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Politik

04. Dezember 2016 | 13:23 Uhr

US-Wahl 2016 : Wissenschaftler erklärt, warum Trump gewählt wurde

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer über die gesellschaftlichen Gründe für den Ausgang der US-Wahl.

Herr Welzer, wie haben Sie persönlich die US-Wahl erlebt?
Nach dem Aufstehen habe ich sofort im Internet nachgeschaut – und war geschockt, als ich sah, dass Trump vorn lag. Ich bin dann online geblieben, in der Hoffnung, dass die noch nicht ausgezählten Staaten das Resultat drehen könnten. Das war leider nicht der Fall.

Glauben Sie, dass viele Trump-Wähler tatsächlich auf der Verliererseite der US-amerikanischen Gesellschaft zu finden sind?
Nein, nicht unbedingt. Aber viele haben das Gefühl, Verlierer der Globalisierung zu sein. Dieses Gefühl mündet in einer großen Enttäuschung über die etablierte Politik – und in einer wenig rationalen Protestwahl.

Wie gefährlich ist es für Demokratien, wenn die Enttäuschung zur Grundlage von Wahlentscheidungen wird und nicht ein politisches Programm?
Wahlentscheidungen sind nie rein rational, sondern auch immer von Emotionen beeinflusst. Bei Trump haben aber tatsächlich die Sachthemen so gut wie keine Rolle gespielt, stattdessen haben wir einen boulevardisierten Wahlkampf mit Sex and Crime erlebt. Das ist eine ganz neue Qualität. Dabei kommt übrigens auch nur ein sehr enges Spektrum an Emotionen zur Geltung – Aversion, Hass, Wut. Unser emotionales Spektrum ist ja glücklicherweise im Normalfall etwas breiter. Aber wenn sich diese Art der politischen Ansprache in anderen Nationen fortsetzt, dann müssen wir uns warm anziehen.

Zumal sich viele Wähler über Emotionen viel einfacher mobilisieren lassen als über Sachthemen.
Ja, wir erleben derzeit eine totale Veränderung der politischen Kommunikation, auch bei uns in Europa. Der ganze Rechtspopulismus basiert auf dieser Polarisierungsstrategie. Da wird es zunehmend schwerer, von einer zivilisierten Position aus dagegenzuhalten.

Was bedeutet das für die deutsche Politik?
Die Rechtspopulisten haben bei der US-Wahl wieder einmal gesehen, dass man mit der Skandalisierung große politische Erfolge feiern kann. Übrigens auch mit der selbstinszenierten Skandalisierung, die durch immer radikalere Formulierungen die Präsenz in den Medien garantiert. So treiben die Populisten die politische Kommunikation und die Themen vor sich her. Auch Hillary Clinton hat den Fehler gemacht, sich in diese Personalisierung reinziehen zu lassen. Die TV-Duelle zwischen Trump und ihr waren der Niedergang der politischen Kommunikation.

Was ist das Mittel gegen diesen Populismus?
Ich würde, so paradox sich das anhört, davor warnen, in der jetzigen Situation gleich den demokratischen Notstand auszurufen. Man muss im Gegenteil noch stärker als in den vergangenen Monaten sagen: Die allermeisten europäischen Gesellschaften sind sichere demokratische Verfassungsstaaten. Und wer sich als Demokrat versteht, muss sich dieser Form von populistischer Kommunikation verweigern.

Das ist in Zeiten zahlreicher digitaler Medienkanäle gar nicht so einfach.
Ja, aber da leitet sich auch in Zukunft die Aufgabe für die traditionellen Medien ab, nämlich dieser Hysterie mit Analysen und Hintergründen entgegenzuwirken. Leider haben die USA eine katastrophale Medienlandschaft, gerade außerhalb der Metropolen gibt es kaum noch Tageszeitungen. Das entspricht überhaupt nicht der Situation, die wir – glücklicherweise – noch bei uns haben. Die Menschen dort sind politisch ungebildet, das spielt den Populisten in die Hände.
Mit einem Präsidenten Donald Trump droht der nationale Egoismus globale Projekte wie das Klimaabkommen oder die Vereinten Nationen zu verdrängen. Erwarten Sie weitere Rückschritte?
Wir werden in vielen Bereichen Rückschritte erleben. Leider ist es so, dass historische Entwicklungen in Wellen verlaufen, und wir haben seit dem Mauerfall in Deutschland eine richtig gute Welle gehabt, im gesamten Westen sogar seit über 70 Jahren. Solche Wellen schränken uns aber auch zunehmend in unserer politischen Schlechtwetter-Tauglichkeit ein. Jetzt kommt gerade eine Schlechtwetter-Phase, da müssen wir uns kurz berappeln und dann umso stärker für die wirklich sinnvollen Dinge einsetzen.
Diese Schlechtwetter-Tauglichkeit wird auch durch soziale Probleme eingeschränkt. Sie haben eingangs die gefühlten Globalisierungsverlierer erwähnt: Muss sich nicht auch im Bezug auf die Ungleichverteilung von Reichtum, bei Lohnungerechtigkeit und Renten etwas ändern, damit die Populisten weniger Hebel für ihre Parolen finden?
Es ist richtig, dass es soziale Ungleichgewichte in der Gesellschaft gibt, und da muss etwas passieren. Ich rede vom sozialem Wohnungsbau, der Verringerung finanzieller Ungleichheit, von Bildungsungleichheit. Aber wir sollten gleichzeitig über die hervorragenden Leistungen in diesem Land sprechen. Und vergessen wir nicht: Bei den vergangenen Landtagswahlen haben 80 Prozent der Bevölkerung ganz treu und brav demokratische und rechtsstaatliche Parteien gewählt.

Immer noch eine eindrucksvolle Zahl.

Ja, und ich würde den Parteien und den Medien empfehlen, doch diese 80 Prozent stärker ins Auge zu fassen, als immer nur auf den rechten Rand zu schauen. Nehmen Sie das Flüchtlingsthema, das unsere Administration in funktionierende Bahnen geleitet hat. Aber auch das lassen wir uns von den Rechten kaputtreden. Es wird immer nur davon gesprochen, wie schwer die Integration der Flüchtlinge wird. Dabei haben wir ganz andere, wirklich schlecht integrierte Gruppen in unserer Gesellschaft – nämlich Manager von Unternehmen wie Volkswagen oder Deutsche Bank. Oder die Funktionäre von DFB und Fifa. Die sind deshalb schlecht integriert, weil die sich weder dem Gesetz noch dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen. Diese Fehlentwicklungen im Management-Bereich müssen auch zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden, um Vertrauen zurückzugewinnen. Die Menschen sind ja nicht doof. Die sehen, dass da rauf und runter beschissen wird.

Bei der Abstimmung über den Brexit wie jetzt auch bei der Präsidentenwahl in den USA waren deutliche politische Trennlinien zwischen Jung und Alt, Stadt und Land, Männern und Frauen auszumachen. Wie lässt sich diese soziale Spaltung aufhalten?
Das ist nicht einfach zu beantworten, weil die Gründe ganz unterschiedliche sind. In den USA haben sich die weißen, alten Männer dagegen gewehrt, dass ihre gesellschaftliche Dominanz durch globale Veränderungen beendet wird. Beim Brexit kam vor allem zum Tragen, dass ein Großteil der jüngeren Wahlberechtigten gar nicht erst abgestimmt hat. Es ist ein grundsätzliches Problem in vielen Gesellschaften, dass die jungen Menschen nicht mehr in Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen mitarbeiten. Das muss sich ändern, die jüngeren Generationen müssen sich jetzt bewegen, denn politisches Bewusstsein und politische Aktivierung sind zwei unterschiedliche Dinge. Das politische Bewusstsein allein reicht nicht mehr. Wenn dieses Engagement ausbleibt, bekommen wir in den westlichen Demokratien ein echtes Problem.



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erstellt am 11.Nov.2016 | 11:41 Uhr

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