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Politik

26. Juli 2016 | 02:38 Uhr

TV-Enthüllungen in der Moschee : Warum es nicht klappt mit Dänemark und dem Islam

vom
Aus der Onlineredaktion

Das dänische Fernsehen geht mit versteckter Kamera in Moscheen und findet die gesuchte Formel: Islam=Steinzeit. Die islamischen Geistlichen suchen nach den Enthüllungen die Offensive.

Kopenhagen/Aarhus | In Dänemark spitzt sich die seit Jahren lodernde Kakophonie zwischen Muslimen, Medien und Mehrheitsgesellschaft mal wieder zu. Während in Kopenhagen der Prozess gegen mutmaßliche Terrorhelfer läuft, passen die Enthüllungen, die der Fernsehsender TV2 mit der Dokumentar-Serie „Moskeerne bag sløret“ (Hinter dem Schleier der Moscheen) zu Tage gefördert hat, den stets kritikbefeuerten dänischen Imamen gar nicht in den Kram. Die Islam-Gelehrten verurteilten die Art und Weise der Berichterstattung und attestieren dem Staatssender, durch Konfrontation schweren gesellschaftlichen Schaden anzurichten.

Bereits in den 1990er-Jahren wurde eine hitzige Debatte über Ausländer geführt. Daraus entstand die Dansk Folkeparti, die bis heute großen Einfluss auf die Ausländerpolitik hat. Das gesellschaftliche Klima für Muslime in Dänemark ist inzwischen außerordentlich schlecht, was politisch - aber auch bei den Muslimen - die Ränder stärkt.

TV2 habe mit diesen negativen Enthüllungen die Integrationsarbeit von 30 Jahren beschädigt, erklärten die 31 Imame übereinstimmend nach einem Treffen im Islamischen Kulturzentrum in Kopenhagen. Dänische Muslime seien ein Teil der dänischen Gesellschaft und würden anders als dargestellt eine positive Rolle bei der Integration spielen, heißt es.

Die Doku-Serie hatte mit geheimer Kamera umstrittene Äußerungen von Imamen – vor allem in einer Aarhuser Moschee – festgehalten. Bei Beratungsgesprächen gab es zum Teil Empfehlungen für undemokratische und widerrechtliche Maßnahmen. Dazu gehörte die Pflicht von muslimischen Frauen, ihren Männern trotz eventueller Misshandlungen stets sexuell gefügig sein zu müssen. Bei Vergehen wurde eine Steinigung von Frauen befürwortet.

Die Imame erklärten, sie fühlten sich durch diese Sendungen „missbraucht“. Sprecher Anoura Touini von der Kopenhagener Moschee verwies darauf, dass die Geistlichen und die Moscheen anders als dargestellt eine wichtige Rolle für die Integration von Muslimen in Dänemark wahrnehmen. Im Namen aller Kollegen mahnte er Minister, Politiker und Kommunen, nun nicht gleich eine kollektive Abstrafung von Muslimen zu fordern. Die Gemeinschaften hätten das Recht, Beratung über den Islam, islamische und islamische Scharia von außerhalb einzuholen. Die Organisationen würden den positiven Dialog fortsetzen, um die sozialen Probleme und die Problemen in den verschiedenen Moscheen und den verschiedenen Organisationen in Dänemark zu lösen. Unter den 31 Beschwerdeführern befinden sich auch Repräsentanten der acht kritisierten Moscheen.

Nicolai Wammen, der Sprecher der Sozialdemokraten – kritisierte die Stellungnahme der Imame und betonte, dass nicht TV2, sondern „dunkle Kräfte unter den Muslimen Verantwortung tragen für eine Haltung, die wir in Dänemark niemals akzeptieren werden“. Integrationsministerin Inger Støjberg sagte, die Repräsentanten der muslimischen Gemeinden sollten sich von den Aussagen, die in der umstrittenen Moschee Grimhøj in Aarhus ausgehen, distanzieren, anstatt sich über die Berichterstattung zu beklagen  Zugleich sagte sie „allen euch ganz normalen Moslems in Dänemark, die jeden Tag aufstehen und ihrer Arbeit oder Ausbildung nachgehen und im ganz normalen Leben in Dänemark teilhaben“ ihre Unterstützung zu.

Spätestens seit der Krise um die Mohammed-Karikaturen vor zehn Jahren und der Welle des Hasses gegen Dänemark überwiegt im Verhältnis zwischen Muslimen und Mehrheitsgesellschaft Argwohn, Trotz und Feindseligkeit. Die Bevölkerung ist mehrheitlich der Meinung, dass die schlecht laufende Integration die Schuld der Zuwanderer selbst ist. Islamkritische Töne durchziehen mittlerweile beinahe das gesamte Parteienspektrum. In aller Regelmäßigkeit kritisieren Politiker verschiedener Parteien offen die Haltung der muslimischen Glaubensgemeinschaft. Nachdem Moscheen mehrfach Imame eingeladen hatten, die bei ihren Predigten für die Steinigung von untreuen Frauen eintraten, hatten dänische Politiker zuletzt wiederholt ein klares Nein der Imame zu diesen Praktiken gefordert.

Eben dieses gab es vor einigen Wochen durch den Sprecher Imrah Shah live im Radio zu hören. Die Gemeinschaft befürworte die Steinigung von Frauen in Dänemark und anderen Ländern nicht, hieß es. Dass Shah sich zu dieser öffentlichen Erklärung genötigt sah, wirkte unter der Druckkulisse jedoch eher wie ein Offenbarungseid. Der konservative Parlamentarier Naser Khader reagierte prompt und sprach boshaft von „Breaking News“.

„Wenn sie künftig darauf verzichten, verrückte Imame nach Dänemark einzuladen, die Hasspredigten gegen Juden und Homosexuelle halten, dann bin ich bereit, ihre Anerkennung zu respektieren“, sagte Khader, der den „Islamisk Trossamfund“ von der Liste anerkannten Glaubensgemeinschaften streichen will. Im Herbst hatte die Kopenhagener Stadtvertretung die Zusammenarbeit mit dieser muslimischen Glaubensgemeinschaft abgebrochen, weil sie sich nicht von Gäste-Imam Haitam el-Haddad distanziert hatte. Dieser hatte sich für eine Steinigung untreuer Frauen ausgesprochen. „Islamisk Trossamfund“ unterhält in Kopenhagen eine Moschee. Khader verlangte am Montag, dass die Predigten auf Dänisch vonstatten gehen sollen, „dann könnten wir verstehen, was gepredigt und geraten wird. Wenn du eine dänische Form des Islam entwickeln willst, dann musst du auch auf Dänisch predigen".

Selten gab es so viel Zwietracht in der sonst so auf Einigkeit und Ausgleich bedachten dänischen Gesellschaft. Während die Politik diesen Konflikt weiter schürt, müssen die Glaubensgemeinschaften einiges daran setzen, die diskursiven Selbstreinigungskräfte in ihren Reihen am Leben zu halten. Die Muslime bekommen angesichts von „Frikadellenkrieg“ und Schikane bei der strengen Asylpolitik mehr und mehr das Gefühl, nicht mehr akzeptiert zu sein. Selbst die Integration am Arbeitsmarkt gelingt bei Einwandererfamilien kaum.

Drei Viertel der größtenteils alteingesessenen Dänischtürken liebäugeln damit, das ehedem so liberale Land aufgrund der latenten Missstimmung zu verlassen. Während in der Politik der rechte Rand in die Mitte rückte, entstanden wiederum muslimische Organisationen am radikalen Rand, wie der „Ruf zum Islam“. Dieser tritt für die Einführung von „Scharia -Zonen" in von Muslimen bewohnten Gebieten ein. Eine öffentliche Demonstration mit mehreren Hundert Menschen zog 2014  mit „Hizb ut-Tahrir“-Bannern durch Kopenhagens Zentrum. Das Ziel der aus der Muslimbruderschaft hervorgegangenen, pan-islamistischen Gruppierung: die Einführung eines Kalifats – erst in einem Vorort, dann mitten in der Hauptstadt.

Überdies sorgte vor kurzem die Erklärung eines Skandal-Imams aus Aarhus für Aufsehen. Dieser predigte vor versteckter TV-2-Kamera, dass die körperliche Züchtigung von Kindern fest zu „Erziehung und Lehre" gehöre – zum Beispiel bei Gebetsversäumnissen. Seine Aussage: Gewalt nein, aber Züchtigung ja. Damit rief er zwar zum Verstoß gegen dänische Gesetze auf, mit den Nationalkonservativen von der Dansk Folkeparti wäre er damit aber auf Wellenlänge: Marie Krarup Mitglied im Kinder- und Unterrichtsausschuss im Folketing, findet es ebenfalls angebracht, wenn bei der Erziehung „ab und zu“ eine Ohrfeige fällt. Das Recht auf Züchtigung wurde allerdings 1997 abgeschafft.

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erstellt am 14.Mär.2016 | 17:17 Uhr

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