zur Navigation springen

Politik

03. Dezember 2016 | 03:31 Uhr

Horst Seehofer : Warum ticken die Bayern anders als wir? Antworten der Wissenschaft

vom

Horst Seehofer ist seit jeher laut und wird mit seiner Merkel-Kritik immer lauter. Doch woher kommt dieses bayrische Selbstbewusstsein überhaupt?

Die Auswahl sei bescheiden, schmecken würde es auch nicht und überhaupt sei es nicht das, was sie wollten. Zwei Jungs quengelten lauthals über das Essen in ihrem Hotel an der Nordseeküste. Die Antwort der Mutter kam prompt: „Wir sind hier nicht in Bayern, sondern in Deutschland“, erklärte sie ihren Sprößlingen und gab Einblick in die bajuwarische Seele.

Dass sich so mancher Bayer losgelöst vom Rest der Republik fühlt, ist kein Geheimnis. „Mia san mia, und uns kann keiner was sagen!“, ließ Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer 2013 bei einem Wahlkampfauftritt die Welt wissen. In Bayern will man sein eigenes Süppchen kochen.

Nicht müde, sich immer wieder gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung aufzubäumen zu der die CSU auch gehört, verkündete Seehofer nun im Vorfeld der CSU-Vorstandsitzung am Wochenende: „Deutschland muss Deutschland bleiben“ und forderte, die „Leitkultur“ in der bayrischen Verfassung zu verankern.

Woher kommt dieses scheinbar unumstößliche Selbstbewusstsein der Bayern?

Feste Grenzen und die stete Sonderstellung

Fragt man Prof. Dr. Günther Kronenbitter vom Lehrstuhl für Europäische Ethnologie und Volkskunde an der Universität Augsburg, dann hat der Bayer eine gewachsene, relativ stabile – und vor allem regionale Identität. Altbayrisch, niederbayrisch, fränkisch – Bayern ist nicht Bayern. „Die einzelnen Regionen haben unterschiedliche sprachliche, konfessionelle und kulturelle Traditionen“, sagt er. „Das hat das Land geprägt.“ Bayern sei zwar viel farbiger als nur das Etikett Bayern, eine geschlossene Landesidentität würde aber dennoch nach außen gestrahlt werden.

Der Grund: Während andere Bundesländer Kreationen der Nachkriegszeit sind, ist die Grenze des Freistaats – so wie sie heute ist – 200 Jahre alt. 1871 wurde Bayern Teil des neu gegründeten Deutschen Reiches. Und dennoch: „Das Wissen, nicht immer dazugehört zu haben, sondern auch mal selbstständig gewesen zu sein, hat sich gehalten“, meint Kronenbitter.

Ihre Sonderstellung wollten die Bayern nicht aufgeben. Lange hielten sie ein eignes Militär, feierten noch 20 Jahre nach der Reichsgründung nicht den Geburtstag des Kaisers, sondern ihres Königs. „Die Formulierung Freistaat ist noch heute ein besonderer Marker in der bayrischen Identität.“

Anders als andere Regionen wie etwa das Ruhrgebiet hat sich Bayern zudem nur langsam industrialisiert und war lange agrarisch geprägt. Das habe den Trend, die regionale Identität hochzuhalten, zudem verstärkt.

„Rechts von mir ist nur noch die Wand“

Das Bayrisch-Sein wurde und wird von der Politik nur zu gerne bedient. Bei der CSU ist es Teil ihres politischen Profils. Ihr Appell: Du bist Bayer, du magst Bayern, dann wähle uns. „In der Partei gibt es die Tradition, dass rechts der CSU keine andere Partei punkten darf“, erklärt Ethnologe Kronenbitter. Der Ur-Vater der CSU und ehemalige bayrische Ministerpräsident, Franz Josef Strauß, war es der sagte: „Rechts von mir ist nur noch die Wand.“

Doch in der Vergangenheit drohte dieses Dogma an Wirkkraft zu verlieren. Die Freien Wähler, die zuvor nur in den Kommunen erfolgreich waren, sind 2008 in den Landtag eingezogen, vieles sah danach aus, dass die CSU nicht mehr allein regieren kann und von rechts Konkurrenz bekommt.

„Es ist eindeutig der Versuch da, zu verhindern, dass Stammwähler abwandern“, interpretiert Kronenbitter das Gebärden Seehofers und spricht von politischem Kalkül, das tief in der Seele der CSU verankert ist. „Wenn man versuchen will, ein Land mit einer Partei gleichzusetzen – nach dem Motto ‚Wir sind Bayern’ – kann man nicht dauerhaft in einer Koalition regieren.“ Daher rühre die stete Sehnsucht der Union, die Alleinherrschaft zu behaupten und damit die Landesidentität zu prägen.

Ist das Koketterie oder Ernsthaftigkeit? Außerhalb Bayerns kann diese Frage nicht abschließend beantwortet werden. Kronenbitter sagt: „Bayern und die bayrische Identität muss mit einem Augenzwinkern betrachtet werden.“ Das müsse dem Rest der Republik klar gemacht werden. „Das Etikett ist auch ein Produkt, dass wir Bayern den Menschen verkaufen.“ Es dürfe nicht so hoch gehangen werden. „Wenn Bayern auf seinen speziellen Status pocht, muss das mit einer Prise Salz genommen werden.“

zur Startseite

von
erstellt am 10.Sep.2016 | 15:09 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen