zur Navigation springen

Politik

29. September 2016 | 17:15 Uhr

Möglicher Test einer Wasserstoffbombe : UN-Sicherheitsrat droht Nordkorea mit neuen Sanktionen

vom
Aus der Onlineredaktion

Nordkorea provoziert die internationale Gemeinschaft: Das isolierte Land meldet den ersten Test einer Wasserstoffbombe. Experten bezweifeln dies. Der Sicherheitsrat zeigt sich besorgt.

New York | War es eine Wasserstoffbombe? Oder eine geboostete Spaltbombe? Experten rätseln über die Hintergründe des Atombombentests in Nordkorea. Das Regime erntet harsche Kritik. Dem Land drohen Nordkorea verschärfte Sanktionen durch die internationale Gemeinschaft. Der UN-Sicherheitsrat ziehe „weitere bedeutende Maßnahmen“ in Betracht und verurteile den Test scharf, sagte Urugays Präsident Elbio Rosselli, derzeit Vorsitzender des Rats, nach einer Dringlichkeitssitzung am Mittwoch.

Zwischen 2006 und 2013 hatte Nordkorea drei herkömmliche Atomtests unternommen, auf die der UN-Sicherheitsrat jeweils mit neuen Strafmaßnahmen reagiert hatte. Nordkorea droht dem Westen regelmäßig mit der Vernichtung. Sollten die Angaben Nordkoreas über den Test einer Wasserstoffbombe stimmen, hätte die Atomwaffenentwicklung des Landes eine neue Dimension erreicht.

Das weithin isolierte Nordkorea hat nach eigenen Angaben erstmals eine Wasserstoffbombe getestet. Der Test sei am Mittwochvormittag (Ortszeit) erfolgreich verlaufen, meldete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf das staatliche nordkoreanische Fernsehen. „Wir sind jetzt eine Atommacht, die ebenfalls eine Wasserstoffbombe hat“, hieß es demnach in der dort gesendeten Erklärung. Südkorea und Japan verurteilten den Test aufs Schärfste.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hatte im vergangenen Monat angedeutet, sein Land besitze eine Wasserstoffbombe. Die Angaben wurden in Südkorea zunächst angezweifelt. 

Kim Jong Un im Kreise seiner Offiziere.
Kim Jong Un im Kreise seiner Offiziere. Foto: Rodong Sinmun
 

Ein leichtes Erdbeben in der Nähe des Atomtestgeländes in Kilju im Nordosten Nordkoreas hatte im Ausland sofort Spekulationen um einen neuen Atomtest ausgelöst. Der Erdstoß erreichte nach unterschiedlichen Angaben von Erdbebeninformationszentren in Südkorea, China, den USA und Europa eine Stärke zwischen 4,9 und 5,2 auf der Richter-Skala.

Hintergrund: Wasserstoffbombe

Atombomben werden mit Plutonium oder Uran hergestellt. Bei einer Wasserstoffbombe (Kernfusionswaffe) verschmelzen unter anderem Deuterium und Tritium, schwere Isotope des Wasserstoffs, zu Helium. Ein Atomsprengsatz dient als Initialzündung für die Fusion. Ihre Sprengkraft ist um ein Vielfaches höher als die einer Atombombe.

Die Aktion verstößt gegen vier bestehende Resolutionen des UN-Sicherheitsrats. „Daher besteht weiterhin eine klare Bedrohung für die internationale Sicherheit“, sagte Rosselli. „Japan wird um eine neue, schnell anzunehmende und robuste Resolution bitten“, sagte Japans UN-Botschafter Motohide Yoshikawa in New York. Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Yukiya Amano, forderte Nordkorea auf, alle relevanten Resolutionen vollständig umzusetzen.

Südkoreanische Militärexperten halten es aber für unwahrscheinlich, dass Nordkorea eine voll entwickelte H-Bombe gezündet hat, wie ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Seoul sagte. Die Stärke der Explosion sei dafür zu schwach gewesen. Eine Wasserstoffbombe setzt Energie aus einer Kernverschmelzung frei. Als Zünder enthält sie eine Atombombe.

Auch die USA kamen nach einer ersten Analyse zu anderen Ergebnissen, wie Regierungssprecher Josh Earnest sagte. Man sehe keinen Grund, von einer veränderten Bewaffnung Nordkoreas auszugehen. Washington versicherte Südkorea, das Land gegen den nördlichen Nachbar nötigenfalls militärisch zu verteidigen.

Nach Angaben der Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen (CTBT) in Wien war die aktuelle Detonation ähnlich stark wie die vor drei Jahren. Stationen hätten eine Erschütterung der Stärke 4,9 gemessen, sagte der Chef-Datenanalyst der Organisation, Randy Bell. 

„Nach dem bisherigen Stand der Auswertung sprechen starke Indizien für eine Nuklearexplosion“, teilte auch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) mit, die von einer Stärke von 5,1 sprach. Das entspreche einer Sprengkraft von 14 Kilotonnen und somit in etwa der Stärke des Tests von 2013.

Das Verteidigungsministerium in Seoul vermutete, dass Nordkorea eine sogenannte geboostete Spaltbombe entwickelt haben könnte, eine Zwischenstufe auf dem Weg zur Entwicklung einer H-Bombe.

Reaktionen

 

Südkorea

Im benachbarten Südkorea rief Präsidentin Park Geun Hye ein Treffen des Nationalen Sicherheitsrats ein. Nordkoreas Atomtest sei eine Provokation und eine klare Verletzung von UN-Resolutionen, wurde Vizeaußenminister Lim Sung Nam von Yonhap zitiert.  In Japan sagte Ministerpräsident Shinzo Abe: „Das ist eine ernste Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes“. Der Atomtest sei absolut nicht hinnehmbar. Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo zitierte einen Regierungsbeamten, wonach Japan weitere Sanktionen gegen das Nachbarregime verhängen könnte.

Doch gab es in Südkorea auch Zweifel an den Angaben des nördlichen Nachbarn. Es sei möglich, dass das künstliche erzeugte Erdbeben nicht von einer Wasserstoffbombe ausgelöst worden sei, zitierte die nationale Nachrichtenagentur Yonhap einen Abgeordneten der Regierungspartei Saenuri. Dieser berief sich auf den Geheimdienst. Ob es tatsächlich ein Wasserstoffbombentest war, könne erst später bei Untersuchungen festgestellt werden, teilte Südkoreas Wetteramt mit.

China

Auch China hat den neuen nordkoreanischen Atomtest deutlich kritisiert. Die Sprecherin des Außenministeriums, Hua Chunying, forderte Nordkorea am Mittwoch in Peking auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und seine Atomwaffen aufzugeben.

Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua nannte den Atomversuch in einem Kommentar „höchst bedauerlich“ und einen „Verstoß gegen UN-Resolutionen“. Er sei ein „Schlag“ gegen den Prozess hin zu einer atomwaffenfreie koreanischen Halbinsel. Der Atomtest rücke eine Lösung für das Dilemma in der Region weiter in die Ferne. „Nordostasien in ein Pulverfass zu verwandeln, dient niemandem in der Nachbarschaft - auch nicht Nordkorea selbst.“

Die Staatsagentur zeigte aber auch Verständnis für das „tiefe Gefühl der Unsicherheit nach Jahren der Feindschaft durch die USA, deren Politik eines Schwenks nach Asien wie ein Muskelspiel erscheint“. Sicherheit und Frieden erforderten von allen Parteien, einseitige Schritte zu unterlassen, „die das Feuer anfachen und die Spannungen eskalieren, so dass sie außer Kontrolle geraten“.

Nur Dialog könne das Misstrauen beseitigen. Daher seien die seit 2009 eingefrorenen Sechs-Parteien-Gespräche mit Nordkorea, Südkorea, den USA, China, Japan, Russland „der einzig aussichtsreiche Weg aus dem regionalen Morast“, schrieb Xinhua.

Japan

In Japan sagte Ministerpräsident Shinzo Abe: „Das ist eine ernste Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes“. Der Atomtest sei absolut nicht hinnehmbar. Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo zitierte einen Regierungsbeamten, wonach Japan weitere Sanktionen gegen das Nachbarregime verhängen könnte.

Russland

Russlands erste Reaktionen auf Nordkoreas jüngsten Nukleartest fallen gelassen aus. „Eine direkte Bedrohung Russlands durch die Aktion Nordkoreas sehe ich nicht, wenn man unsere Beziehungen mit dem Land in Betracht zieht“, sagte Generaloberst Viktor Jessin am Mittwoch in Moskau. „Für die ganze Welt hingegen ist die Bedrohung real.“ Es gebe aber keine Beweise, dass es sich bei der von Nordkorea getesteten Waffe wie behauptet tatsächlich um eine Wasserstoffbombe handle, erklärte der Ex-Generalstabschef der strategischen Raketentruppen.

Der Dialog mit Nordkorea über sein Atomprogramm müsse fortgesetzt werden, sagte der Vorsitzende im Verteidigungsausschuss des Föderationsrates, Viktor Oserow. Dagegen könnte eine Verschärfung der Sanktionen Pjöngjang dazu treiben, noch mehr an seinen Atomwaffen zu arbeiten, sagte er der Agentur Interfax. Das größte Land der Erde hat mit dem totalitären Staat eine 19 Kilometer lange Grenze.

Frankreich und Großbritannien

Die Atommächte Frankreich und Großbritannien reagierten ebenfalls mit scharfer Kritik. Der Atomversuch sei „eine inakzeptable Verletzung von Beschlüssen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen“, hieß es in einer am Mittwoch vom Élyséepalast in Paris verbreiteten Mitteilung. Gleichzeitig forderte Frankreich eine deutliche Reaktion der internationalen Gemeinschaft, ohne dies näher zu beschreiben.

Die britische Regierung nannte den mutmaßlichen Atomversuch eine Provokation. „Wenn die Berichte über den nordkoreanischen H-Bomben-Test wahr sind, ist das ein schwerer Bruch der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats und eine Provokation, die ich ohne Einschränkung verurteilte“, twitterte Außenminister Philip Hammond am Mittwoch von China aus.

Deutschland

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat den mutmaßlichen Test „auf das allerschärfste“ verurteilt. „Nordkorea stellt sich gegen die Grundsätze der Völkergemeinschaft und gefährdet die regionale und internationale Sicherheit“, sagte Steinmeier nach Angaben seines Ministeriums am Mittwoch in Berlin. Zugleich ließ er den nordkoreanischen Botschafter in Berlin ins Auswärtige Amt einbestellen. Nach Einschätzung des Bundesaußenministeriums gibt es noch keine Sicherheit darüber, ob Nordkorea tatsächlich eine Wasserstoffbombe getestet hat. Dazu müssten noch Auswertungen von Messstationen abgewartet werden, sagte ein Sprecher.

 

zur Startseite

von
erstellt am 08.Jan.2016 | 08:20 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen