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Wirtschaft

26. März 2017 | 09:30 Uhr

Drittes Gutachten zur Reaktorsicherheit : AKW Grundremmingen in Bayern: Bei Erdbeben nicht sicher?

vom

Atomexperten zweifeln an der Sicherheit des Reaktors. Das Gutachten und eine neue Panne heizen die Diskussion an.

Grundremmingen | Es ist ein Szenario, das zugrunde gelegt wird, wenn es um die Erdbebensicherheit von Atomkraftwerken geht. Ein Erdbeben erschüttert das Kraftwerk so lange und so stark, bis System ausfallen, die nicht in erdbebensicheren Gebäuden untergebracht sind. Die externe Stromversorgung bricht ab, die Warte fällt aus und von außen gibt es keine Hilfe. Experten zweifeln nun daran, ob das Atomkraftwerk Grundremmingen (Landkreis Günzburg in Bayern) einem solchen Erdbeben standhalten würde. Das berichtet die „Südwestpresse“ am Sonnabend.

Das Reaktorunglück in Fukushima hat den Atomausstieg in Deutschland beschleunigt. Die alten belgischen und französischen Atomkraftwerke in der Nähe zur deutschen Grenze sorgen zusätzlich immer wieder für neue Diskussionen über die Sicherheit von Atomkraft.

Zwar gebe es ein solches Beben höchstens alle 10.000 Jahre und in einem Umkreis von 200 Kilometern, doch drei Gutachten mit zwei verschiedenen Aussagen lassen Zweifel an der Sicherheit des Siedewasser-Reaktors vom Typ Fukushima aus dem Jahr 1984 aufkommen. Ein erstes Gutachten bezweifelte 2013 die Sicherheit des größten deutschen Atomkraftwerks. Eine zweite Untersuchung kam 2016 zu dem Schluss, dass das AKW sicher ist. Beide Untersuchungen wurden vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegeben. Gutachten Nummer drei liegt nun vor und stellt fest: Grundremmingen ist nicht sicher.

Das von der grünen Bundestagsfraktion in Auftrag gegebene Gutachten listet Verstöße gegen deutsche AKW-Sicherheitsanforderungen auf. Demnach erfülle das Not- und Kühlwassersystem nicht die notwendigen Voraussetzungen zur Störfallbeherrschung. Bei Erdbeben oder anderen starken Erschütterungen wie bei Explosionen, Flugzeugabstürzen oder Terrorangriffen, wäre die Gefahr einer Kernschmelze groß.

Die Gründe sind laut Gutachter Manfred Mertens, der unter anderem verantwortlich war für die Erarbeitung der derzeitigen AKW-Sicherheitsanforderungen, vielfältig. Hauptproblem ist ein nachträglich eingebautes Kühlsystem namens Zuna. Es soll die bestehenden Kühlsysteme um ein drittes ergänzen. Nur mit drei vollständigen, als Sicherheitssystem anerkannten Notkühlungen, gilt ein Atomkraftwerk als erdbebensicher. Doch das Zuna-System, dass 1996 eingebaut wurde, wird nicht einmal vom Bundesumweltministerium oder von Prüforganisationen wie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) und dem TÜV als vollwertiges Sicherheitssystem bezeichnet, heißt es in dem Bericht. Vielmehr gilt es als „unterstützend“.

Außerdem verfüge Zuna laut Mertens nicht über einen Zwischenkühlkreislauf. Als zusätzliche Barriere für Radioaktivität sei dieser von Bedeutung. Entstünden Lecks durch welche radioaktives Wasser austritt, verhindere eine Zwischenkühlung, dass das verseuchte Wasser beispielsweise in die Donau gelangt. Selbst die ältesten noch laufenden Kraftwerke verfügen über Zwischenkreisläufe in der Notkühlung, so Mertins. Darunter sogar das kritisierte AKW Fessenheim.

Grüne fordern Abschaltung noch 2017

Das Umweltinstitut in München und die Grünen fordern nach dem neuen Gutachten die Stilllegung des alten Meilers. „Die Bundesatomaufsicht darf diesen Verstoß gegen die deutschen AKW-Sicherheitsanforderungen nicht ignorieren“, erklärt Christina Hacker, Vorstand im Umweltinstitut München. „Zum Schutz der Bevölkerung muss die Aufsichtsbehörde jetzt handeln und Gundremmingen die Genehmigung entziehen.“ Eine Abschaltung der Blöcke B und C hat seit Januar mehr als 21.000 Unterstützer gefunden. Die Unterschriftensammlung wurde vom Umweltinstitut und der Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“ ins Leben gerufen.

Der Fraktionsvorsitzende der Landtags-Grünen in Bayern, Ludwig Hartmann sagt: „Die Energiewende schreitet voran und Bayern könnte das Tempo erhöhen. Wir Grüne fordern konkret einen schnelleren Atomausstieg am Standort Gundremmingen. Die beiden baugleichen, gefährlich veralteten Siedewasserreaktoren - die letzten ihrer Art in Deutschland - müssen spätestens im Jahr 2017 gemeinsam abgeschaltet werden. Das nützt der Sicherheit der Bevölkerung und vermeidet weitere Atommüllproduktion für mindestens zwölf Castoren.“

Kritik an Gutachten

Das Bayerische Umweltministerium betont hingegen, das AKW erfülle alle Vorgaben und sei „umfassend gegen schwere Erdbeben gesichert“, heißt es in einem Bericht der „Augsburger Allgemeinen“. Es sei „unredlich, durch das ständige Wiederholen alter Vorwürfe Ängste in der Bevölkerung zu schüren“.

Tobias Schmidt, Sprecher des Kraftwerks, sagte der „Augsburger Allgemeinen“ er finde es bedauerlich, dass wieder ein Versuch unternommen wird, das Kernkraftwerk in ein schlechtes Licht zu rücken. Es sei aber nicht überraschend, „da es sich um ein Auftragsgutachten für die Grünen handelt“.

Angefeuert wird das neue Gutachten auch durch einen Störfall in dieser Woche. Im Reaktorblock B war ein Ventil ausgefallen, weshalb Grundremmingen von Hand abgeschaltet werden musste. Nach einer Revision wollte die Mannschaft den Reaktor am Montag wieder hochfahren. Das Ventil konnte innerhalb des Sicherheitsbereiches jedoch nicht mehr geschlossen werden. Eine Gefahr habe laut Betreiber RWE aber nicht bestanden. Zwar soll Block B Ende 2017 abgeschaltet werden, Block C hingegen soll noch bis 2021 am Netz bleiben. Dort kam es im Januar ebenfalls zu einem ähnlichen Fehler, berichtete der Bayerische Rundfunk. Der alte Block A wurde nach einem Störfall mit zwei Toten bereits 1977 abgeschaltet und wird seit 1983 zurückgebaut.

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