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Politik

10. Dezember 2016 | 04:16 Uhr

Streitgespräch : Was für den Erhalt der Fehmarnsundbrücke spricht - und was dagegen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ex-Wirtschaftsminister Dietrich Austermann ist für einen Neubau, Landeskonservator Michael Paarmann will die Brücke retten.

Am 30. April 1963 nach drei Jahrenbauzeit eingeweiht, ist die Fehmarnbeltbrücke inzwischen altersschwach. Seit 1999 steht sie unter Denkmalschutz. Wenn der Belttunnel nach Dänemark fertig ist, wird die Fehmarnbeltbrücke dem wachsenden Auto- und Zugverkehr nicht mehr gewachsen sein. Was also tun mit diesem Wahrzeichen? Die Meinungen gehen auseinander.

 

Contra: „Ersetzen“

War von 2005 bis 2008 CDU-Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein: Dietrich Austermann (75).
War von 2005 bis 2008 CDU-Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein: Dietrich Austermann (75).
 

Herr Austermann, wann waren Sie das letzte Mal auf Fehmarn?

Oh, das ist bestimmt schon acht Jahre her. Damals ging es um den Denkmalschutz am Schwimmbad.

Und was hatten Sie für einen Eindruck von der Fehmarnsundbrücke?

Sie ist eng, störanfällig bei bestimmten Wetterlagen, sanierungsbedürftig und zu schmal, künftige Verkehre aufzunehmen – erst Recht, wenn bald die feste Fehmarnbeltquerung kommt, und dann noch mehr Autos, Lkw und Züge den Sund queren wollen.

Und nun?

Ein Abriss und ein leistungsfähiger Neubau sind vernünftiger als die Brücke zu sanieren – das haben Gutachten gezeigt. Mit einem Erhalt tut man den Menschen keinen Gefallen.

Und was ist mit dem Denkmalschutz?

Ich glaube, dass der Entschluss von 1999, die Brücke unter Denkmalschutz zu stellen, übereilt war. Das besondere an dem Bauwerk ist bestimmt die gewagte Konstruktion. Aber vieles von dem, was die besonders macht, befindet sich unter Wasser und ist so für die Menschen gar nicht zu erkennen.

Aber den Denkmalschutz wird man nicht so einfach umgehen können.

Ich habe Verständnis für die besondere Beziehung der Großenbroder zu „ihrer Brücke“, aber ich glaube, dass der von vielen Gegnern einer festen Fehmarnbeltquerung nur vorgeschoben wird, um den Bau zu verzögern. Erst wurde argumentiert, dass durch die feste Querung Arbeitsplätze wegfallen würden, dann hieß es, es gibt Schäden am Ökosystem. Dann sollte angeblich die Finanzierung nicht ausreichen, danach hieß es, der Tourismus werde beeinträchtigt. Und jetzt wird mit dem Denkmalschutz argumentiert. Die Menschen profitieren aber von einer neuen Querung und deshalb ist es besser, man ersetzt die Brücke durch eine leistungsfähige mit vier Fahrbahnen und einer elektrifizierten Bahntrasse.

Könnte nicht eine neue Brücke neben der alten entstehen?

Ich glaube nicht, dass man dem Denkmalschutz damit einen Gefallen tut. Und auch die Großenbroder hätten für diesen architektonischen Bruch sicher kein Verständnis. Schließlich ist das besondere an der jetzigen Brücke ja ihre Solo-Stellung und ihre begeisternde Blick-Wirkung, besonders beim Sonnenuntergang.

Also richtet sich alles nach dem Geld?

Ein kompletter Neubau wäre viel günstiger. Und seit 2012 ist klar, dass der Bund die Brücke nicht mehr unterhalten will. Auch Kreis und Land lehnen das ab, weil das niemand bezahlen will. Wir brauchen jetzt eine Entscheidung, denn man tut den Menschen nichts Gutes, wenn man sie im Unklaren lässt.

Sollen denn Ihrer Meinung nach alle alten Brücken weg?

Nein, nicht wenn sie sanierungsfähig sind und zugleich dem Zweck einer Brücke dienen: leistungsfähige Verbindungen zu schaffen. Ich war 1971 das erste Mal auf der Fehmarnsundbrücke und habe seitdem viele Brücken gesehen, die marode – oder einfach zu klein geplant worden sind. Nehmen Sie die Köhlbrandbrücke in Hamburg, bei der wir dieselbe Diskussion führen wie bei der Fehmarnsundbrücke. Man kann nicht alles erhalten.

Aber die Fehmarnsundbrücke gilt doch als Wahrzeichen Schleswig-Holsteins?

Das stimmt. Aber auch neue Brückenkonstruktionen können begeisternd sein. Denken Sie an die Öresundbrücke – ein architektonisches Meisterwerk, genau wie die neue Störbrücke in Itzehoe. Jedenfalls sollten die Bürger an der Gestaltung beteiligt werden. Und wer sagt denn, dass es nicht auch wieder eine einmalige Konstruktion über den Fehmarnsund geben kann?

Pro: „Erhalten“

Leitet seit 1998 das Landesamt für Denkmalpflege: Landeskonservator Michael Paarmann (63).

Leitet seit 1998 das Landesamt für Denkmalpflege: Landeskonservator Michael Paarmann (63).

Herr Paarmann, wann waren Sie das letzte Mal auf Fehmarn?

Ende Juli, da habe ich mir das Ferienzentrum Burgtiefe angesehen, das wir 2016 in Gänze in den Denkmalschutz aufgenommen haben.

Und was hatten Sie für einen Eindruck von der Fehmarnsundbrücke?

Für mich ist schon der Blick einzigartig, wenn man bei Heiligenhafen auf die Brücke zufährt – der große Bogen am Horizont hinter dem Graswarder. Und wenn man durch die Konstruktion fährt, dann ist das ein besonderes Erlebnis. Und da ich in Ostholstein aufgewachsen bin muss ich immer an die Zeit vor über 50 Jahren denken, als viele riesige Baumaschinen dieses Bauwerk geschaffen haben. Das ist ein Kunstwerk, das bis ins Detail durchdacht ist und eine besondere Ästhetik hat. Und ich persönlich finde sie einfach schön.

Was macht die Brücke so einzigartig?

Sie hat sowohl geschichtlich, künstlerisch und wissenschaftlich eine Bedeutung und prägt nachhaltig die Kulturlandschaft. Das sind alles Gründe für einen Erhalt im Sinne des Denkmalschutzgesetzes – die Fehmarnsundbrücke erfüllt sie alle. Und deswegen haben wir sie 1999 ins Denkmalbuch aufgenommen und wollen sie an die nächste Generation weitergegeben – auch weil sie ein Zeichen der Überwindung von Grenzen in Europa ist.

Die feste Fehmarnbeltquerung ist das auch. Und wenn sie kommt, wird die alte Brücke den zunehmenden Verkehr nicht mehr aufnehmen können.

Stimmt. Aber deswegen kann der Schluss daraus nicht sein, dass man die Brücke abreißt. Der Denkmalschutz verbietet ja nicht, dass man die Brücke umbaut – etwa die Gleise herausnimmt. So ließe sich das Bauwerk weiter nutzen.

Das wird aber nicht für den gesamten Verkehr reichen.

Dann muss man prüfen, wie man die Brücke in eine neue Lösung mit einbezieht. Ich könnte mir etwa eine zweite Brücke neben der alten vorstellen, welche den Schienenverkehr aufnimmt.

Würde das nicht das Bild der Fehmarnsundbrücke zerstören?

Das glaube ich nicht. Nur einige Kilometer entfernt verbindet die Storstrømbrücke die dänischen Inseln Falster und Seeland. Die ist auch in Sichtweite zur alten Brücke entstanden – und ich finde das sehr gelungen.

Und die neue Fehmarnsundbrücke soll aussehen wie die alte?

Muss sie nicht. Ich wäre schon zufrieden, wenn die Fahrbahnen auf einer Höhe sind, das würde optisch harmonieren.

Und warum nicht ein Ersatzbau, der aussieht wie die jetzige Brücke?

Man wird die Brücke nie kopieren können, dafür ist sie zu detailliert auf diese Größe geplant worden. Und als Denkmalschützer ist man nun mal auf das Original fixiert.

Ist der Erhalt nicht zu teuer?

Über Jahre hat die Bahn zu wenig Geld in die Unterhaltung gesteckt, dabei hat die Brücke bei richtiger Pflege eine nahezu unbeschränkte Lebensdauer. Es ist rechtlich nicht möglich, sie aus dem Denkmalschutz herauszunehmen und zu entsorgen. Hand aufs Herz: Der Bund hat genug Geld, um so ein Bauwerk zu erhalten. Und wenn wir immer nur allein auf den ökonomischen Nutzen schauen, wäre es ein verheerendes Signal für den Denkmalschutz. Es ist aber unsere Aufgabe als Kulturnation, Schützenswertes zu erhalten. Und die Fehmarnsundbrücke gehört noch längst nicht auf den Schrotthaufen der Geschichte.

Weil sie ein Wahrzeichen Schleswig-Holsteins ist?

Ja, das sehen bestimmt die meisten Bürger so wie ich. Die Brücke ist identitätsstiftend für Einheimische und Touristen – genauso wie der Westerhever Leuchtturm oder die Marienkirche in Lübeck Und die will ja auch keiner abreißen.

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erstellt am 18.Okt.2016 | 12:38 Uhr

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