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Theater

08. Dezember 2016 | 07:06 Uhr

Theater : Theatergenie und Frauenheld - 60. Todestag von Brecht

vom

Er galt als geniales Großmaul. Und von seinem Nachruhm hatte er ganz klare Vorstellungen: «Schreiben Sie, daß ich unbequem war und es auch nach meinem Tod zu bleiben gedenke», sagte Bertolt Brecht wenige Wochen bevor er starb dem Pfarrer und Publizisten Karl Kleinschmidt.

«Es gibt auch dann noch gewisse Möglichkeiten», so der Dramatiker. Am Sonntag (14. August) jährt sich Brechts Todestag zum 60. Mal.

Mit seiner Prophezeiung sollte der dichtende Sozialrevolutionär Recht behalten. Bis heute werden Brechts Theaterstücke in aller Welt gespielt, seine Gedichte gelesen und seine Bühnentheorien gelehrt. Brecht ist laut Bühnenverein-Statistik 2014/15 nach Shakespeare und Schiller der meistinszenierte Autor an deutschsprachigen Theatern.

Neben dem antikapitalistischen Singspiel «Die Dreigroschenoper» gehören «Die heilige Johanna der Schlachthöfe» und «Der gute Mensch von Sezuan» derzeit zu den beliebtesten Stücken. «Ändere die Welt, sie braucht es», lautete Brechts Motto. Mit künstlerischen Mitteln kämpfte er für eine gerechte Welt ohne Ausbeutung.

Um Bekanntheit zu erlangen, habe Brecht bewusst die damals neuen Formen Foto und Film genutzt, sagt Stefan Keppler-Tasaki von der Universität Tokio, der an FU Berlin zu Schriftsteller-Auftritten im Film forscht. «Standen ältere Literaturstars wie Thomas Mann der medialen Welt noch mit einiger Scheu gegenüber, war Brecht der erste geborene Medienprofi des Kinozeitalters.»

Mit schwarzer Lederjacke, Kappe, frechem Grinsen, Zigarre und Nickelbrille habe sich der Dichter als Kultur-Bolschewist inszeniert. «Hinzukommen mussten die Verweigerungshaltung und die Unpässlichkeiten einer männlichen Diva», so Keppler-Tasaki. Der Kommunismus sei für Brecht Teil eines Bekenntnisses zur Moderne gewesen. Man könne auch fast sagen: «Brecht war Kommunist, weil die rote Farbe gut zu seiner schwarzen Lederjacke passte.»

Am 14. August 1956 starb der gebürtige Augsburger Brecht im Alter von 58 Jahren in Ost-Berlin. Nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil hatte sich Brecht für die DDR als neue Heimat entschieden. Der SED-Staat empfing Brecht, der nie Parteimitglied wurde, in den ersten Jahren keineswegs mit offenen Armen. Brecht, Sohn eines Papierfabrik-Direktors, schuf 48 Theaterstücke, mehr als 2300 Gedichte und zahlreiche Prosawerke - zu den großen Dramen gehören auch «Der gute Mensch von Sezuan» und «Leben des Galilei».

Das von Brecht und Helene Weigel gegründete Berliner Ensemble erhielt zunächst Gastrecht am Deutschen Theater Berlin, wo es Brechts Idee von einem sozialistischen Theater zwischen Belehrung und Vergnügen verwirklichte. 1954 zog das Berliner Ensemble in das nahe gelegene Theater am Schiffbauerdamm um, wo heute Claus Peymann der Hausherr ist.

Brecht gilt als Erfinder des epischen Theaters, das den Zuschauer durch verfremdende Mittel - das Heraustreten des Schauspielers aus seiner Rolle oder Lieder und Texttafeln - in ein kritisch-beobachtendes Verhältnis zum Geschehen auf der Bühne versetzt. So sollen die auf der Bühne gezeigten Verhaltensweisen als gesellschaftlich bedingt und deshalb veränderbar gezeichnet werden.

Selbst der Schöngeist und Antipode Brechts, Thomas Mann, musste einräumen: «Das Scheusal hat ja Talent.» Was wohl in erster Linie auf die Lyrik und Prosa Brechts von der «Hauspostille» über die «Geschichten vom Herrn Keuner» bis zu den «Buckower Elegien» bezogen war.

Doch die neue Gesellschaftsordnung, auf die Brecht trotz der Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR gesetzt hatte, blieb ein Traum. Während das Berliner Ensemble in der DDR oft in der Kritik stand, gaben die Theaterleute im Ausland umjubelte Gastspiele.

Zu Weltruhm gelangte das Ensemble nicht nur mit der legendären Inszenierung des Kriegsgewinnler-Stücks «Mutter Courage und ihre Kinder» mit Helene Weigel in der Titelrolle, sondern auch mit «Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui». Ekkehard Schall spielte den mafiösen Arturo Ui bis zu seinem Tod mehr als 500 Mal. Heute verkörpert Martin Wuttke den «Ui» - in der Inszenierung von Heiner Müller.

Die «Unbeständigkeit der menschlichen Natur» faszinierte Brecht. Eine Unbeständigkeit, die er auch an sich selbst beobachten konnte, zum Beispiel in seinem ausbeuterischen Umgang mit Frauen wie Elisabeth Hauptmann, Ruth Berlau und Margarete Steffin. «Er hatte eine Wirkung auf Frauen, dessen war er sich auch bewusst», sagt der Leiter der Berliner Brecht-Archivs, Erdmut Wizisla. Zeitweise habe er Beziehungen mit zwei oder drei Frauen gleichzeitig gehabt.

«Brecht war ein sehr vitaler und wacher Geist, der seine Umgebung überfordert hat mit seiner ständigen Präsenz und Bereitschaft zur Auseinandersetzung und der Unfähigkeit, einfache Harmonie auszuhalten», so Wizisla. «Ich glaube nicht, dass Brecht zynisch war. Er hatte etwas sehr Aufmerksames, Zärtliches und Fürsorgliches.»

Was bleibt, sind seine Werke mit klarer Sprache und klarer Botschaft. «Brecht wird auf der ganzen Welt als Autor begriffen, der in Form einer Parabel eine politische Botschaft vermittelt», sagt Hermann Beil, Dramaturg am Berliner Ensemble. «Wenn man zum Beispiel mit der "Dreigroschenoper" in Istanbul gastiert und im Stück kommt ein korrupter Polizeipräsident vor, dann übertragen das die Zuschauer sofort auf das eigene Land. Die Botschaft wird verstanden.»

Berliner Ensemble

Brecht Haus Berlin

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erstellt am 14.Aug.2016 | 00:01 Uhr

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