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Politik

23. März 2017 | 17:39 Uhr

Zweifelhafte Heldenverehrung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Soldaten der Weltkriege dienen der Bundeswehr als Vorbilder / Initiative fordert einen neuen Namen für die Appener Marseille-Kaserne

158 Luftsiege, davon 17 an einem einzigen Tag – Hans-Joachim Marseille gehörte zu den Helden des Zweiten Weltkriegs. Kein Wunder, dass das Nazi-Regime den hochdekorierten Jagdflieger weidlich für Propagandazwecke nutzte. Doch auch für die Bundeswehr ist der Hauptmann mit der hohen Abschussrate bis heute unvergessen. So trägt die Kaserne der Unteroffiziersschule der Luftwaffe in Appen (Kreis Pinneberg) den Namen Marseilles.

Ein Wehrmachtspilot als Namenspatron in einer modernen Parlamentsarmee? Für den Pädagogen und Publizisten Jakob Knab (62) ist das eine unsägliche Form der Traditionspflege. „Man sonnt sich noch im Glanz des Kriegshelden Marseille“, schimpft der Gründer der „Initiative gegen falsche Glorie“. Innerhalb der Luftwaffe spreche man nach wie vor stolz von „unser Jochen“. Der Bayer Knab hält nichts von „zeitlosen soldatischen Tugenden“. Er kämpft seit vielen Jahren gegen eine zweifelhafte Erinnerungskultur in der Bundeswehr an. Knabs hartnäckigem Engagement war es zu verdanken, dass der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe 1995 die Füssener Generaloberst-Dietl-Kaserne in Allgäu-Kaserne umbenannte – gegen heftigen Widerstand in Militär und Bevölkerung. Der Wehrmachtsoffizier und überzeugte Nationalsozialist Dietl war ein Vertrauter Hitlers.

Weitere Umbenennungen von Bundeswehr-Standorten folgten. An der Appener Marseille-Kaserne hat das Verteidigungsministerium bislang allerdings nichts auszusetzen gehabt. Dabei stelle die Bezeichnung ebenfalls einen Verstoß gegen den 1982 neu gefassten Traditionserlass der Bundeswehr dar, findet Jakob Knab. In dem Erlass heißt es: „Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen.“ Und folglich können das auch nicht dessen Soldaten. Ein Gutachten des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr stützt Knabs Haltung: Es sei nicht bekannt, dass sich Marseille „durch sein gesamtes Wirken oder durch eine herausragende Tat um Freiheit und Recht im Sinne der heute geltenden Traditionsrichtlinien verdient gemacht hat“, schrieben die Wissenschaftler in ihrer Studie.

Doch es sind nicht nur die glorifizierten Soldaten des Zweiten Weltkriegs, die der Identitätsstiftung in der Truppe dienen. Wenn sich im nächsten Sommer der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt, wollen Knab und seine Handvoll Mitstreiter auch eine Debatte über die Helden des großen Waffengangs von 1914 bis 1918 anstoßen. Viele von ihnen haben ebenfalls bis heute einen festen Platz in der militärischen Traditionspflege. In Kiel etwa machen Kriegsschiffe an der Tirpitz-Mole fest. Alfred von Tirpitz, so Knab, sei aber nicht nur Großadmiral der Kaiserlichen Marine gewesen. „Er war auch der Führer der Deutschen Vaterlandspartei. Die DVLP war eine rechtsradikale Partei. Sie gilt als präfaschistisch, da nationalistische, antisemitische und völkische Ideologien aufgegriffen wurden.“

Und was ist mit „Flieger-Ass“ Max Immelmann, mit dessen Namen sich das Taktische Luftwaffengeschwader 51 in Kropp/Jagel schmückt? „Immelmann ist ein Grenzfall“, findet Friedensaktivist Knab. „Die Kriegspropaganda nutzte ihn als einen der siegreichen Flieger-Asse, um von den verlustreichen Schlachten am Boden abzulenken.“ Dennoch sei er als Namenspatron akzeptabel. Anders als wiederum etwa der historisch bedenkliche Paul von Hindenburg, nach dem die Kaserne im niedersächsischen Munster benannt ist und der bis vor einem Jahrzehnt auch als Vorbild für Soldaten in Neumünster herhalten musste.

Die Bundeswehr ist nach Ansicht Knabs gut beraten, sich auf wahre Vorbilder zu besinnen. Sein Vorschlag, die Marseille-Kaserne in Feldwebel-Schmid-Kaserne umzubenennen, sei in diesem Sommer aber von der Luftwaffen-Führung abgelehnt worden. Schmid hatte im Zweiten Weltkrieg Hunderte Juden gerettet. Knab glaubt den wahren Grund für die Blockadehaltung zu kennen. „Man hat uns schon den Mölders genommen“, habe ihm ein Insider verraten. Seine fehlende Distanz zum NS-Regime ließen den Jagdflieger 2005 auf den Index der Bundeswehr geraten.

Das Verteidigungsministerium hält sich im Fall Marseille bedeckt. Auf entsprechende Fragen unserer Zeitung reagierte der Bendlerblock in Berlin gestern nicht. Zuvor hatte bereits der für Traditionspflege zuständige General ein Interview ohne Angaben von Gründen abgelehnt.

Studiendirektor Knab schlägt nunmehr vor, die Marseille-Kaserne in Ludger-Hölker-Kaserne umzutaufen. Luftwaffen-Pilot Hölker stürzte 1964 wegen eines Triebwerkschadens seiner Lockheed T-33A im schwäbischen Bobingen ab. Der Oberleutnant stieg erst im letzten Moment mit dem Schleudersitz aus, um einen Absturz auf bewohntes Gebiet zu verhindern. Seine Heldentat bezahlte er mit dem Leben.

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erstellt am 23.Nov.2013 | 00:33 Uhr

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