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Politik

08. Dezember 2016 | 23:15 Uhr

Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach : Vier Bluttaten in einer Woche: So unterscheiden sich die Fälle

vom

Hinter jedem Gewaltakt wird mittlerweile Terrorismus vermutet. Das bestätigt sich allerdings nicht immer.

Deutschland steht unter Schock: Axt-Angriff in Würzburg, Schießerei in München, Messer-Mord in Reutlingen, Explosion in Ansbach. Innerhalb von nur einer Woche erschüttern vier Gewalttaten die Gesellschaft. Die erste Frage lautete in diesen Tagen immer „Steckt der Islamische Staat dahinter?“ Rechte sehen sich bestätigt: Flüchtlinge seien gefährlich. Andere Politiker werfen alle Taten in einen Topf und fordern stärkere Sicherheitsvorkehrungen. Doch wer genau hinsieht, entdeckt teilweise unterschiedliche Motive. Nur in zwei Fällen konnte ein terroristischer Hintergrund nachgewiesen werden.

Würzburg:  IS-Flagge und Video deuten auf Terror hin

Der 17-jährige Attentäter hatte bei Würzburg mehrere Zugreisende lebensgefährlich verletzt.
Der 17-jährige Attentäter hatte bei Würzburg mehrere Zugreisende lebensgefährlich verletzt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand
 
Was ist passiert? Ein 17-Jähriger hat am Montag (18. Juli) Fahrgäste in einer Regionalbahn mit einer Axt angegriffen, fünf von ihnen wurden verletzt, einer von ihnen schwebt noch in Lebensgefahr.
Gibt es Hinweise auf Terrorismus? Ja. Im Zimmer des 17-Jährigen wurde eine selbstgemalte IS-Flagge gefunden. Der sogenannte Islamische Staat beansprucht die Tat für sich. Das IS-Sprachrohr Amak veröffentlichte ein Video des Attentäters. Darin soll der Jugendliche sich selbst als IS-Kämpfer bezeichnet haben. Das bayerische Innenministerium bestätigte die Echtheit des Videos. Es enthalte aber keine Hinweise auf eine Anordnung der Miliz, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière. „Es ist vielleicht auch ein Fall, der im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror liegt.“ Der Attentäter sei ein Einzeltäter, der sich durch die Propaganda der Terrormiliz „angestachelt“ gefühlt habe.
Was ist über den Täter bekannt? Der 17-Jährige war ohne Eltern als Flüchtling nach Deutschland gekommen und lebte bei einer Pflegefamilie. Er hatte ein Praktikum bei einer Bäckerei begonnen - mit der Aussicht auf eine Lehrstelle. Er sei im Rahmen der Jugendhilfe intensiv betreut worden, sagte Sozialministerin Emilia Müller (CSU). Über die Herkunft des jungen Mannes gibt es Unklarheiten. Er sei als Afghane eingereist, könnte allerdings auch Pakistani sein. Flüchtlinge aus Afghanistan bekommen leichter Asyl. Den Sicherheitsbehörden war er zuvor nicht aufgefallen.
Was ist über sein Motiv bekannt? Der Täter habe sich an Nicht-Muslimen rächen wollen, die seinen Glaubensbrüdern Leid angetan hätten, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager.

Ansbach:  Video mit Anschlagsdrohung weist auf Terror hin

Bei dem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag sind 15 Menschen verletzt worden.
Bei dem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag sind 15 Menschen verletzt worden. Foto: Daniel Karmann
 
Was ist passiert? Ein 27-Jähriger hat am Sonntagabend (24. Juli) bei einem Musikfestival im fränkischen Ansbach einen Sprengsatz gezündet und sich damit selbst getötet. 15 Menschen werden verletzt, drei von ihnen schwer. Es schwebt aber niemand in Lebensgefahr.
Gibt es Hinweise auf Terrorismus? Ja. Es könnte eine Verbindung zum IS bestehen. Auf einem Handy gebe es eine Anschlagsdrohung des Täters selbst als Video, sagte der bayerische Innenminister Herrmann. Der Täter kündige einen Racheakt gegen Deutsche an als Vergeltung, weil sie Muslime umbrächten. In einer ersten Übersetzung des arabischen Textes heiße es, der Täter handle im Namen Allahs.
Was ist über den Täter bekannt?

Der Tatverdächtige ist Syrer. Vor zwei Jahren hat er Asyl in Deutschland beantragt. Der Antrag wurde vor einem Jahr abgelehnt. Der Mann lebte mit einer Duldung in Ansbach. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft besteht der Verdacht einer Mitgliedschaft des Täters in der Terrormiliz Islamischer Staat.

Der Täter stand wegen seines psychischen Zustands unter Betreuung. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Schrotberger gab es ein Unterbringungsverfahren mit ärztlichen Stellungnahmen, wonach es depressive Episoden gab. Der Mann soll mehrere Suizidversuche hinter sich haben. Es gebe entsprechende Merkmale an den Armen.

Was ist über sein Motiv bekannt? Noch nichts.

München:  Es war ein Amoklauf

Screenshot von einem Video, das einen möglichen Täter bei der Schießere in München zeigt.

Screenshot von einem Video, das einen möglichen Täter bei der Schießerei in München zeigt.

 
Was ist passiert? Bei einem Attentat am Freitagabend (22. Juli) im Olympia-Einkaufszentrum kommen neun Menschen ums Leben, darunter auch viele Jugendliche. Der Attentäter erschießt sich selbst.
Gibt es Hinweise auf Terrorismus? Nein. Die Polizei geht von einem Amoklauf aus. Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem IS gibt es nicht. Im Gegenteil: Der 18-Jährige war Fan des rechtsextremen Massenmörders Anders Behring Breivik. Der Amoklauf fand am fünften Jahrestag des Anschlags von Utøya statt.
Was ist über den Täter bekannt? Der 18-Jährige wurde in München geboren, besitzt aber neben der deutschen auch die iranische Staatsbürgerschaft. Er war der Polizei im Vorfeld nicht bekannt. Bei der Wohnungsdurchsuchung fanden die Ermittler Behandlungsunterlagen zu einer psychischen Erkrankung des Amokläufers und Medikamente. Der Schüler sei zwei Monate in stationärer Behandlung gewesen, habe unter „sozialen Phobien“ und Depressionen gelitten. Der Täter habe sich laut Polizei seit einem Jahr auf seine Tat vorbereitet. Er habe auch Winnenden besucht, den Ort eines früheren Amoklaufs. Dort habe er Bilder gemacht.
Was ist über sein Motiv bekannt? Das genaue Motiv des Deutsch-Iraners ist unklar.

Reutlingen: Kein Zusammenhang zwischen Herkunft und Tat

Viele Menschen haben den Angriff mitbekommen.

Viele Menschen haben den Angriff mitbekommen.

Foto: dpa
 
Was ist passiert? Passanten sehen in Reutlingen am Sonntag (24. Juli), wie ein Mann mit einem Dönermesser bewaffnet eine Frau tötet und auf mehrere Menschen losgeht. Auf seiner Flucht rennt er in ein Fahrzeug und wird schwer verletzt.
Gibt es Hinweise auf Terrorismus? Nein. Die Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer erklärte: „In Reutlingen liegt kein Staatsschutzdelikt vor.“ Einen Zusammenhang zwischen der Herkunft des Mannes und der Tat sehen die Ermittler nach eigenen Angaben nicht.
Was ist über den Täter bekannt? Der 21-Jährige kommt aus Syrien und ist als Asylbewerber nach Deutschland gekommen. Er war der Polizei bekannt – wegen Körperverletzung, Diebstahls und Drogenbesitzes. Er soll psychische Probleme haben.
Was ist über sein Motiv bekannt? Das Motiv der Bluttat ist laut Polizei noch unbekannt. Die Polizei geht aber von einer Beziehungstat aus. Berichte über eine Schwangerschaft des Opfers bestätigte sie allerdings nicht. Laut Polizei haben der Täter und die getötete Frau monatelang in einem Imbiss zusammengearbeitet. Die 45-jährige Polin und der Syrer sollen auch privat Kontakt gehabt haben.

Ist es denn Zufall, dass es in so kurzer Zeit zu so viel Gewalt kommt?

Die zeitliche Nähe der jüngsten Gewalttaten ist nach Einschätzung des Psychologen Jens Hoffmann für einen psychologischen Experten kein Zufall. „Leute in einer psychischen Krise, die schon länger über eine solche Tat nachdenken, sehen den großen Effekt und sagen sich: jetzt mache ich das auch“, sagte Jens Hoffmann vom Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt am Montag. „Diese Dynamik der individuellen Radikalisierung hat eine neue Qualität.“ Schließlich sei nach bisherigen Erkenntnissen keiner der Täter in professionelle terroristische Netzwerke oder Ähnliches eingebunden gewesen.

(mit dpa)

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erstellt am 25.Jul.2016 | 17:29 Uhr

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