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Theater

06. Dezember 2016 | 15:03 Uhr

Theater : Hafen, Huren und viel Heimat: 175 Jahre St. Pauli Theater

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Es mag an dem Standort liegen, direkt neben der legendären Davidwache am Spielbudenplatz, an der Reeperbahn, an den vielen Stars, die dort ein- und ausgehen und an der wechselvollen Geschichte des Hauses.

Es könnte auch die Mischung von Bürgerlichkeit und Milieu, polierten Fassaden und Herbertstraße sein, die die Faszination ausmacht. Fest steht, das St. Pauli Theater ist ein Stück Hamburger Geschichte, nicht aus der Stadt und nicht aus dem kulturellen Leben wegzudenken. Am 30. Mai feiert eines der ältesten Privattheater der Republik seinen 175. Geburtstag, mit großer Gala natürlich wie es für ein solches Haus angemessen ist. Immer ein wenig schrill, immer volksnah und immer mit subtiler Tiefgründigkeit.

«Es gab hier schon alles», sagt Ulrich Waller, der das Theater seit 2003 zusammen mit Thomas Collien leitet. Dieser ist bereits in der dritten Generation tief mit dem Haus verbunden. Sein Großvater, der Konzertveranstalter Kurt Collien, hatte es 1970 übernommen. Da war es schon mehr als 100 Jahre alt, hatte Urania-, Actien-, Varieté und Ernst Drucker Theater geheißen und eine Bühne für Lokalstücke, Tanz- und Musikshows, Henrik Ibsen und die Zitronenjette geboten. Vor allem war es schon da ein Ort für die Menschen, die im Viertel lebten.

«Da durfte geraucht, gegessen und getrunken werden, es gab Stehplätze und das Publikum hat auch schon mal aktiv in das Bühnengeschehen eingegriffen», erzählt Regisseur Waller. Als den Zuschauern, hauptsächlich Seeleuten, das Ende von Goethes Faust nicht gefiel, protestierten sie so lange, bis Gretchen nicht etwa stirbt sondern Faust heiratet. «Das muss so Mitte des 19. Jahrhunderts gewesen sein», sagt Waller. Seitdem traten immer wieder große Stars auf der kleinen Bühne auf, etwa Freddy Quinn als «Der Junge von St. Pauli» in den 1970 er Jahren.

In den 1980er folgt dann die Blütezeit als Boulevardtheater, Elke Sommer und Willy Millowitsch treten auf. Mit Thomas Collien, der seit 25 Jahren am Haus ist, und Ulrich Waller seit 13 Jahren, etabliert sich das Haus als «modernes Volkstheater», wie Collien es nennt. «Wir wollen intelligente Unterhaltung bieten und ein Theater sein, das keine Schwellenangst auslöst, nicht so ernst ist wie manch Staatstheater und doch auch Bildungsbürger anzieht», erklärt er. Kurzweilig und doch auch mal unbequem. Ein Balanceakt, der offenbar gelingt. Collien und Waller halten es da mit Udo Lindenberg: «Unterhaltung hat etwas mit Haltung zu tun.»

Auf gleich sechs Säulen fußt das Konzept. «Nach dem Vorbild von Broadway und Westend bieten wir Stücke wie 'Der bittere Honig' mit Eva Mattes in der Regie von Peter Zadek oder 'Tod eines Handlungsreisenden' mit Burghart Klaußner inszeniert von Wilfried Minks», sagt Collien. Ein zweiter Schwerpunkt ist Theater mit klarem Hamburg-Bezug. «Nacht-Tankstelle», «Ricky - ein Boxer aus St. Pauli» und «Linie S1» sind erfolgreiche Beispiele.

Darüber hinaus bietet das St. Pauli Theater internationalen Musiktheaterinszenierungen und Theatergastspielen sowie Kabarett und Comedy eine Bühne. «Außerdem fördern wir den Nachwuchs - auf und vor der Bühne», sagt Waller. Alljährlich gibt es ein Weihnachtsmärchen, eine Kooperation mit der Theaterakademie und mit der Stadtteilschule am Hafen. «Wir sind ein Theater auf St. Pauli und für St. Pauli», sagt Collien. Das spiegele sich im Engagement auf dem Kiez wider, vor allem aber in den Stücken. «Man hat mehr von unserem Theater, wenn man die Stadt kennt», ergänzt er und will sich damit klar von den Touristenattraktionen auf anderen Bühnen abgrenzen.

Waller und Collien sehen das Jubiläum auch als Verantwortung und Verpflichtung. «Unser Haus ist das älteste Theater der Stadt, das wie durch ein Wunder im Zweiten Weltkrieg nicht zerbombt wurde», sagt Waller. Daher gelte es die Tradition zu bewahren und zugleich weit zu entwickeln. Nach der aktuellen Spielzeit schließt das Haus erstmals für drei Monate. Umfangreiche Sanierungsarbeiten stehen an. «Die Hinterbühne ist tatsächlich noch aus dem Jahr 1841 und könnte so ins Deutsche Museum einziehen», sagt Waller und stellt zugleich klar: «Das Theater wird auch nach der Sanierung nicht anders aussehen.»

Im Herbst soll es dann auch mit dem gewohnten Repertoire weitergehen, unter anderem mit Volker Lechtenbrink in «Große Freiheit Nr. 7», einer Bühnenversion von «Monsieur Claude und seine Töchter» und einem eigenen Wittenbrink-Musikabend, der sich mit etwas Abstand mit dem Thema Flüchtlinge und Integration beschäftigt. «Es soll eine satirische, kritische Auseinandersetzung auch mit unserer Willkommenskultur sein», kündigte Waller an. Damit habe man schließlich nicht nur in Deutschland sondern auch auf St. Pauli reichlich Erfahrung.

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erstellt am 29.Mai.2016 | 08:00 Uhr

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