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Politik

10. Dezember 2016 | 11:52 Uhr

Abu Mohammed al-Adnani : Tod von IS-Propagandachef: Experten sehen Schwächung der Terrormiliz

vom

Die Terrormiliz Islamischer Staat verliert immer mehr Führungsmitglieder. Das könnte sich langfristig auf die Terrorgefahr auswirken.

Istanbul/Berlin | Der Tod von IS-Propagandachef Abu Mohammed al-Adnani bedeutet nach Expertenansicht eine deutliche Schwächung für die Extremisten. Al-Adnani habe an der Spitze einer kleinen Einheit gestanden, die Terroroperationen in der ganzen Welt geplant habe, unter anderem in Paris und Brüssel, sagte der Terror-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, Guido Steinberg. „Es ist eine wichtige Nachricht für Europa, dass der Chef dieser Einheit getötet wurde.“

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte am Dienstagabend im Internet erklärt, ihr Sprecher Al-Adnani sei in der nordsyrischen Provinz Aleppo als „Märtyrer“ ums Leben gekommen, als er Militäroperationen inspiziert habe. Weitere Einzelheiten zu den Umständen seines Todes nannten die Extremisten jedoch nicht.

Hintergrund: Die Terrormiliz Islamischer Staat

Im Sommer 2014 verkündete der jetzt getötete IS-Propagandachef Abu Mohammed al-Adnani die Errichtung eines „Kalifats“ mit IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi an der Spitze. Die Terrorgruppe war zuvor in den Wirren des Irak-Krieges entstanden und aus einem Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida hervorgegangen. Lange bekämpfte der IS-Vorläufer die US-Truppen im Land.

Der IS kontrolliert heute Teile des Iraks und Syriens. Dabei agiert die Miliz wie ein echter Staat, was sie von anderen Terrorgruppen unterscheidet. Die Extremisten sprechen Recht auf Grundlage einer radikalen Lesart der Scharia, der islamischen Rechtssprechung. Sie haben aber auch ein Kabinett mit zahlreichen Fachräten. Das Herrschaftsgebiet des IS ist in 18 Provinzen aufgeteilt.

Es gibt unterschiedliche Schätzungen, wie viele Kämpfer der IS hat und wie viele davon aus dem Ausland kommen. Mitglieder der Terrormiliz stammen aus arabischen Ländern und dabei vor allem aus Tunesien, Saudi-Arabien, Libyen, Jordanien und Marokko. Doch auch aus Europa - unter anderem aus Deutschland - schlossen sich Tausende dem IS an.

Der Terrorismusforscher Peter Neumann vom Londoner King's College meint, dass sich gegenwärtig noch die Hälfte der ehemals 30.000 ausländischen Dschihadisten in beiden Ländern aufhält.

 

Das US-Verteidigungsministerium teilte mit, Kräfte der US-geführten Koalition hätten am Dienstag einen „Präzisionsschlag“ gegen Al-Adnani verübt. „Wir bewerten noch die Folgen des Angriffs, aber Al-Adnanis Beseitigung vom Schlachtfeld würde einen weiteren erheblichen Schlag gegen Isil bedeuten“, sagte Pentagon-Sprecher Peter Cook, der die bei der US-Regierung übliche Bezeichnung Isil für den IS benutzte.

Al-Adnani gehörte zu den berüchtigtsten Namen der Dschihadisten. Bekannt wurde er durch Audiobotschaften im Internet, in denen er den Gegnern des IS mit Angriffen drohte. Al-Adnani war es auch, der im Sommer 2014 das „Kalifat“ des IS ausrief und den dessen Anführer Abu Bakr al-Bagdadi zum „Kalifen“ erklärte. Sympathisanten des Extremisten forderte er zu Attentaten als „einsame Wölfe“ auf.

Foto: dpa Infografik
 

Der irakische IS-Experte Hischam al-Haschimi erklärte, der Tod Al-Adnanis werde sich auf Operationen im Ausland, die Rekrutierung von Kämpfern und die Finanzierung auswirken. Geschwächt würden die Dschihadisten vor allem in Syrien, wo al-Adnani sich aufhielt.

Terror-Experte Steinberg erklärte weiter, der Verlust einer einzelnen Person sei zwar für den IS nicht entscheidend, seit 2014 seien jedoch zahlreiche Führungsmitglieder ums Leben gekommen. „Fast alle, die Rang und Namen hatten, wurden getötet“, sagte er. „Die Nachrücker haben nicht mehr das Format. Es herrscht offensichtlich ein Personalmangel.“

Die Terrorgefahr werde jedoch nur langfristig abnehmen, wenn noch mehr Anführer getötet würden. Wichtiger sei dabei der Verlust von Reisemöglichkeiten für IS-Anhänger, sagte Steinberg. „Dass der IS die nordsyrische Grenzstadt Dscharablus verloren hat, halte ich für einen großen Rückschlag.“ Die türkische Armee und syrische Rebellen hatten Dscharablus vor einer Woche unter Kontrolle gebracht.

Die USA hatten ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar (etwa 4,5 Millionen Euro) auf den Iraker Al-Adnani ausgesetzt. Er soll Ende der 1970er Jahre in Syrien geboren worden sein. Bereits nach dem Sturz des irakischen Langzeitherrschers Saddam Hussein im Jahr 2003 hatte er gegen die US-Soldaten im Land gekämpft.

Die sunnitischen Extremisten haben in den vergangenen Monaten bereits mehrere Anführer verloren. US-Verteidigungsminister Ashton Carter erklärte Ende März, der IS-Vize und Finanzchef Abdul Rahman Mustafa al-Kaduli sei bei einer Militäroperation getötet worden. Der unter seinem Kampfnamen „Omar der Tschetschene“ bekannte Tarkan Batiraschwili wurde rund 120 Kilometer südlich der nordirakischen Stadt Mossul getötet, wie das IS-Sprachrohr Amak im Juli mitteilte.

Getötete IS-Größen:

Abdul Rahman Mustafa al-Kaduli

Der Tod des IS-Vize und -Finanzchefs wurde von den USA im März nach einer Militäroperation bekanntgegeben. Fachleute sahen in dem wahrscheinlich 1957 in der nordirakischen Stadt Mossul geborenen Mann einen der wichtigsten Anführer und den künftigen Spitzenmann des IS. Er sei gut vernetzt und habe ein starkes Charisma, hieß es. Unter anderem soll er der Verbindungsmann zwischen IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi und regionalen Anführern gewesen sein. Die USA hatten ein Kopfgeld von sieben Millionen US-Dollar (6,3 Millionen Euro) auf den Terroristen ausgesetzt.

Tarkan Batiraschwili

Der als „Omar der Tschetschene“ bekannte Mann war nicht nur wegen seines roten Bartes einer der auffälligsten IS-Anführer. Der IS verkündete im Juli den Tod seines «Kriegsministers» bei Kämpfen südlich der Hochburg Mossul im Nordirak. Batiraschwili stammte aus Georgien und gehörte dem engsten Führungszirkel der Dschihadisten an. Der Islamische Staat benutzte seine markante Erscheinung auch für Propaganda in den IS-Medien.

Hadschi Mutas

Vor gut einem Jahr traf ein US-Luftangriff den Irak-Chef des IS. Auch bekannt unter dem Namen Abu Muslim al-Turkmani oder Fadhil Ahmad al-Hajali bekam er den Titel «Generalgouverneur» und zählte zu den Stellvertretern von IS-Chef Al-Bagdadi. Das ehemalige Mitglied der irakischen Baath-Partei und der Vertraute von Ex-Diktator Saddam Hussein war einst ein Geheimdienstler und saß im US-Gefangenenlager Camp Bucca im Südirak ein. Mutas hatte für die Terrormiliz eine hohe Bedeutung, weil er die lokalen Statthalter und IS-Gremien im Irak überwachte.

Unklares Schicksal - Denis Cuspert

Der Deutsch-Ghanaer, der sich 2014 dem IS anschloss, ist schon mehrfach totgesagt worden - zuletzt im Oktober vom Pentagon, das seine Angaben Monate später korrigierte. Einst posierte er als Rapper „Deso Dogg“ vor protzigen Autos in Berlin. 2012 setzte er sich aus Deutschland Richtung Ägypten ab und zog von dort aus weiter nach Syrien. Anfang 2015 setzten die USA den Deutschen auf ihre Terroristenliste.

Unklares Schicksal - Abu Bakr Al-Bagd Adi

Auch um den Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat gibt es immer wieder Gerüchte, er sei bei Angriffen getötet oder verletzt worden. Beweise blieben aber stets aus. Al-Bagdadi steht seit 2010 an der Spitze des IS, lenkt ihn aber im Verborgenen. Der IS-Chef ist fotoscheu, eine seltene Aufnahme soll ihn bei einem öffentlichen Auftritt im Juli 2014 in einer Moschee in Mossul zeigen, als er das „Islamische Kalifat“ ausrief und sich zum Führer erklärte.

 
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erstellt am 31.Aug.2016 | 17:08 Uhr

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