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Theater

04. Dezember 2016 | 04:58 Uhr

Musik : Max Reger: Workaholic, Querkopf, Musikgenie

vom

«Es gibt nur ein Orchester, das ich haben möchte: Meiningen.» Dieser Satz von Max Reger (1873-1916) - lange bevor er die berühmte Kapelle am Hofe des Meininger Theaterherzogs Georg II. übernahm - ist Würdigung und Sehnsucht zugleich, dazuzugehören.

1911 wurde sein Wunsch Wirklichkeit, an Komponisten und Dirigenten wie Hans von Bülow, Richard Strauss, Fritz Steinbach und Wilhelm Berger anzuknüpfen. Sie hatten das kleine Orchester aus Südthüringen zur europäischen Spitzenklasse geführt. Tourneen führten die «Meininger» auch mit Reger durch ganz Europa.

Auftritte, Proben, Komponieren, Reisen und Unterrichten forderten jedoch ihren Tribut. 1914 brach Reger bei einem Gastspiel erschöpft zusammen und gab danach das Amt des Hofkapellmeisters ab. Mit nur 43 Jahren starb er am 11. Mai 1916 an Herzversagen auf einer Bahnfahrt von Jena nach Leipzig, wo er seit 1907 als Professor am Königlichen Konservatorium lehrte.

Reger, als Sohn eines katholischen Dorfschullehrers in Brand in der Oberpfalz geboren, gilt als einer der bedeutendsten Komponisten und Musiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts. «Er war ein Workaholic, ein Querkopf und Eigenbrötler, ein hochemotionaler und intelligenter Künstler zugleich, der musikalisch viel einstecken musste. Reger hat immer auch polarisiert», sagt Fabian Czolbe von der Hochschule für Musik «Franz Liszt» Weimar. Er forscht zu Reger und ist einer der Koordinatoren des Max Reger Festjahres 2016 in Thüringen.

Reger verband Tradition und Moderne. Die drei «B» - Bach, Beethoven und Brahms - waren seine Vorbilder. Er brach Bachs Polyphonie auf und setzte eine Stimme gleichwertig gegen eine andere. Damit sei er zwar im Vergleich zu Wagner, Liszt und Berlioz gestalterisch zurückgegangen; was entstand, sei aber wieder avantgardistisch gewesen, meint Czolbe. Auch beim Kontrapunkt beschritt Reger neue Wege: Er setzte nicht nur einen, sondern gleich bis zu sechs Kontrapunkte. Er könne nur in Fugen denken, hat Reger einmal erklärt. Seine Orgelkompositionen, darunter Orgelfantasien wie «Eine feste Burg ist unser Gott», sind Standard in Orgelkonzerten und Gottesdiensten.

Reger setzte neue Maßstäbe und tat sich dennoch schwer, bei Musikern und bürgerlichem Publikum anzukommen. Seine Kompositionen galten als technisch sehr anspruchsvoll. Es stehe keine Note zu viel drin, wehrte sich Reger gegen den Vorwurf, absichtlich so schwer zu schreiben. Dazu kam manchmal eine ausufernde Länge, wie bei seinem Klavier- und seinem Violinkonzert. Nur relativ wenige Musiker wagten und wagen sich an diese Herausforderung, sagt Meiningens Theaterintendant Ansgar Haag. Die Hofkapelle spielt das Violinkonzert am 12. Mai. Purer Zufall: Der Solist heißt Sönke Reger. Es dirigiert Philippe Bach.

Das Meininger Schloss Elisabethenburg bewahrt Regers Nachlass. Seine Witwe Elsa gab ihn zuerst nach Weimar, dann nach Meiningen. «Bei uns ist er in guten Händen», sagt die Leiterin des Max-Reger-Archivs, Maren Goltz. Größte Kostbarkeit sind die 75 Dirigier-Partituren des Meisters. Davon stehen neuerdings 25 Stücke online und können von Wissenschaftlern und Interessenten Seite für Seite studiert werden.

Sie seien deshalb so wertvoll, weil sie nach Reger niemand genutzt und Eintragungen gemacht habe, betont die Kustodin. An den Partituren, darunter die ursprünglich für Meiningen geschriebenen Mozart-Variationen für zwei Klaviere, lasse sich eindrucksvoll Regers Arbeitsweise auch an fertigen Stücken ablesen. Und vielleicht vermittelten sie auch einen Eindruck vom besonderen Klang der Hofkapelle unter Leitung von Max Reger. Aufnahmen mit ihm als Dirigenten habe es zu dieser Zeit kaum gegeben.

Bis zu 70 Wissenschaftler besuchen jährlich das Archiv, hinzu kommen 200 bis 250 Anfragen. Zu den Partituren gesellen sich Dokumente wie Schulzeugnisse, Briefe Regers an den Herzog, Gehaltsurkunden, Ordensdiplome und die vom König von Sachsen erteilte Berufung zum Professor für Musik in Leipzig. Die Liste der Bewerber für die Meininger Hofkapellmeisterstelle weist Reger/Leipzig unter Nummer 15 aus. Dahinter steht: «würde die Stelle nehmen, wenn sie ihm angeboten würde». Dies, so die Musik- und Theaterwissenschaftlerin Goltz, sage viel über Max Reger aus.

In einer Ausstellung im Schloss sollen die Besucher Reger deshalb als Menschen begegnen. Er sei vielfältig abhängig gewesen: als ein von der Arbeit Besessener, als Kettenraucher, zeitweise Alkoholabhängiger und einer, der gern und viel aß. Und er war sein bester Manager. Mit vielen Fotografien warb er für sich und seine Werke. «Er hat auch Karikaturen über sich gemocht», erklärt Goltz. Und Witze - darunter Musikerwitze und derbe Stammtischwitze, ergänzt Czolbe. «Reger konnte in einem Moment extrem lustig sein, im nächsten zerstört und tief traurig.» Er habe immer seinen Kopf durchsetzen wollen und sich sogar mit dem Herzog angelegt, meint Intendant Haag. Zu dessen Entsetzen wollte er für die nicht festangestellten Musiker Benefizkonzerte geben.

Reger hinterließ ein riesiges Werk: Neben 300 Orgelwerken, die 2016 alle in Thüringer Kirchen erklingen, waren es Kammermusiken, Lieder, Chor- und Orchesterwerke, aber keine einzige Oper. Allein seine Vokalwerke kommen auf die Zahl 250.

Sind die Dirigier-Partituren Meiningens größter Schatz, so sind es beim Max-Reger-Institut in Karlsruhe für die Forschung die Notenhandschriften, darunter die Mozart-Variationen. Elsa Reger gründete es 1947, um das Werk ihres Mannes bekannter zu machen, erzählt Musikwissenschaftler Jürgen Schaarwächter. Das Institut musste jedoch ohne jeglichen Besitz oder Nachlass starten, Elsa Reger war im Krieg ausgebombt worden. «Alles wurde neu gesammelt, uns geschenkt oder angekauft.»

Mit vielen Partnern haben die Reger-Stätten 2016 ein anspruchsvolles Programm mit Konzerten, Chorfesten, Tagungen, Liederabenden oder Orchesterakademie organisiert. Was sie nicht planen konnten: Der von einem Jenaer Astronom entdeckte Kleinplanet «4347» mit Namen Max Reger erreicht am 18. Dezember im Sternbild Stier seinen geringsten Abstand zur Erde.

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erstellt am 10.Mai.2016 | 07:40 Uhr

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