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Wirtschaft

27. Mai 2016 | 23:55 Uhr

„Leiche im Keller der Atompolitik“ : AKW Brunsbüttel: So läuft die Bergung der Rostfässer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In drei Jahren sollen alle 632 Fässer mit radioaktivem Abfall unter dem Kernkraftwerk Brunsbüttel geborgen und umverpackt sein. Das müssen Sie wissen.

Brunsbüttel | Die wichtigen Dinge im Leben filmen Menschen heute mit dem Handy. Und so zückt auch Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) am Montag sein Smartphone als ihm der Geschäftsführer der Vattenfall Europe Nuclear Energy, Pieter Wasmuth, erklärt, wie der Energiekonzern ab nächster Woche die Fässer mit schwach und mittelradioaktivem Abfall aus den Kavernen unter dem seit 2007 abgeschalteten Kernkraftwerk Brunsbüttel bergen will. Rund 150 der insgesamt 632 Fässer sind zum Teil erheblich verrostet.

Das Atomkraftwerk Brunsbüttel gilt als Pannenmeiler. Das endgültige Aus leitete 2007 ein Kurzschluss ein. Die Fässer, die nun geborgen werden sollen, rosteten nahezu unbeobachtet vor sich hin. Bei einer Kaverneninspektion im Jahr 2014 fiel auf, dass Dutzende Fässer verrostet sind. Messungen hätten aber keine gefährliche Radioaktivität gezeigt.

Wasmuth gestikuliert. Er weiß, dass die Kameras auf ihn und den ebenfalls Schutzkleidung tragenden Habeck gerichtet sind. „Es ist ein denkwürdiger Tag“, sagt der Minister – aber es klingt wenig pathetisch. „Vattenfall hat mit viel Aufwand ein Verfahren entwickelt, dass die Bergung möglich erscheinen lässt.“ Möglich. Habeck teilte ein Video auf seiner Facebookseite:

Bergung der Rostfässer aus AKW Brunsbüttel beginnt. Das letzte Kapitel einer Geschichte, die es nie hätte geben dürfen.

Posted by Robert Habeck on Monday, 22 February 2016

Dafür hat der Konzern einen Kran gebaut, der in einem durch Planen und Bleiplatten abgeschirmten Teil über den sechs Kavernen die Fässer einzeln herausheben soll. Rund die Hälfte wird in so genannte Überfässer gesteckt, die in Container kommen, die einmal in einem Endlager für schwach und mittelradioaktive Abfälle entsorgt werden sollen, das allerdings noch nicht betriebsfähig ist. Bis dahin werden die Behälter in einer Halle am Kraftwerk gelagert und später in einem Zwischenlager, das allerdings frühestens 2017 fertiggestellt werden soll. Der Inhalt der restlichen verrosteten Fässer soll abgesaugt und in ebenfalls endlagergeeignete Behälter umgefüllt und getrocknet werden (siehe rechter Teil der Grafik).

2,5 Millionen Euro hat Vattenfall laut eigenen Angaben die Entwicklung der Technik gekostet. Vier Jahre hat es gedauert bis das Konzept erstellt und genehmigt war. Zuvor hatten die Fässer 30 Jahre lang nahezu ungeprüft unter der Erde gelegen, Habeck nennt das eine „Sauerei, die nie hätte passieren dürfen“ und eine „Verkettung von Fehlern“, die aber politisch aufgearbeitet sei. Ab jetzt würden die Fässer – oder was von ihnen übrig ist – regelmäßig inspiziert.

Rund 2,5 Millionen Euro hat die Bergungstechnik gekostet, mit den Kosten für Behälter und Abtransport zahlt Vattenfall dafür 20 Millionen Euro.
Rund 2,5 Millionen Euro hat die Bergungstechnik gekostet, mit den Kosten für Behälter und Abtransport zahlt Vattenfall dafür 20 Millionen Euro. Foto: Grafik: KKB Brunsbüttel
 

Pieter Wasmuth glaubt, dass alle Fässer geborgen werden können, auch wenn die in manchen Kavernen liegen, in anderen stehen. Sechs verschiedene Greifarme, die von Kraftwerksmitarbeitern ein paar Meter von den Kavernen entfernt ferngesteuert und mit Kameras überwacht werden, stehen dafür zur Verfügung. Allerdings sind manche Fässer so verrostet, dass sie zum Teil zusammengefallen sind. „Auch die werden wir bergen“, verspricht Wasmuth. Man habe einen Greifer, der ein Fass fast komplett umschließen könne. Eventuell herabfallendes radioaktives Material fiele dann in die Kavernen zurück und könne später entsorgt werden – vermutlich am Schluss der Bergungsaktion. Wie die Kavernen aus Beton dann dekontaminiert werden – dazu gebe es allerdings noch keinen genauen Plan, sagt ein Vattenfall-Mitarbeiter.

Noch ist auch nicht ganz klar, wie lange die Bergung dauern wird. Habeck geht von etwa drei Jahren aus. Und wenn die „Leiche im Keller der Atompolitik“ dann geborgen ist – wer weiß? Vielleicht ist ihm das dann noch einen Film wert.

Fragen und Antworten:

Was lagert in Brunsbüttel?

In unterirdischen Lagerstätten („Kavernen“) des Kernkraftwerks Brunsbüttel befinden sich schwach- und mittelradioaktive Abfälle. In den 631 Stahlfässern werden radioaktive Abfälle (Filterharze, Verdampferkonzentrate und Mischabfälle) aus dem Leistungsbetrieb des Reaktors aufbewahrt.

Wie lagern die Abfälle am Standort?

Die Fässer lagern in sechs Kellerräumen, den sogenannten Kavernen des Kernkraftwerks. Die Kavernen befinden sich im Keller des Feststofflagers. Sie bilden mit Betonwänden und Betonriegeln die Barriere, um die Umwelt vor Strahlung zu schützen. So sind sie durch 110 Zentimeter dicke Betonriegel von oben her abgeschirmt. Diese Betonriegel reduzieren die Strahlung so weit, dass oberhalb der Kaverne unter Strahlenschutzmaßnahmen gefahrlos gearbeitet werden kann.

Wie lange lagern die Fässer in Brunsbüttel?

Die Abfälle werden auf die Endlagerung im niedersächsischen „Schacht Konrad“ vorbereitet. Dies geschiet unter anderem durch Verpackung aller Abfälle in bauartgeprüfte, speziell zugelassene Behälter. Das Endlager Konrad wird voraussichtlich Anfang des kommenden Jahrzehnts zur Verfügung stehen. Bis dahin sollen die Fässer am Standort Brunsbüttel gelagert werden, zunächst in den bereits bestehenden Transportbereitstellungshallen, dann in einem neu zu errichtenden Zwischenlager für schwach- bis mittelradioaktive Abfälle, das im Zuge des beantragten Rückbaus des Kernkraftwerks entstehen soll.

Was ist Verdampferkonzentrat?

Die im Kontrollbereich eines Kraftwerks anfallenden Abwässer müssen gesammelt und gereinigt werden, bevor sie wieder an das Flusswasser abgegeben werden. Dies geschieht in Verdampferanlagen. Die Konzentrate, in denen die Radioaktivität des Abwassers zu 99,9% zurückbehalten wird, müssen gesammelt, getrocknet und gelagert werden. Die Abfälle enthalten trotz der Jahrzehnte langen Abklingzeit noch relevante Mengen an Cäsium 137, einem typischen Abfallprodukt der Kernspaltung.

Bei der Inspektion der Kaverne II hatte sich herausgestellt, dass aus Fässern mit Verdampferkonzentraten Fassinhalt ausgetreten und sich in breiiger Form auf einer Folie am Boden gesammelt hatte, die die Betreibergesellschaft vor der Einlagerung der Fässer ausgelegt hatte.

 

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erstellt am 23.Feb.2016 | 08:12 Uhr

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