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Prozess in Dänemark : Psychiater ließ drogensüchtigen Patienten in Wohnwagen sterben - Bewährungsstrafe

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Ein dänischer Ex-Psychiater war jahrelang für seine Fehldiagnosen bekannt. Was sich vor Jahren im Hinterhof seiner Privatklinik zutrug, wirft viele Fragen auf.

Holstebro | Eine Horror-Geschichte aus Jütland bewegt Dänemark. Im Westen Jütlands praktizierte bis 2013 ein Psychiater – trotz seines eigenen Hirnschadens. Diverse Fehlbehandlungen und fatale Medikamentierungen werden ihm zur Last gelegt. Darüber hinaus war der frühere Psychiater direkt in einen Todesfall involviert, der sich auf dem Gelände seiner Privatklinik zutrug. Die Enthüllungen des Dänischen Rundfunks vermischen sich zu einem wahren Giftcocktail für die Gesundheitsbehörde.

Am 12. Mai 2012 holte der Psychiater seinen drogenabhängigen Patienten Jan E. mit dem Auto ab, nachdem ein vereinbartes Treffen am Vortag gescheitert war. Wie Bilder zeigen, musste er den hilflosen und unter einer Hyperaktivitätsstörung leidenden Mann nach der dreißigminütigen Fahrt zum Ziel stützen. Er schleppte seinen Patienten in einen Campingwagen, der auf seinem Hof stand. Ein Zeuge berichtet, dass der Psychiater seinen Patienten dort liegen ließ und sich entfernte – ohne Hilfe zu verständigen. Erst am Nachmittag des nächsten Tages soll der Psychiater auf Geheiß des Zeugen wieder nach seinem Patienten gesehen haben – was folgte war ein Anruf der Nummer 112. E. lag bei Eintreffen des Notarztes auf dem Boden des geöffneten Wohnwagens und war bereits tot. Erste Todesursache: Blutgerinnsel im Gehirn.

Der Facharzt für Psychiatrie schilderte den Fall vor Ort. Er sei mit seinem Patienten zum Wohnwagen gegangen und die beiden hätten vereinbart zu sprechen. Man glaubte ihm. Der Amtsarzt, der den Tod feststellte, sah keinen Grund, die Polizei zu verständigen, was laut Regelwerk aber seine Pflicht gewesen wäre.

Vor Gericht, das ihn am Dienstag nach Ostern zu 60 Tagen auf Bewährung verurteilte, sagte der frühere Psychiater, er habe E. zum Campingwagen gebracht, um ihn dort seinen Alkoholrausch ausschlafen zu lassen. Er habe nicht den Eindruck gehabt, dass sein weggetretener Patient unter dem Einfluss harter Drogen stehe – sonst hätte er anders gehandelt. Im Wohnwagen habe er ihn in die stabile Seitenlage gebracht, so dass dieser sich übergeben könne, wenn es ihm hochkäme. Seinen ausbleibenden Notruf begründete er laut „DR“ unter anderem mit der Überbelastung der Krankenhäuser.

Vor dem Weggehen habe er sich mit einem Kniff ins Nagelbett vergewissert, ob sich E. noch rührt. Er bedaure, nicht nach ihm gesehen zu haben, gestand er vor Gericht, andere berufliche Aufgaben hätten ihn davon abgehalten. Abends ging er nicht mehr nach dem Patienten gucken, zu dem er ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hatte. Sein Freund starb laut Obduktionsbericht an einer Überdosis Methadon.

Zehn Jahre vor E.s Tod hatte der heute schnurrbärtige und ergraute Psychiater einen Autounfall mit schweren Kopfverletzungen erlitten. Mehrere Spezialisten und sein ehemaliger Arbeitgeber urteilten, dass er wohl niemals wieder alleine praktizieren könne. Der dänischen Gesundheitsbehörde war dies über all die Jahre bewusst. Nach einem Auslandsaufenthalt zog es den Dänen nach Westjütland, wo er trotz all der Zeugnisse eine Privatpraxis eröffnete. Man ließ ihn machen – und das über viele Jahre.

Doch schon bald schlichen sich Probleme ein. Bis 2012 gingen bei der Behörde über 20 Berichte von Patienten und deren Verwandten, Suchtzentrum und Kommunen ein. Ihm wurden schwere Diagnosefehler, ernstzunehmende Fehlbehandlungen und eine allzu reichhaltige Vergabe von Medikamenten nachgesagt. Fünf Monate vor dem Tod im Campingwagen war ein Patient des Mannes an einer Drogenvergiftung gestorben.

Ein Jahr nach dem Fall im Campingwagen entzog die Gesundheitsbehörde dem Arzt dann doch die Zulassung – mit der Begründung es bestünde andernfalls eine Gefahr für die Patienten. Der frühere Psychiater will sich nun wieder selbstständig machen – mit einem Yoga- und Meditationscenter. Doch vor der Eröffnung muss er seine 60-tägige Bewährungsstrafe verbüßen. Das Gericht führt seine Fehlbehandlungen nur indirekt auf seine Unfallverletzungen zurück.

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erstellt am 19.Apr.2017 | 19:38 Uhr

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