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Deutschland & Welt

05. Dezember 2016 | 11:40 Uhr

Erste Analyse von Experten : Was Wissenschaftler von Chemtrails halten

vom

Verschwörungstheoretiker und Herrschaftskritiker schwören zunehmend auf Chemtrails. Was sagt jetzt die Wissenschaft?

Chemtrails – das sind zweck-kontaminierte Streifen am Himmel. Die Regierungen der Welt lassen sie in einem großangelegten Geheimprogramm über Flugzeugabgase in die Atmosphäre sprühen, um ihre Bevölkerungen krank zu machen, sie zu kontrollieren, um Wetter und Klima zu verändern – und schon auch mal um aus geopolitischen Gründen selektive Hungersnöte zu verursachen. Dies glauben laut einer internationalen Erhebung immerhin 2,6 Prozent der befragten Menschen. Websites wie www.sauberer-himmel.de sorgen mit Bildern, Zahlen und esoterischen Psalmen für eine fortschreitende Popularität der These. Nun wurde der in verschwörungstheoretischen Kreisen umhergereichte und oft mit Aluhut-Metaphern verspottete Glaube erstmals wissenschaftlich per Peer-Review untersucht und im Fachmagazin „Environmental Research Letters“ veröffentlicht. Gibt es Chemtrails nun wirklich?

Verschwörungstheorien haben sich in Internet und Buchmarkt einen florierenden Markt erobert. Ein Problem der Wissenschaft ist, dass sie naturgemäß immer langsamer ist, als dieser Puls der Ideen zur Erklärung der Welt. Methodisch sicherlich erweiterungsfähig, soll die erste Erhebung zur Existenz von Chemtrails Orientierung geben in der Verwirrung.

Für die hier lesbare Studie wurden 77 der laut dem „ISI WEB of Science“ höchstrangigen Forscher der Fachgebiete aus Europa und Amerika befragt, darunter fünf Kollegen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). 49 Atmosphärenforscher analysierten im Stile einer Klassenarbeit Fotos von Kondensstreifen (so genannten Contrails) hinter Flugzeugen am Himmel und hinterlegten ihre Bewertung für das Phänomen mit den einfachsten Erklärungen. Der Fragebogen ist hier einsehbar. Als Beleg für die Chemtrail-Theorie wird primär herangezogen, dass sich Kondensstreifen seit einigen Jahren länger am Himmel halten als früher.

Langbleibende Kondensstreifen am Himmel – für Verschwörungstheoretiker ein Beweis für ein gelenktes Unterfangen.
Langbleibende Kondensstreifen am Himmel – für Verschwörungstheoretiker ein Beweis für ein gelenktes Unterfangen. Foto: imago/Arnulf Hettrich

Die 28 anderen Experten (Geochemiker) setzen sich mit chemischen Analysen der Luft auseinander und der Frage, ob man aus den von Chemtrail-Anhängern veranschlagten Werte von Strontium, Barium und Aluminium in Regenwasser und Schnee Nachweise für die Existenz von Chemtrails ziehen kann. Dieser Fragebogen ist hier einsehbar.

Der breite Konsens unter den zu den verdächtigen Phänomenen befragten Atmosphären-Forschern lautet: Die manchmal verdächtig anmutenden Streifen und Messwerte lassen sich zuallermeist auch ohne esoterische Komplott-Gelüste erklären. Von den renommierten Experten hatte nach eigenen Angaben nur einer jemals einen möglichen Hinweis auf Chemtrails gefunden, als er in einer abgelegenen Gegend hohe Werte von atmosphärischem Barium maß.

In beiden Disziplinen stellen die Forscher fest, dass die so genannten SLAP-Theoretiker (Secret Large Scale atmospheric program) sich wissenschaftlich auf allerdünnstem Eis bewegen. Insgesamt entlarvten die Forscher Verfahrensfehler bei den Messungen und Analysen der Chemtrail-Anhänger von Schnee, Wasser und Luft. Beispielsweise bemängelte ein Wissenschaftler eine verdächtige Luftprobe aus Arizona sei über der Wüste entstanden und die Werte seien ganz normal, würden bei den SLAP-Theoretikern dann aber heimlich mit den extremen Grenzwerten für Wasser verglichen. Jeweils vier der 28 Chemiker fanden ad hoc keine Erklärung für die Konzentrationen von Aluminium, Barium und Strontium in Sedimenten und Schnee. Ein Forscher sah die Aluminium-Werte einer Schneeprobe als so unrealistisch an, dass er bezweifelt, es könne sich dabei um echten Schnee handeln.

Eine auf einer SLAP-Website verbreitete Do-it-yourself-Methode im Oberflächenwasser zum Nachweis von Geo-Engineering-Methoden (von Nobelpreisträger Paul Crutzen 2006 als Mittel zur Abkühlung der Erdatmosphäre erwogen) mit Aerosolen wiesen 71 Prozent der Forscher strikt oder sehr strikt als ungeeignet zurück. So schilderte ein Forscher beispielsweise, dass schon die erforderliche Entnahme von Oberflächensediment nach der Anleitung die Probe verunreinige.

Von den 49 Atmosphärenforschern berichteten immerhin 18 (23 dementierten) dass Kondensstreifen sich heute länger am Himmel halten. Grund dafür sei die moderne Technik der Düsenantriebe, die heutzutage in größerer, kälterer Höhe agiere und auch mehr Wasserdampf emittiere. In den vier „Beweis“-Fotos aus der Chemtrail-Szene fand kein einziger der konsultierten Forscher ein Indiz für die SLAP-Theorie.

Wie bei Verschwörungstheorien üblich, werden die Anhänger das Ergebnis nicht als Gegenbeweis akzeptieren. Das wissen wohl auch die Initiatoren der Erhebung. Man wolle nur eine objektive Basis für einen seriösen öffentlichen Diskurs der Unentschiedenen schaffen, heißt es. Keineswegs wolle man die bereits Überzeugten umstimmen.

Letztere machen momentan durch einen ironischen Facebook-Post von Komiker Jan Böhmermann auch musikalisch von sich reden.

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erstellt am 16.Aug.2016 | 17:41 Uhr

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