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Deutschland & Welt

03. Dezember 2016 | 16:45 Uhr

Asphalt der Zukunft : Wie Schweinegülle den Straßenbau revolutionieren kann

vom

Bitumen ist der Stoff, der die Steine zu Asphalt zusammenfügt. US-Forscher haben herausgefunden, dass sich das Öl-Produkt auch aus Schweinegülle gewinnen lässt. Es funktioniert und wäre spottbillig.

Greensboro | Dass Schweinegülle schwarzes Gold ist, war bisher vermutlich eine exklusiv bäuerliche Sichtweise. Nun sieht es aber so aus, als gehöre der Flüssigkeit eine nicht ganz so ferne Zukunft am Rande der Koppeln. Amerikanische Wissenschaftler haben ein Verfahren entwickelt, um aus dem geruchsintensiven Abfallprodukt der Viehwirtschaft wertvolles Bitumen für den Straßenbau zu gewinnen. Gülle könnte eine Antwort auf die Öl-Frage der Menschheit sein.

Während die Erdölvorräte früher oder später erschöpft sein werden, bietet die Gülle eine schier unerschöpfliche und nachwachsende Perspektive. 163 Millionen Kubikmeter Schweinegülle werden weltweit jährlich auf die Felder gebracht. Angezapft für die Rohstoffgewinnung könnte sie Landwirten neue Einnahmequellen eröffnen.


„Lasst uns aus dem, was heute stinkt, etwas herstellen, das morgen klebt“, lautet die Mission des Forscherteams an der North Carolina Agricultural and Technical State University. In der Gülle haben die Forscher ein minderwertiges Schweröl entdeckt, das in Verbindung mit Steinen zur Hauptzutat einer hochwertigen Asphaltmischung wird. Die neue Art des Straßenbelags sei haltbar genug, um selbst den Ansprüchen amerikanischer Highways zu genügen, sagen die Entwickler der neu gegründeten Firma „Bio-Adhesives Alliance“, die der Innovation mit dem Slogan „Pig - Poop - Product“ auf die Sprünge helfen soll.

Das Bitumen aus dem Rohstoff Gülle würde es zum Schnäppchenpreis geben. Für ein fünftel des derzeitigen Preises für Öl-Bitumen würde es laut den Forschern gehandelt werden, eine Tonne würde statt 680 Euro nur noch 136 Euro kosten. Das Produkt sei herkömmlichem Asphalt ebenbürtig, sagt Daniel Oldham von der historisch afro-amerikanischen A&T State University.


Video: National Science Foundation


Aus der Sicht von Professorin Elle Fini, die hinter dem Projekt steckt, entsteht durch die Entwicklung Schweine-Bitumens eine Win/Win-Situation. „Unsere Vision ist es, den Bauern zu helfen und auch der Bauindustrie“, wird sie in der Bekanntmachung der Universität zitiert. Die anfallenden Nebenprodukte könnten immer noch als Dünger verwendet werden. Als positiver Nebeneffekt fallen überdies die übelriechenden Stoffe dem Herstellungsprozess zum Opfer.

Im Straßenbau bildet das Bitumen das Klebemittel zwischen den Gesteinskörnungen im Asphalt. Das bleibt so. An der Frage der Viskosität, auf den Straßenbau bezogen also dem Dehnverhalten bei extremen Temperaturen und der Haltbarkeit, tüfteln die involvierten Wissenschaftler weiter herum. So soll noch weiter erforscht werden, ob es bei Hitze oder extremer Kälte zu unerwarteten Verformungen kommen kann.

An den Güllebanken, wo schon heute mit dem wertvollen, aber überreichlichen Naturdünger gehandelt wird, könnte es in Zukunft heiß hergehen. Für Milchviehhalter bleibt die Erkenntnis eine Randnotiz, denn nur die Gülle von Scheinen hat das Potenzial, die Wege der Zukunft zu belegen.

Auch anthropologisch wäre die Umkehr zu tierischem Bitumen ein großer Schritt. Schon seit der Antike nutzt der Mensch das zähflüssige „Erdpech“ genannte Kohlenwasserstoff-Gemisch aus fossilen Quellen im Bau. Am Weltwunder der Hängenden Gärten der Semiramis in Babylon soll es zum Beispiel als Dichtungsmittel verwendet worden sein. Dass man den wertvollen Stoff aus Fäkalien gewinnen kann, ist in der Theorie zwar völlig neu. In der Realität allerdings scheint die Wege-Befestigung durch Begüllung sich bereits bewährt zu haben – jedenfalls in Zentral-China. Dort machte der sh:z-Redaktur Wolfgang Blumenthal 2007 dieses Foto.

Foto: Wolfgang Blumenthal
 

Die Substanz habe wie Gülle gerochen, sei aber sehr schnell getrocknet und der Gestank habe sich rasch verflogen, berichtet Blumenthal. Die Passanten scheinen von dem vorbeifahrenden Trecker mit Gülle-Anhänger nicht sonderlich überrascht zu sein.

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erstellt am 07.Sep.2016 | 16:02 Uhr

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