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Deutschland & Welt

22. Januar 2017 | 15:15 Uhr

Berufung gegen Auslieferung an die USA : Vorsilbe Mega: Kim Dotcoms schrilles Bilderbuch

vom

Das Internet machte den schrägen Vogel aus Kiel zum Millionär. Ein Leben vom Upload zum Download.

King Kimble the First, Kim Vestor, Party-Amplifier oder einfach Kim Dotcom: Der wohl schillerndste aller lebenden Kieler hat sich schon viele Namen gegeben. Der gelebten Dotcom-Show auf seiner grünen Eisscholle in Neuseeland droht nun zum wiederholten Male das Ende. Zu bis zu 20 Jahren Haft könnte das als Kim Schmitz auf die Welt gekommene Internet-Schwergewicht in den USA verurteilt werden, sollte dessen im vergangenen Herbst beschlossene Auslieferung in die Vereinigten Staaten nicht doch noch scheitern.

Jetzt kämpft er einmal mehr um seine Freiheit und sein pompöses Leben. Dotcom hat Einspruch gegen das Unterfangen der Neuseeländer erhoben. Am Montag kommt es zu einer Anhörung des früheren Filesharing-Millionärs. Doch so sehr der Fan schneller Autos und Daten die Geschwindigkeit liebt: In diesem Fall hat er es auf Langsamkeit abgesehen, will sich zum x-ten Mal an den Schwedischen Gardinen vorbeiwurschteln. Das Verfahren könnte sich über Jahre ziehen, gab Dotcoms Anwalt Ron Mansfield zu wissen. Doch die Stimmung gegen den inzwischen 42-jährigen Koloss, der sich unlängst zur Kunstfigur erhoben hat, ist gereizt. Der Lichtgestalt der Web-Nerds ist das „Neuland-Gen“ abhanden gekommen – selbst in seiner Wahlheimat.

Der Mann, der scheinbar alles erreicht hatte und zu den reichsten Menschen der Welt aufschließen wollte, Digital-Mogul war, steht einmal mehr vor dem Abgrund. Die Dotcom-Ära ist vorbei. Dabei hatte er einst schier alles erreicht: Den rasanten Aufstieg zum Millionär, die Luxusvilla in seiner Wahlheimat Neuseeland, den Helikopter, die Partys. Doch dann kam der Fall: Ein Polizeieinsatz im Morgengrauen, die Handschellen klickten, die geliebten Luxuskarossen wurden beschlagnahmt, die Konten gesperrt. Und dann verschwand die Ehefrau eines Nachts.

Was wird Kim Schmitz vorgeworfen?

Mit dem 2012 vom FBI abgeschalteten Filesharing-Dienst „Megaupload“ soll er das US-amerikanische Copyright-Law millionenfach verletzt haben. Damit habe er die Musik- und Filmindustrie um eine halbe Milliarde Dollar an Lizenzgebühren gebracht, so die Anklage gegen ihn und drei seiner Kollegen. Die Summe ergibt sich aus den 175 Millionen Dollar Gewinn, die erzielt wurden. Die mächtigen Verbände machen seit Jahren Druck. Die USA bezichtigen ihn und seiner Partner der Verschwörung zur Bildung einer kriminellen Vereinigung. Dotcom sieht sich unschuldig, denn er habe ja nur die Plattform zur Weiterverbreitung von Onlineinhalten gestellt, aber ja nicht wissen können, was dort geschieht. Juristisch dürfte diese Argumentation in den USA keinen Anklang finden.

Der Weg des Kim Schmitz

Als er sechs Jahre alt war, zog Schmitz mit seiner finnischen Mutter aus der Kieler Wohnung aus. Sein Vater war Alkoholiker und tendierte zur Ausübung häuslicher Gewalt. Kim besuchte anschließend die Hauptschule in Plön. Was ihn interessierte, waren aber Computer.

Und so betätigte er sich früh in der Hacker-Szene, in der er einige Bekanntheit erlangte. Er durfte die Sicherheitslücken der damaligen Mailboxen einmal im Fernsehen demonstrieren. Auch die kriminelle Energie trieb ihn in dieser Zeit bereits an. So stellte er mit seinen Hacker-Informationen in der Tasche Magnetkarten mit gefälschten Zahlungsinformationen her. Die Polizei fand Hunderte dieser Check- und Telefonkarten Karten bei einer Hausdurchsuchung. Dass Schmitz daraufhin die Seiten wechselte, ersparte ihm das Gefängnis. Die Jugendstrafe wurde auf zwei Jahre auf Bewährung herabgesetzt, weil er den Behörden und einen Anwalt mit Informationen über Schwarzkopien im digitalen Neuland fütterte.

Mit Geld, das Dotcom durch einen Beratervertrag mit der Telekom – resultiertend aus seiner Verschwiegenheit über eine eigens aufgedeckte Datenlücke – erhalten haben will, gründet er die Beratungsfirma Data Protect Consulting GmbH. Er gibt sich als seriöser Seitenwechsler und hilft Unternehmen, ihre Daten sicher zu halten. Gewinnbringend verkauft er den Betrieb, der kurze Zeit später Pleite geht, an den TÜV Rheinland. 

<p>2002: Schmitz wird von einem Polizeibeamten mit Handschellen zum Gerichtssaal im Münchner Amtsgericht geführt. Ihm wurde verbotener Insiderhandel in elf Fällen mit einem illegalen Kursgewinn von knapp 1,2 Millionen Euro vorgeworfen.</p>

2002: Schmitz wird von einem Polizeibeamten mit Handschellen zum Gerichtssaal im Münchner Amtsgericht geführt. Ihm wurde verbotener Insiderhandel in elf Fällen mit einem illegalen Kursgewinn von knapp 1,2 Millionen Euro vorgeworfen.

Der Jungunternehmer gründete verschiedene Computerfirmen und hinterließ - wie es in den Zeiten der „New Economy“ häufiger passierte - einige unglückliche Investoren.

2000: In Medienberichten wird Schmitz als „Computerexperte“ beschrieben.
2000: In Medienberichten wird Schmitz als „Computerexperte“ beschrieben. Foto: Imago

Der Autonarr stillt seine offenkundige Geltungssucht gern durch Grenzüberschreitungen, die er der Öffentlichkeit demonstiert. So nahm er auch häufiger am illegalen Autorennen Gummball 3000 teil, das er 2001 sogar gewann. Sein Siegerauto hatte er vom Mercedes-Tuner Brabus entwickeln lassen. Das „Brabus EV-12 Megacar“ getaufte 12-Zylinder-Vehikel basierte auf einem Mercedes CL600.

Zudem setzte er in dieser Zeit eine Belohnung von zehn Millionen Dollar auf Osama bin Laden aus, die seinen Ruf als Großmaul untermauterte. Zudem gründete die erfolglose Organisation „Young Intelligent Hackers Against Terrorism“. Den Terrorismus wollte er mit digitalen Waffen zerschlagen.

2007 lernt Dotcom in einem Nachtclub in Manila seine spätere Frau, die Tänzerin Mona kennen. Fünf Kinder entstehen aus dieser Ehe - alles aus künstlicher Befruchtung. Die Handlungen, die der jetzt als Dotcom gehandelte Unternehmer selbst als illegal einstufen würde, sind offenbar Geschichte. Das Filesharing gehört nicht dazu. Mit der einfachen Möglichkeit des Austauschs unbeschränkter Datenmengen wird Dotcoms Projekt „Megaupload“ zur Zugmaschine der internationalen Copyright-Gaunerei. Groll für die Unterhaltungsindustrie, Goldgrube für den Kieler. Er verdient 2010 nach eigenen Angaben umgerechnet 24 Millionen Euro.

Foto: dpa

Kurz nachdem Megaupload nach lauter werdenden Drohgebärden aus den USA die Testphase eines legalen Bezahl-Musikdienstes und Vergütung der Künstler für die freien Downloads abgeschlossen hat, läuft es auf das Ende zu. 2011 führt zunächst die Urheberrechtsklage eines Porno-Anbieters zu einem teuren Vergleich. Dotcom hat sich zu dieser Zeit bereits mitsamt Familie auf die „Dotcom Mansion“ nach Neuseeland zurückgezogen, wo er ein Prunk-Leben führt. Allerdings verbietet seine Aufenthaltsgenehmigung aufgrund seiner Vorstrafen den Erwerb von Neuseelands teuerstem Privathaus. Der Millionär wohnte zur Miete.

Dotcom zeigt sich dankbar dem Land gegenüber, das ihm die Freiheit ermöglicht. Der Stadt Auckland spendiert der Mann, der gerne seinen Reichtum nach außen trägt, 2011 das Silvesterfeuerwerk. Kostenpunkt 500.000 Neuseeländische Dollar. Schlagzeilen wie diese macht Kim seit einiger Zeit nicht mehr. Es macht eher die Runde, dass er Probleme hat, seine Anwälte zu bezahlen.

Foto: dpa

Im Januar 2012 macht das Justizministerium der Vereinigten Staaten die Selbstbedienungs-Plattform für Musik und Filme dicht. Angeklagt werden Gründer Dotcom und sechs weitere Mitglieder des Netzwerks, darunter vier Deutsche. Die vorläufigen Festnahmen erfolgten medienwirksam auf Dotcoms Geburtstagsparty. Kims monströse Auto-Sammlung wird dabei beschlagnahmt.

Für das FBI sind Dotcoms Aktivitäten der größte Fall von Urheberrechtsverletzung in der US-Geschichte. Im März 2012 stellt die US-Bundesstaatsanwaltschaft in Neuseeland Anträge auf Auslieferung von Kim Dotcom und drei seiner Mitarbeiter. Sie sind zu der Zeit bereits wieder auf freiem Fuß.

<p>Kim Dotcom steht in Neuseeland vor Gericht.</p>

Kim Dotcom steht in Neuseeland vor Gericht.

Foto: dpa

Die Auslieferungs-Problematik zieht sich allerdings bis heute hin. Die Beweissicherung im Auslieferungsverfahren ging bis November 2015, am 23. Dezember des Jahres kam es zum Richterspruch, der eine Auslieferung vorsieht.

Mit dem Cloud-Dienst „Mega“ versuchte Dotcom 2014 das Comeback. „Auf militärischem Niveau“ verschlüsselte Daten sollten der Weg des vorherigen Erfolgsrezeptes in die Legalität für ihn und die Nutzer sein. Schutz vor Geheimdiensten, Telefonie-Dienste inklusive. Doch es floppte wie so ziemlich alles in den letzten Jahren. Der Gründer warnt inzwischen sogar vor der Nutzung, denn es habe eine „feindliche Übernahme“ durch Chinesen gegeben.

Mit seiner neuen, wesentlich jüngeren, Partnerin lebt Dotcom jetzt in einem Penthouse im Hafenviertel von Auckland. Er nennt es „das Piratenschiff“. Für den Journalisten David Fisher, Autor des Buches „The Secret Life of Kim Dotcom“ (dt: „Das geheime Leben von Kim Dotcom“), hat die Dotcom-Saga Suchtfaktor: „Da ist Dotcom, der mehr Geld hat als Gott, mit einer wunderschönen Frau, die ihn verlässt, ersetzt durch eine Jura-Studentin, die halb so alt ist wie er. Und ein Haufen hübscher Kinder, die in diesem tollen Apartment leben.“

 

Ihn fasziniert der wuchtige, immer schwarz gekleidete Deutsche: „Ihm fehlt nur noch eine flauschige weiße Katze zum Superschurken aus einem James-Bond-Film.“ In der „Dotcom Mansion“ nahe Auckland in Neuseeland hatte er sein privates Tonstudio, in dem er zwei eigene Musikalben produzierte und in dem eine lebensgroße Kunststoff-Giraffe namens Karl stand, die alle die turbulenten Jahre aus der Höhe betrachtete.

Die Neuseeländer seien indes der Dotcom-Show überdrüssig, sagt Fisher. Anfangs hätten sie ihn noch für seinen Widerstand gegen „die da oben“ bewundert, aber als der Deutsche 2014 versuchte, mit der von ihm gegründeten Internet-Partei groß in die Politik einzusteigen, sei es mit der Sympathie vorbei gewesen. „Plötzlich hatten wir da diese sehr bombastische Person, die noch nicht mal ein Staatsbürger war, der versucht hat, sich in die Wahlkabinen der Menschen zu drängeln.“ Die Partei errang keinen einzigen Parlamentssitz.

Ernter als gewohnt: Dotcom 2015 vor Gericht.
Ernter als gewohnt: Dotcom 2015 vor Gericht. Foto: dpa

Die Regierung jedenfalls wäre wohl froh, wenn Dotcom nicht mehr ihr Problem wäre. Nach den Wahlen 2014 sagte der sichtlich erleichterte Regierungschef John Key, die Wähler hatten sich gegen Ausländer ausgesprochen, die den Urnengang beeinflussen wollten. Es sei Zeit, dass der Fall Dotcom die Gerichtsinstanzen durchschreite.

Mit dpa

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erstellt am 26.Aug.2016 | 18:32 Uhr

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