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Politik

05. Dezember 2016 | 09:35 Uhr

US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 : TV-Duell Clinton vs. Trump: Zu viele Details gegen zu viel Gepolter

vom

90 Minuten lang streiten Hillary Clinton und Donald Trump am Montagabend zur besten Sendezeit. Einen schwachen Auftritt darf sich keiner leisten.

Hempstead | Schwarze Vorhänge schlucken jeden Lichtstrahl. Nur die Bühne ist hell. An den Seiten erstrahlen zwei amerikanische Flaggen, in ihrer Mitte prangt ein Weißkopfseeadler. Weiße Sterne, blauer Teppich. Mehr Guckkasten als Arena. Da vorne werden sie stehen. Donald Trump auf der linken Seite, Hillary Clinton auf der rechten. Die Fernsehsender erwarten eine Rekordquote wie sonst nur beim Superbowl.

shz.de begleitet das möglicherweise richtungweisende Ereignis im US-Wahlkampf mit einem Liveblog.

Der Wahlkampf in den USA ist stark auf die Personen ausgerichtet. Daher wird er zwischen den Kontrahenten auch häufig persönlich ausgetragen. Wichtige Sachthemen geraten dabei in Vergessenheit und Wähler laufen Gefahr, in erster Linie nach Sympathiewerten zu stimmen. Zuletzt sorgteTrump für einige Spitzen über Clintons Gesundheit.

Die Anspannung ist greifbar, ein Moment wie das Knistern im Kino, bevor der Film beginnt. Es ist kühl, fast schon kalt, die Klimaanlage läuft seit Stunden, sie wird noch weiterlaufen, weil so viel technisches Gerät im Raum steht. Um die tausend Zuschauer haben Platz. Sonst wird hier, auf dem Campus der Hofstra University in Hempstead (New York), Basketball gespielt.

So bereitet sich Hillary Clinton vor

Während Trump noch bis Samstagabend im Wahlkampf aktiv bleibt, bereitet sich Clinton schon seit Tagen hinter verschlossenen Türen in ihrem Landhaus bei New York auf die Debatte vor. Sie studiert Fakten und Programme, schaut sich Videos an, die Stärken und Schwächen ihres Gegners offenbaren, und übt. Wer bei den Probedebatten den Trump gibt, verrät ihr Team nicht. Gerüchteweise soll es sich dabei gar um Hollywood-Star Alec Baldwin gehalten haben, was aber wohl eine Erfindung ist. Laut Medienberichten versuchen die Berater, sie auf Lockerheit auch bei Detailfragen zu trimmen. Ein wesentlicher strategischer Punkt könnte sein, Strategien zu finden, wie man Trump aus der Fassung bringen kann.

So bereitet sich Donald Trump vor

Der Republikaner lässt es dem Vernehmen nach locker und spontan angehen. Er schaut nur gelegentlich in die Briefing-Mappen, die ihm sein Wahlkampfteam zusammengestellt hat. 90 Minuten lang Sachfragen zu beantworten ist für ihn neues Terrain. Und Übungsdebatten sind Trump ein Graus, weil sie seiner Meinung nach zu viel von der Spontaneität wegnehmen. Er lehnt es ab, hinter einem Podium zu stehen, sondern tauscht lieber Ideen mit seinen Beratern aus. Diese trimmen ihn darauf, auf bestimmte Körpersprachen Clintons zu reagieren, um bei möglicehn Unsicherheiten der Kandidatin nachzuhaken.

Die Kandidaten haben sich vorbereitet, doch noch wird geprobt. Mitarbeiter aus Trumps Team prüfen Ton und Kamerawinkel. Ihre Blicke sind ernst, die Arme verschränkt. Draußen vor der Halle ziehen Kameramänner schweres Equipment hinter sich her. Die drei Debatten an diesem Montag in New York , am 9. Oktober in St. Louis, Missouri, und am 19.10 in Las Vegas, Nevada gelten als letzte gute Chance Trumps und Clintons, ein dreistelliges Millionenpublikum zu erreichen und Eindrücke zu zementieren.

Polizisten mit beigen Hüten beäugen jeden, der an ihnen vorbeigeht. Etliche Freiwillige in blauen T-Shirts wuseln durch die Gegend. Sarah Gerwens ist eine von ihnen. Die 20-Jährige stammt eigentlich aus Dortmund, studiert aber auf Long Island. Seit Sonntagnachmittag ist sie auf den Beinen. Mehrere Tausend Studenten haben sich um die Helferposten beworben, nur etwa dreihundert wurden genommen. „Es ist toll, dass hier auf dem Campus Politik gemacht wird“, sagt Gerwens. „Das ist eine Wahl, von der viel abhängt.“

Foto: dpa

Zwei Monate hatte die Universität Zeit, sich auf das Spektakel vorzubereiten. Im Juli bekam man die Zusage. Die ursprünglichen Veranstalter hatten abgesagt, Hofstra war am Zug. Schon in den vergangenen beiden Wahlkämpfen war die Hochschule Austragungsort für Debatten. Barack Obama traf hier 2008 auf John McCain, 2012 begegnete er am selben Ort Mitt Romney. Aber diesmal sei alles größer, sagt eine Mitarbeiterin.

Trump über Clinton: „Wo ist Hillary denn heute wieder? Angeblich übt sie für die Debatte. Aber manche sagen, sie schläft“.
Trump über Clinton: „Wo ist Hillary denn heute wieder? Angeblich übt sie für die Debatte. Aber manche sagen, sie schläft“. Foto: Jim Lo Scalzo

Clinton und Trump polarisieren. Die Achterbahnfahrt der vergangenen Wochen steuert auf ihren höchsten Punkt zu. Nach all den Umfragen, all dem Drama, all den Spekulationen kommt es zum ersten echten Schlagabtausch zwischen der Demokratin und dem Republikaner.

Clinton über Trump: „Ich werde versuchen zu verhindern, dass er die USA zerstört.“
Clinton über Trump: „Ich werde versuchen zu verhindern, dass er die USA zerstört.“ Foto: Jim Lo Scalzo

Klatschen ist tabu

Manche sprechen von der wichtigsten TV-Debatte in der Geschichte der USA. Andere vergleichen es mit den legendär gewordenen Boxkämpfen zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier. Um Punkt 21 Uhr Ortszeit (3 Uhr MESZ) könnten Millionen Menschen gleichzeitig vor den Bildschirmen sitzen. In Zeiten des Internets ist so etwas selten geworden. Kollektive Fernsehereignisse gibt es fast nur noch zu großen Sportwettkämpfen.

Das TV-Duell ist ein gigantisches Medienereignis. Auf dem Campus der Universität reiht sich ein Übertragungswagen an den nächsten. Mehr als tausend Journalisten sind vor Ort. In Sekundenschnelle werden sie das Gesagte zerlegen, sich die Einzeiler für die schnelle Verbreitung im Internet herauspicken. Eine Analyse in Echtzeit, milliardenfach multipliziert auf Handydisplays weltweit.

Die beiden Kandidaten auf der Bühne werden von alldem nichts mitbekommen. 90 Minuten lang sind sie auf sich allein gestellt. Der Moderator Lester Holt wird Clinton die erste Frage stellen, zwei Minuten darf sie sprechen, dann ist Trump an der Reihe. Anschließend sollen beide für zehn Minuten miteinander diskutieren. Dann kommt der nächste Block.

Trump wird nachgesagt, dass er die Stimmung in einem Raum sehr genau lesen kann. Wenn er merkt, dass er ein Publikum verliert, improvisiert er. Wenn ihm ein Satz besonders gut gefällt, dreht er sich einmal um die eigene Achse. Aber auf das Publikum kann er diesmal nicht setzen. Die Zuschauer im Saal müssen schweigen, Buhen und Klatschen sind tabu. Nur die Bühne ist erhellt.

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erstellt am 26.Sep.2016 | 13:18 Uhr

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