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Wirtschaft

06. Dezember 2016 | 09:23 Uhr

Pro und Contra : Brauchen wir in SH zehn verkaufsoffene Sonntage im Jahr?

vom

Neuer Streit um verkaufsoffene Sonntage: Gewerkschaften und Kirchen kritisieren den Vorschlag des Handelsverbandes.

Kiel | Die bisherigen verkaufsoffenen Sonntage sind dem Handel nicht genug. „Wir schlagen vor: Bundesweit zehn verkaufsoffene Sonntage mit Öffnungszeiten von 13 bis 18 Uhr, ohne dass es dafür einen besonderen Anlass geben muss“, sagt Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE) – und erntet damit viel Kritik in Schleswig-Holstein. Gewerkschaften sind entsetzt, Kirchen und Landesregierung winken ab.

Ob und wie oft Geschäfte sonntags öffnen, entscheiden bislang die Länder. Die Kommunen legen die Termine fest. Die Spanne reicht von drei in Baden-Württemberg, vier verkaufsoffenen Sonntagen wie etwa in Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein bis acht wie in Berlin.

Der freie Sonntag sei „ein hohes gesellschaftliches Gut“, sagt Stefan Döbler, Sprecher der Nordkirche. Die gemeinsame „Auszeit“, insbesondere für Freunde und Familie, sei heute wichtiger denn je. „Insofern stellt sich aus unserer Sicht die Frage nach einer weiteren Liberalisierung nicht“, so der Nordkirchen-Sprecher. Tatsächlich hatte die evangelische Kirche ganz im Gegenteil sogar erst kürzlich zwei Feiertage mehr gefordert. „Zehn Sonntage sind zu viel“, heißt es bei der katholischen Kirche. „Wir tendieren dazu, das Maß zu verlieren“, kritisiert Beate Bäumer vom Erzbistum Hamburg beim generellen Blick auf die liberalisierten Öffnungszeiten.

Unterstützung erhält der HDE-Vorstoß von der FDP-Landtagsfraktion. „Voraussetzung dafür ist, dass vor Ort je nach Bedarf darüber entschieden werden kann“, sagt der tourismuspolitische Sprecher, Oliver Kumbartzky zu dem Vorschlag. Aus seiner Sicht machen mehr Sonntagsöffnungen durchaus Sinn. „Sie beleben die Innenstädte und schaffen in gewisser Weise ‚Waffengleichheit‘ zum Online-Handel, der keine Schließzeiten hat.“ Ähnlich hat zuvor der HDE-Präsident seine Forderung im Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) begründet. „Zusätzliche Einnahmen am Sonntag tragen doch zur Arbeitsplatzsicherung bei“, sagte Sanktjohanser.

Gewerkschaften haben da Zweifel. „Die verkaufsoffenen Sonntage sind nur Scheinerfolge“, führt Frank Schischefsky bei Verdi-Nord in Kiel an. Mehr Umsätze würden nicht generiert, es sei oft ein Zuschuss-Geschäft – zulasten der Beschäftigten. „Der Mensch ist doch keine Maschine“, warnt DGB-Nord-Chef Uwe Polkaehn. Der freie Sonntag müsse als wichtiger Zeitanker für die Beschäftigten und ihre Familien erhalten bleiben. An sechs Tagen in der Woche gebe es genug Zeit, um einzukaufen. „Vielfach fehlen dazu leider Einkommen und Kaufkraft.“ So kritisiert Polkaehn, dass der Handel immer öfter auf Minijobs, Befristungen und Arbeit auf Abruf setze.

Dass sich der HDE mit seinem Vorschlag durchsetzt, ist zweifelhaft. Das Wirtschaftsministerium in Kiel sieht keinen Handlungsbedarf. „Wir haben in Schleswig-Holstein eine sorgfältig mit den Kirchen ausgehandelte Regelung gefunden, die sich aus unserer Sicht bewährt hat“, sagt ein Sprecher.

 


Pro von Michael Stitz

Ja, ich verstehe, dass die Kirche den Sonntag nicht dem Kommerz überlassen will, sondern die Kaufsüchtigen für ihre Bänke gewinnen möchte. Allein die Kirche darf auch mit dem Argument kommen, dass der Sonntag heilig und deswegen unberührbar sein und bleiben muss. Das ist würdig und recht! Klappt aber leider nicht. Doch dass es nicht klappt, hat weniger mit der entfesselten Konsumsucht zu tun, als mit Defiziten im Miteinander von Kirche und Mensch. Aber das ist ein weites Feld...

Ein weniger weites, ja, ein ziemlich eingrenzbares Feld hingegen ist der Kampfplatz Einzelhandel. Wie hinlänglich bekannt, ringen die (analogen) Geschäfte der Städte mit den (virtuellen) Shops im Netz. Die haben nicht nur sonntags, sondern permanent geöffnet und sind darüber hinaus in der Lage, ihren (gar nicht so miserablen) Telefonservice rund um die Uhr und an allen Wochentagen anzubieten. Wer sich von den Städten und ihren Angeboten angesprochen fühlt, ist deshalb ein kostbarer Kunde für jeden Ladenbetreiber und Stadtmanager. Und weil Kunden heute sehr anspruchsvoll sind, verlangen sie vermehrt nach den Reizen, die sie beim analogen Shoppen schätzen. Dazu kommt: Je entspannter sich der Stadtbummel gestalten lässt, desto steigerungsfähiger ist die Shoppinglust. Niemand sollte behaupten, dass durch offene Sonntage mehr konsumiert wird. Aber vielleicht wieder mehr in den Citys, weil sie eben doch die reizvolleren Einkaufsmöglichkeiten bieten. Am Ende reden wir auch von Jobs in den Städten. Da wundert man sich schon, dass die Gewerkschaften kein Einsehen haben.

Contra von Till H. Lorenz

Natürlich, ich will mir nicht von der Kirche vorschreiben lassen, wann ich einkaufen soll. Ebenso wenig will ich mir aber vom Einzelhandelsverband das Märchen vom unbegrenzten Kommerz auftischen lassen, der niemandem wehtut und nur Vorteile bringt. Die Realität ist nämlich eine andere. Die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten sowie die verkaufsoffenen Sonntage haben in unmittelbarer Folge nicht zu mehr Umsatz im Einzelhandel geführt. Stattdessen wurde ein irrsinniger Wettbewerb geschaffen, an dem sich viele nur aus Angst vor der Konkurrenz beteiligen. Und diese Konkurrenz sind vor allem jene großen Spieler auf dem Feld, die mit möglichst wenig Personal viel Verkaufsfläche bespielen.  

Die Rechnung für diesen Irrsinn bezahlen an erster Stelle natürlich die Beschäftigten. Sie arbeiten immer häufiger nur in Teilzeit oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Doch auch der Verbraucher bekommt letztlich seine Quittung. Denn die qualifizierte Beratung, die den Einzelhandel gerade gegenüber der oft beschworenen Konkurrenz aus dem Internet auszeichnet, wird darüber zwangsläufig zur Geschichte.

Zudem stellt sich doch auch folgende Frage: Wenn in diesen Tagen in jeder Diskussion die Werte und Traditionen des christlichen Abendlandes bemüht werden, wie halten wir es dann im Alltag mit diesen? Wenn uns schon ein einkaufsfreier christlicher Sonntag überfordert, weil wir uns mit anderen Menschen oder uns selbst beschäftigen müssen, kann es mit all dem ja nicht sonderlich weit her sein.

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erstellt am 17.Nov.2016 | 06:26 Uhr

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