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Wirtschaft

01. September 2016 | 01:27 Uhr

Fragen und Antworten : Börsenchrash in China, Dax unter 10.000: Das sind die Ursachen

vom
Aus der Onlineredaktion

Das macht Angst: Die Börsen stürzen ab. Aber warum? Und welche Folgen hat das, auch für Deutschland? Die Antworten.

Zum zweiten Mal in diesem Jahr crasht die Börse in China. Der Handel ist erneut ausgesetzt mit einem Minus von sieben Prozent. Anschließend stürzt auch der Dax massiv ab unter die runde Marke von 10.000 Punkten. Damit sind alle Kursgewinne der vergangenen Monate futsch. Fragen und Antworten zu Ursachen und Folgen.

Was ist am Donnerstagmorgen in China passiert?

Zum zweiten Mal innerhalb von vier Handelstagen wurde der Börsenhandel in China gestoppt. Der CSI 300 ist ein Index der 300 wichtigsten Aktien, die in Shanghai und Shenzen gehandelt werden. Die Regel lautet: Fällt er um fünf Prozent, wird der Handel für 15 Minuten ausgesetzt. Fällt er um sieben Prozent, ist der Handelstag vorbei. Das war am Donnerstagmorgen nach rund einer halben Stunde der Fall.

Über den Sinn dieser Regel streiten Experten. Die einen glauben, dass die Aussetzung des Handels dafür sorgt, dass Vernunft einkehrt und Panik sich legt. Andere argumentieren, dass dadurch gerade erst Panik erzeugt wird. Ihr Argument: Weil alle damit rechnen, dass der Handel ausgesetzt wird, versuchen so viele wie möglich, in den ersten Handelsminuten zu verkaufen. Der heutige Tag spricht dafür, dass die Skeptiker recht haben. Auch die chinesische Regierung änderte offensichtlich ihre Meinung: Ab Freitag soll der Automatismus vorerst ausgesetzt werden.

Was sind die vordergründigen Ursachen?

Chinas Börse war seit jeher ein Markt für Spekulanten - institutionelle wie auch viele chinesische Privatanleger. Aber viele Jahre kannte die Börse nur eine Richtung: nach oben. Grund war das stetige Wachstum der Wirtschaft, aber auch die staatliche Lenkung. Ein steigender Markt wurde von der Regierung als Prestigeobjekt gesehen. Dass der Staat dafür sorgt, dass es dauerhaft dabei bleibt, wurde von vielen Chinesen als Versprechen angesehen. Die Financial Times zitiert (hier nachzulesen, Bezahlschranke) einen Bericht der britischen Bank HSBC, wonach die Regierung in den letzten eineinhalb Jahren 800 Mrd. Dollar in die Stützung der Märkte gesteckt hat.

Wo liegt das tiefere Problem?

Chinas Wirtschaft schwächelt. Sie wächst zwar noch, aber viel schwächer, als in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Im dritten Quartal 2015 ist sie nur noch um 6,9 Prozent gewachsen, nachdem früher Werte um zehn Prozent üblich waren. Es gibt Stimmen, dass auch dieser offizielle Wert noch geschönt sei.

Dadurch kommt Chinas Währung, Renminbi oder Yuan genannt, unter Druck. Das ist ein Zeichen massiver Kapitalabflüsse. Am 11. August 2015 machte die chinesische Regierung offiziell, dass sie eine Schwächung der Währung in Kauf nimmt. Die Währung darf nun gegenüber dem Dollar täglich in einem Band von zwei Prozent schwanken. (mehr Hintergründe dazu hier)

Wie groß der Kapitalabfluss ist, zeigt der Währungsverfall am Handelsplatz Hongkong, der nicht der Kontrolle der Regierung unterliegt. Der sogenannte Offshore-Renminbi (Hintergrund) fiel seit dem 11. August um 7,8 Prozent, das Minus im kontrollierten Markt betrug „nur“ 6,2 Prozent. Beide Zahlen dokumentieren einen massiven Kapitalabfluss aus China.

Was tut die chinesische Regierung dagegen?

Mehr Regulierung. Ab Samstag, 9. Januar, werden die Aktienverkäufe von Großinvestoren begrenzt. Sie dürfen innerhalb von drei Monaten nur ein Prozent ihres Aktienbestands verkaufen und müssen das 15 Tage im Voraus ankündigen. Viele Experten bezweifeln, dass dies den Kursverfall stoppen kann.

Das zieht auch den Dax nach unten. Zurecht?

Börsianer reagieren kurzfristig reflexartig. Wenn die Kurse in einem so wichtigen Land wie China rutschen, kann die Börse in Deutschland nicht stabil bleiben, so die Überlegung. Der Effekt wird verstärkt durch Computerprogramme, die automatisch handeln, also in diesem Fall verkaufen. So sank der Dax als wichtigstes deutsches Marktbarometer in der ersten Handelsstunde um 3,6 Prozent unter die runde Marke von 10.000 Punkten Die Händler in Deutschland reagieren damit nervöser als viele Asiaten. In Japan verlor der Nikkei 2,3 Prozent, der Hang Seng in Hongkong gab 3,2 Prozent nach und die Börse in Singapur verlor 2,7 Prozent. Es sieht also nach einer Übertreibung beim Dax aus. Einen guten Überblick über die Weltmärkte gibt es auf marketwatch.com.

Was heißt das alles für die Weltwirtschaft?

Die Börsencrashs in China sind ein Symptom für die Kapitalabflüsse aus dem Land. Die Stimmen mehren sich, dass die Weltwirtschaft insgesamt darunter leiden wird. Dazu kommen wieder steigende Zinsen in den USA. (Hintergrund mit Fragen und Antworten) Das dürfte die Abflüsse aus China verstärken, weil die USA relativ betrachtet attraktiver werden.

Der Milliardär und prominente Investor George Soros meint, die chinesische Wirtschaft habe ein massives Anpassungsproblem. „Es gibt eine ernsthafte Herausforderung, die mich an die Krise von 2008 erinnert.” Damals war es zu einer Weltwirtschaftskrise gekommen, ausgelöst durch faule Kredite auf dem US-Immobilienmarkt.

Und für die deutsche Wirtschaft?

Die deutsche Wrtschaft ist sehr exportabhängig, die Exportquote betrug 2014 45,7 Prozent. Davon gingen allerdings 68 Prozent in europäische Länder. Der Anteil Chinas betrug 6,8 Prozent (hier die Daten des Bundeswirtschaftsministeriums). Der psychologische Effekt könnte für Deutschland wichtiger werden als der reale: Wenn die schlechten Nachrichten aus der Weltwirtschaft zunehmen, könnte dies die Investitionsbereitschaft deutscher Unternehmer dämpfen. Ein weiter sinkender Dax täte sein Übriges.

Der chinesische Börsencrash hat auch einen positiven Effekt: Neben den Preisen für Aktien sinken auch die von Rohstoffen. Metalle werden deutlich billiger - und vor allem Öl. Rohöl kostet derzeit mit gut 32 Dollar pro Barrel (159 Liter) so wenig wie zuletzt 2004.

 

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erstellt am 07.Jan.2016 | 17:13 Uhr

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