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Politik

03. Dezember 2016 | 12:43 Uhr

Ausbreitung des H5N8-Virus : Was sind die wirtschaftlichen Folgen der Vogelgrippe?

vom

Experten sehen eine „beträchtlichen Kontamination“. Der wirtschaftliche Schaden ist schwer abzuschätzen.

Greifswald-Riems/Kiel | Die Vogelgrippe verbreitet sich weiter - über weite Strecken wahrscheinlich auch durch Wildvögel ohne Symptome. Bislang wurde das aggressive Virus H5N8 bei Vögeln in elf Bundesländern nachgewiesen. In den Küstenländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern verendete auch Hausgeflügel an der Vogelgrippe. Mehrere Länder verbieten inzwischen die Einfuhr von deutschen Hühnern, Enten, Gänsen und Puten. Die Geflügelwirtschaft ist beunruhigt. Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts sprechen von einer „beträchtlichen Kontamination“.

Die Karte zeigt, wo das Geflügel-Virus H5N8 im Norden bisher nachgewiesen wurde:

„Wir beobachten derzeit ein sehr dynamisches Geschehen mit starken Ausbreitungstendenzen“, sagte der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, Thomas C. Mettenleiter. Der Infektionsdruck aus der Natur in die Ställe sei sehr hoch.

Die Rate der positiv getesteten toten Wildvögel sei im Vergleich zur Vogelgrippe H5N1 vor zehn Jahren sehr hoch, sagte Mettenleiter. Tote, infizierte Wasservögel würden in der Natur von Räubern wie Füchsen, Mardern oder auch Greifvögeln geöffnet. Damit könnten Innereien, die hohe Viruslasten tragen, verschleppt und der Erreger weiter verbreitet werden.

Bislang gibt es laut Mettenleiter keinen Nachweis, dass Säugetiere an H5N8 erkranken, das gelte auch für Hunde und Katzen. Dennoch haben einige Bundesländer verfügt, dass diese Haustiere in begrenzten Bereichen, insbesondere in den nach Vogelgrippe-Funden verhängten Sperrgebieten, derzeit nicht frei herumlaufen dürfen. Das Verbot zielt nach Auskunft des Agrarministeriums von Mecklenburg-Vorpommern darauf ab, dass die Vierbeiner die Vogelgrippe-Viren nicht verbreiten, etwa weil der Kot infizierter Tiere an den Pfoten oder im Fell haftet oder weil sie sich an toten Vögeln zu schaffen machten.

„Mobile Virusträger“

Mettenleiter zufolge muss davon ausgegangen werden, dass infizierte Wildvögel in der Inkubationszeit oder solche, die gar keine Krankheitssymptome bekommen, als „mobile Virusträger“ die Ausbreitung forcieren. So war der hochpathogene Erreger H5N8, der derzeit deutschen Geflügelhaltern Sorge bereitet, bereits im Juni 2016 im russisch-mongolischen Grenzgebiet bei gesund erlegten Graureihern, Haubentauchern, Kormoranen und Möwen nachgewiesen worden. Dies könnte auch der Grund sein, warum der Erreger über lange Distanzen nach Mitteleuropa getragen wurde, sagte Mettenleiter.

Der Nachweis in Russland war offenbar ein Zufallsfund. Die erlegten Vögel waren im Rahmen eines aktiven Wildvogelmonitorings getestet worden. Dass ein Teil der infizierten Wildvögel nicht oder nicht schwer erkrankt, sei auch schon bei früheren Geflügelpest-Epidemien beobachtet worden. Der H5N8-Erreger ist aktuell nicht nur in Europa verbreitet, es gibt mittlerweile auch Nachweise in Israel und dem Iran.

Das FLI spricht von einer „Epidemie unter Wildvögeln mit gelegentlichen Einträgen in Nutzgeflügelbestände“. Angesichts des hohen Infektionsdruckes von außen müsse mit weiteren Eintragungen in Nutzgeflügelbestände gerechnet werden, sagte Mettenleiter.

Wie groß ist der wirtschaftliche Schaden durch den Ausbruch der Geflügelpest bisher?

Das ist schwer zu beziffern. Für die betroffenen Geflügelbetriebe, die Zehntausende Tiere verloren haben, ist der Schaden natürlich immens - auch wenn sie von den Tierseuchenkassen entschädigt werden. Hinzu kommen für die gesamte Branche Einbußen durch das Wegbrechen von Exportmärkten. Bisher haben Israel, Japan, Südafrika und Südkorea Einfuhren von Geflügel und Geflügelprodukten aus Deutschland verboten.

Welchen Umfang haben die Exporte?

Nach Angaben des Zentralverbandes der Geflügelwirtschaft (ZDG) ist der Anteil der Exporte in Drittländer außerhalb der EU sehr gering. Hauptsächlich produziert Deutschland Geflügelfleisch und Eier für den eigenen Bedarf. Bei Eiern wird der Bedarf nur zu 70 Prozent gedeckt.

Von den Ausfuhren entfallen mehr als 90 Prozent auf EU-Länder. Nur der Rest geht an Nicht-EU-Länder, von denen vier jetzt Einfuhren verboten haben. Zwölf weitere können Geflügelprodukte nicht mehr einführen, weil in den nötigen Dokumenten die Freiheit Deutschlands von der Vogelgrippe nicht bescheinigt werden kann.

Dann tun die Exporteinschränkungen tatsächlich nicht sehr weh?

Das ist unterschiedlich. Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel versucht, neue Absatzmärkte zu erschließen und hatte in jüngster Zeit Interessenten aus Südkorea und Kuba zu Gast, die sich Betriebe und Geflügelschlachthöfe ansahen. Für diese Geschäfte sieht es nun schlecht aus. Außerdem gibt es noch den Zuchtsektor. Der Handel mit Bruteiern und Eintagsküken ist international. Für den Sektor ist es dem ZDG zufolge sehr schmerzhaft, dass Deutschland den Status „Frei von Vogelgrippe“ verloren hat. Jedes Exportland entscheidet für sich, ob es weiter Eier und Küken einführt. Der ZDG hofft, dass die Einfuhrsperren relativiert werden und nur auf die von Vogelgrippe betroffenen Regionen in Deutschland bezogen werden.

Kaufen Kunden in Deutschland jetzt weniger Geflügelfleisch?

Das ist nach Angaben der Branche nicht zu spüren. Die Kunden geben den Tierhaltern keine Schuld an der Geflügelpest, sondern sehen sie als „höhere Gewalt“ an.

Dürfen Eier und Geflügelfleisch weiter mit dem Etikett „Freiland“ verkauft werden, wenn die Stallpflicht gilt?

Ja, bis zu zwölf Wochen lang. Bei Bio-Geflügelfleisch und Bio-Eiern gilt diese zeitliche Begrenzung nach Angaben des bundesweit tätigen Ökolandbauverbandes Biopark nicht. Konventionelle Freiland-Eier dürfen nach einem Vierteljahr nur noch als billigere Eier aus Bodenhaltung angeboten werden, das bedeutet Einbußen für die Betriebe. Der ZDG setzt sich nach eigenen Angaben dafür ein, dass eine Stallpflicht nicht länger als zwölf Wochen gelten darf.

Verringert sich die Legeleistung, wenn ans Freiland gewöhnte Hennen in den Ställen bleiben müssen?

Vorübergehend passiert das durchaus, einen signifikanten Rückgang gibt es nach Angaben von Praktikern jedoch nicht. Im günstigsten Fall haben die Hennen auch weiterhin die Möglichkeit, ans Tageslicht zu kommen - in sogenannten Wintergärten, die überdacht sind. Dann fehlt ihnen nur der Auslauf und frisches Grün.

Stimmt es, dass Freiland-Hühner im Stall aggressiv werden?

Ja, ihr Tagesrhythmus ist erst einmal gestört. Um zu verhindern, dass sich die Tiere gegenseitig attackieren, brauchen sie im Stall mehr Beschäftigungsmaterial wie Einstreugetreide, Grünfutter oder Behälter mit Löchern, aus denen sie Körner picken können.

 
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erstellt am 23.Nov.2016 | 08:44 Uhr

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