zur Navigation springen

Politik

09. Dezember 2016 | 08:48 Uhr

Prozessauftakt in London : Tod von Brexit-Gegnerin Jo Cox: Mutmaßlicher Mörder vor Gericht

vom

Am Montag hat der Prozess um den Mordanschlag auf die britische Abgeordnete Jo Cox begonnen – mit vielen offenen Fragen.

London | Es geschah eine Woche vor dem britischen Brexit-Votum. Ein Mord auf offener Straße, das Opfer eine junge Abgeordnete, der mutmaßliche Täter ein Arbeitsloser - der Tod von Jo Cox hat die Briten schockiert wie selten ein Ereignis.

Bei einem Referendum am 23. Juni hatten die Wähler des Vereinigten Königreichs in einer historischen Abstimmung für einen Austritt ihres Landes aus der EU gestimmt.

Jetzt muss sich der 53 Jahre alte Angeklagte Thomas M. vor dem Strafgericht Old Baileys in London verantworten. Es ist ein Prozess, der viele Fragen aufwirft. Cox kämpfte damals gegen den Brexit, trat für den Verbleib Großbritanniens in der EU ein.

Langsam und schleppend beginnt die Verhandlung an diesem Montag. Zunächst werden die Geschworenen bestimmt. Noch bevor die Anklage verlesen wird, steht fest: Die Staatsanwaltschaft geht von einer politisch motivierten Tat aus.

Dann wendet sich der Richter mit einer ungewöhnlichen Mahnung an die Jury: Die Geschworenen sollten davon absehen, über den Fall im Internet zu recherchieren, sie sollten kein Fernsehen zu dem Thema schauen, nichts in Zeitungen lesen. Der Richter weiß: Die Spekulationen blühen.

<p>Die Familie von Jo Cox vor dem Prozessauftakt in London. Foto: dpa</p>

Die Familie von Jo Cox vor dem Prozessauftakt in London. Foto: dpa

Blick zurück: Es herrschte eine aufgeheizte, eine aggressive Stimmung vor dem Brexit-Votum in Großbritannien. Aus der EU austreten oder drinbleiben? - lange nicht mehr hatte ein politisches Thema die ansonsten eher unterkühlten Briten derart in Wallung gebracht. Und es waren nicht nur die Politiker wie die Populisten Nigel Farage und Boris Johnson, die an der Überhitzung beteiligt waren. Auch die Medien spielten mit.

„Wenn man zuviel Gift in unsere Politik injiziert, wird jemand krank“, kommentierte der „Guardian“ damals. Zuerst hinter vorgehaltener Hand, doch dann immer offener wurde der Verdacht geäußert, dass das Klima, der aus den Fugen geratene Wahlkampf Mitschuld an dem Verbrechen trägt.

Immerhin, „Britain First“ („Großbritannien zuerst“) soll Thomas M. gerufen haben, als er am 16. Juni auf Cox zutrat. Er hatte zwei Waffen bei sich, gab mehrere Schüsse ab und stach mit einem Messer auf die wehrlose Frau ein. „Britain First“ - war das bereits ein politisches Motiv des Täters?

Reichlich verwirrt klangen dann allerdings die ersten Sätze, die der Angeklagte vor dem Gericht von sich gab. „Tod den Verrätern, Freiheit für Großbritannien“, sagte er bei einer Anhörung kurz nach der Mordtat. War das politisch - oder einfach die Worte eines Wirrkopfs, der unverstandene politische Parolen vor sich herträgt?

Der Schock nach dem Verbrechen saß tief, führende britische Politiker wie der damalige Premierminister David Cameron und Oppositionschef Jeremy Corbyn setzten sich für eine Mäßigung des politischen Umgangstons ein. „Sie betrachtete die Welt als eine Welt von Nachbarn und glaubte daran, dass jedes Leben gleich zählt“, sagte Corbyn anlässlich der Beerdigung der Toten.

Zeitweise gingen in jenen bewegten Juni-Tagen gar Spekulationen in Großbritannien um, der Tod der Abgeordneten könnte den Ausgang des Referendums beeinflussen. Laut Umfragen stand es damals auf des Messers Schneide, mit leichten Vorteilen für das Austrittslager. Der Verdacht kam auf, dass das Verbrechen dem EU-freundlichen Lager in die Hände spielen könnte. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Eine Woche nach dem Tod von Jo Cox votierten fast 52 Prozent der Briten dafür, aus der EU auszutreten.

zur Startseite

von
erstellt am 14.Nov.2016 | 16:16 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert