist, dass die Anlagen im Einklang stehen mit den eigenen finanziellen Wünschen und Zielen sowie der individuellen Einstellung zu den Ertragschancen und Risiken von Investments. Dabei hilft eine gute Beratung.

Was raten Sie konservativen Anlegern?

Die Förderangebote des Staates sollte man definitiv mitnehmen, etwa bei Berufsanfängern die vermögenswirksamen Leistungen. Zudem bin ich ein Fan vom Riester-Sparen. Nicht, weil es einfach zu verstehen ist, sondern weil ich die Förderung für intelligent halte. Sowohl für kinderreiche Familien als auch gut verdienende Singles.

Und private Renten- und Lebensversicherungen sind bei der derzeitigen Zinslage eher nicht zu empfehlen? Der Garantiezins soll im nächsten Jahr auf nur noch 0,9 Prozent fallen.

Glücklich kann der sein, der ältere Verträge hat. Hier liegt der Garantiezins teilweise noch bei 3,5 oder sogar 4 Prozent. Aber auch bei den neueren Verträgen haben Lebensversicherungen ihren Kunden im vergangenen Jahr noch laufende Verzinsungen von über drei Prozent gutgeschrieben. Von daher hat sich die Lebensversicherung im Vergleich zum Sparbuch oder Bundeswertpapieren gut entwickelt.

Einige wenige Banken haben für institutionelle Anleger bereits Negativzinsen eingeführt. Muss bald auch der normale Sparer beim Geldanlegen drauf zahlen?

Wenn Negativzinsen in der Breite eingeführt werden würden, wäre das für viele Kunden ein Hammer. Das Horten von Bargeld im privaten Tresor könnte damit einen weiteren Aufschwung erleben. Bevor Banken oder Sparkassen diesen Schritt gehen, werden sie eher an der Gebührenschraube drehen. Kontoführungsgebühren akzeptieren viele Kunden, auch wenn sie vielleicht höher sind als mögliche Negativzinsen. Für viele Kunden, die derzeit noch ein gebührenfreies Konto haben, könnten versteckte oder zusätzliche Kosten anfallen. Etwa wenn es um Buchungsbelege oder Kreditkarten geht. Es wird immer mehr Kreativität geben, um Einnahmen zu generieren. Das wird der Trend sein. Aber der Gedanke, dass man für Geld, das man zur Bank bringt, auch noch zahlen muss, hat einen ganz anderen psychologischen Faktor.

Der Ruf Ihrer Branche ist spätestens seit der Finanzkrise stark ramponiert. Gibt es Hoffnung auf Besserung?

Es ist ganz klar, dass in der Beliebtheitsskala eher ein Feuerwehrmann oder Arzt ganz oben im Ranking steht. Im Finanzbereich gab und gibt es Topverdiener, die nicht immer im Interesse ihrer Kunden gehandelt und damit auch der Branche insgesamt geschadet haben. Unabhängige Befragungen unserer Kunden haben allerdings ergeben, dass Menschen, die einen Vermögensberater haben, in den allermeisten Fällen sehr zufrieden sind und uns gerne weiterempfehlen. Sicher hat die Finanzkrise in der Bevölkerung dazu beigetragen, dass Bürger beim Thema Finanzen nach wie vor verunsichert sind. Da muss sich die Branche das Vertrauen erst wieder erarbeiten und vieles mehr oder besser erklären.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zur Politik. Die „Brexit“-Entscheidung der Briten hat im Juni für große Turbulenzen auf den Finanzmärkten gesorgt. Wie wird dieser die Finanzmärkte künftig beschäftigen?

Die Briten haben eine neue Regierung und die Aufgaben neu verteilt, aber niemand weiß bereits haargenau, ob überhaupt und wenn ja, zu welchen exakten Bedingungen der „Brexit“ kommen wird. Dies wird noch für eine gewisse Zeit für Verunsicherung und Wellenbewegungen an den Finanzmärkten sorgen. Britischen Unternehmen hilft derzeit der niedrigere Pfund-Kurs, international wettbewerbsfähiger zu sein. Deutsche Unternehmen haben letztes Jahr Güter und Dienstleistungen für rund 90 Milliarden Euro nach Großbritannien verkauft, was das Land zu unserem drittwichtigsten Exportpartner macht. Uns verbindet mit Großbritannien allerdings weit mehr als nur der Warenaustausch. Wenn es zu den anstehenden politischen Verhandlungen zum Thema „Brexit“ kommt, kann es für alle Beteiligten sinnvoll sein, eine pragmatische Lösung zu finden.

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erstellt am 14.Sep.2016 | 21:59 Uhr

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