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Deutschland & Welt

25. Juli 2016 | 11:58 Uhr

13-Jährige aus Berlin : Polizei dementiert Vergewaltigung – doch manche vermuten Vertuschung

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Berliner Polizei sagt, eine „30-stündige Entführung und Vergewaltigung“ einer 13-Jährigen durch einen Ausländer hat es nie gegeben. Trotzdem gingen dagegen auch in Hamburg Tausende auf die Straße.

Berlin | Deutschlandweit gibt es seit dem Wochenende Proteste, auch in Hamburg und Flensburg. Mehr als 1000 Russlanddeutsche demonstrierten am Sonntag in Hamburg gegen die angebliche Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens in Berlin. Doch die Tat hat es nach Auskunft der Berliner Polizei gar nicht gegeben - in russischen Medien und sozialen Netzwerken wird dennoch darüber berichtet und diskutiert. „Wir fordern die Aufklärung der Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens in Berlin ein“, hieß es nach Angaben der Polizei auf der Kundgebung auf dem Hamburger Rathausmarkt. Und: „Kriminalität muss bestraft werden.“ Doch wie konnte es dazu kommen, dass Tausende auf die Straße gehen, obwohl die Polizei sagt, dass es gar keine Vergewaltigung gegeben hat?

Seit Tagen kursieren Gerüchte über eine angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen in Berlin durch Ausländer. Was wirklich passierte, ist weiter unklar. Der Fall zeigt, wie groß die Verunsicherung seit den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht ist.

Seit den Übergriffen in Köln und Hamburg veröffentlicht die Polizei vermehrt Berichte über sexuelle Übergriffe - und nennt verstärkt Nationalitäten mutmaßlicher Frauen- und Kinderschänder. Die Informationen tauchen regelmäßig auf rassistischen Hetz-Blogs und News-Seiten auf als Beleg für „die Gefahr durch die Flüchtlingsschwemme“. Niemand stellt dabei die Angaben der Ermittler infrage, anders im aktuellen Fall der 13-Jährigen.

Worum geht es genau?

Es geht um eine 13-jährige Schülerin aus Berlin-Marzahn, die aus einer russlanddeutschen Familie stammt. Sie verschwand am 11. Januar, nach einem Tag tauchte sie wieder auf. Angeblich wurde sie von mehreren Ausländern für 30 Stunden verschleppt, festgehalten und von allen Männern immer wieder missbraucht worden. Die Polizei dementiert sowohl Entführung als auch Vergewaltigung.

Ausgelöst hat die Welle der staatliche russische Fernsehsender „Erster Kanal“ mit einem Bericht über angebliche „Vergewaltigungen von Minderjährigen durch Migranten“ in Deutschland. Eine Frau, die als Tante der 13-Jährigen bezeichnet wird, erzählt, ein Ausländer habe Elvira (Name von der Redaktion geändert) am Morgen des 11. Januar mitgenommen. „Drei Männer“ mit schlechtem Deutsch hätten sie später „abwechselnd vergewaltigt und geschlagen“. Sie, die Tante, gebe das Interview nur deshalb, weil Eltern – ein deutsch-russisches Paar – und Tochter „immer noch im tiefen Schockzustand“ seien.

Garniert wird der Beitrag mit einem Video, in dem ein junger Mann mit schwachem Deutsch Freunden von einer Vergewaltigung erzählt. Die Aufnahmen sind bereits 2009 auf Youtube veröffentlicht worden. Die Berliner Polizei und die Justiz kommen in dem Beitrag nicht direkt zu Wort. Und einmal wird ein „Berliner Polizist“ eingeblendet, der mit dem Rücken zur Kamera steht. Auf seiner Warnweste ist „Polis" zu lesen - das schwedische Wort für Polizei.

Die deutschsprachige Seite „Sputniknews.com“, ein Putin-treues Portal, veröffentlicht eine Meldung „Minderjährige vergewaltigt, Polizei tatenlos“ – obwohl es im Text heißt, „die Polizei dementiert sowohl die Vergewaltigung als auch die Entführung“.

Auf der rechten Facebook-Seite „Anonymous Kollektiv“, die nichts mit dem gleichnamigen Hackerkollektiv zu tun hat, wird der russische TV-Bericht mit deutschen Untertiteln gepostet und erklärt: „Wer erfahren möchte, welche Kapitalverbrechen der von Angela Merkel herangeschleppte, testosterongesteuerte und hochkriminelle Migranten-Mob mittlerweile in Deutschland verübt, erfährt dies unter anderem im GEZ-freien russischen Fernsehen.“ Rund 1,7 Millionen Mal wird er abgerufen.

Im Internet macht ein Aufruf die Runde: „Mindestens 5 Ausländer vergewaltigen gesuchtes Mädchen über 30 Stunden lang! Polizei schweigt zu diesem Verbrechen bislang!“ Elvira, deren richtiger Name in Foren vollständig genannt wird, sei „mehrfach von arabischsprechenden Männern vergewaltigt“ worden. „Täter wohl Asylanten.“

Rechtsanwalt erstattet Anzeige wegen Volksverhetzung

Der Konstanzer Rechtsanwalt Martin Luithle hat den Berliner Reporter des russischen Staatsfernsehens als Autor des Berichts unterdessen wegen Volksverhetzung angezeigt. Dieser habe Russischstämmige zum Hass gegen Flüchtlinge aufgestachelt und sie indirekt zu Gewalt und Willkür aufgefordert. Die Moskauer Botschaft in Berlin nennt den Schritt laut einer russischen Nachrichtenagentur einen „Affront“ gegen die Pressefreiheit.

Die Berliner Polizei wird derweil mit Anfragen zugeschüttet. Sie erklärt am 18. Januar den Ermittlungsstand auf ihrer Facebook-Seite wie folgt: „Ja, es ist richtig – das Mädchen war kurzzeitig vermisst gemeldet und ist inzwischen wieder zurück.“ Fest steht: Elvira tauchte einen Tag nach dem Verschwinden bei ihren Eltern wieder auf. „Fakt ist – nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung.“

+++ Information zum Vermisstenfall einer 13-Jährigen +++In den letzten Tagen ist uns aufgefallen, dass das Interesse...

Posted by Polizei Berlin on  Montag, 18. Januar 2016

 

Weitere Aussagen lehnte die Behörde „zum Schutz der Persönlichkeit des Mädchens und ihrer Familie“ ab. Die Polizei kommentiert auch nicht Vorwürfe aus dem Umfeld der Familie des Mädchens gegen sie. „Das müssen wir aushalten“, sagt eine Sprecherin auf Anfrage.

Familie des Mädchens übt weiter Kritik an der Polizei

Doch die Vorwürfe hören nicht auf. Auf einer NPD-Kundgebung in Marzahn-Hellersdorf meldet sich eine Frau zu Wort, die sich als Cousine des Mädchens vorstellt. „Ich möchte hiermit bestätigen", dass es sich nicht um Propaganda handele, sagt sie. „Es handelt sich definitiv um ausländische Bürger.“ Der Polizei wirft sie vor: „Ein minderjähriges Mädchen wurde drei Stunden lang alleine verhört. Sie wurde ausgelacht.“ Zum Ende der Vernehmung sei Elvira zusammengebrochen und habe „einfach behauptet, dass es so stimmt, wie die Polizei es gern hätte“.

Ein Mann, der in dem Bericht des russischen Staatsfernsehens als Onkel des Mädchens bezeichnet wird, sagt, das Kind habe bei der Polizei zugeben müssen, dass sie „die drei armen Männer“ selbst verführt habe. Ein anderer Mann aus der russischen Gemeinde verkündet: „Auf Gewalt werden wir mit Gewalt antworten. Anders geht es wohl nicht.“ Eine Frau erklärt mit tränenerstickter Stimme: „Ich kann schon drei Tage lang nicht schlafen.“ Ihre 14-jährige Tochter komme jeden Tag auf dem Schulweg „vorbei an einem Asylantenheim“.

Ein Kölner, der nach eigenen Angaben „20 Jahre in Moskau unterrichtet“ hat, erklärt auf Facebook: „Meine Studenten bombardieren mich mit Fragen: Was vertuscht eure Polizei schon wieder?“ Er sei aufgrund des Verhaltens der Kölner Polizei während und nach der Silvesternacht „total verunsichert“. Er verlangt: „Die Wahrheit muss in allen Details auf den Tisch!“ Die Berliner Ordnungshüter antworten: „Wir vertuschen nichts. Seien Sie versichert, dass die Polizei Ihnen nichts verheimlicht.“

Das Misstrauen schafft sie damit nicht aus der Welt. Schließlich entscheidet sich die Berliner Staatsanwaltschaft, die das Verfahren an sich gezogen hat, das Schweigen zu brechen und bestätigt ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs eines Kindes. Geschlechtsverkehr mit unter 14-Jährigen ist in Deutschland generell verboten, auch wenn ein Kind zustimmt. Justizsprecher Martin Steltner: „Wir gehen derzeit von einvernehmlichen Sex aus.“

 

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erstellt am 26.Jan.2016 | 12:13 Uhr

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