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Politik

08. Dezember 2016 | 01:08 Uhr

Neuer Chefstratege unter Donald Trump : Stephen Bannon – der Brandstifter am rechten Rand

vom

Wer Donald Trump verstehen will, muss sich mit Stephen Bannon (62) befassen. Der Vordenker der Neo-Nationalisten zieht als Chefstratege ins Weiße Haus. Er bringt einen Plan mit, der Amerika fundamental veränderte.

Washington | Stephen Bannon residiert nur einen Steinwurf weit vom Supreme Court entfernt auf dem Capitol Hill. Im Keller seines Anwesens, das er ganz im Kolonialstil der Tage Abraham Lincolns dekoriert hat, beherbergt Bannon die „Breitbart Embassy“. So nennt der leicht untersetzte Mann mit wallendem Mittelscheitel, Designerbrille und offenem Hemd den Arbeitsraum, von dem aus seine „Walküren“ (Redakteurinnen) und „Bulldogs“ (Redakteure) die anti-globalistische „Weltrevolution“ vorantreiben.  

Lange bevor der „Brexit“ in Großbritannien oder die Wahl einer Figur wie Donald Trump in den USA möglich schienen, schwebte Bannon schon so etwas wie ein „globale Tea-Party-Bewegung“ vor.

Für ihn verkörpern die britischen Rechtspopulisten der UKIP, die französische „Front National“, die „Alternative für Deutschland“, die schweizerische „SVP“, die österreichische FPÖ oder die niederländische „Freiheitspartei“ nationale Ausprägungen des Aufstands gegen die Eliten der Globalisierung. 

Bannon entfaltete seine Weltsicht 2014 bei einem Forum des „Human Dignity Instituts“ im Vatikan, dessen an „Buzzfeed“ geleaktes Transkript den Schlüssel zum Verständnis des Mannes liefert, der ab Januar im Weißen Haus die Strippen zieht.   

„Das zentrale Anliegen, das all diese Mitte-Rechts-populistischen Bewegungen verbindet“, erklärt Bannon den Konferenzteilnehmern, sei die „Sammlung der arbeitenden Männer und Frauen in der Welt, die müde sind, von der 'Davos'-Lobby herumkommandiert zu werden“. Die Leute spürten, wie sie entmündigt würden, und lehnten sich überall gegen zentralisierte Regierungen und supranationale Gebilde wie die Europäische Union auf. 

Bannons Antwort darauf ist ein Neo-Nationalismus, der sich auf traditionelle Werte zurückbesinnt und der Globalisierung Grenzen setzt. „Starke Länder und starke nationalistische Bewegungen machen starke Nachbarn“.

Dieses Credo entwickelte Bannon paradoxer Weise zu einem globalen Geschäftsmodell für das „Breitbart“-Imperium, das heute schon Büros in Jerusalem und London unterhält und sehr bald auch nach Berlin und Paris expandieren will. Mit derselben Stoßrichtung: die etablierten Parteien vor sich herzutreiben.      

Bannon entdeckte sehr früh eine Seelen-Verwandschaft zu Trump, den er als idealen Botschafter des Neo-Nationalismus ausmachte. „Breitbart“ unterstützte den Kandidaten bereits zu einem Zeitpunkt als sich die meisten anderen Medien noch über den blondierten Milliardär lustig machten. Im August wechselte er aus den Kellerräumen seines Hauses auf dem Capitol Hill an die Spitze des Wahlkampfteams Trumps.

Bannon ist ein Tausendsassa, der sich in seinem Leben immer wieder neu erfunden hat. Nach seinem Dienst in der Navy verdiente er sich einen Abschluss in nationaler Sicherheit an der renommierten Georgetown-Universität. Abrupt wechselte er die Karriere und schaffte es an der Harvard Business School aufgenommen zu werden. 

Er heuerte bei Goldman-Sachs an und verdiente sich während des Übernahmebooms in den 80er Jahren eine goldene Nase. Das Geld investierte er in Medienunternehmen in Hollywood. Dann entdeckte er den Filmemacher in sich. Bannon drehte plakative Streifen wie „In the Face of Evil“, eine Lobhudelei auf Sarah Palin („The Undefeated“) und mit „Battle for America“ eine Homage an die Tea Party.

In Los Angeles freundete er sich mit Andrew Breitbart an. Eine schillernde Figur und Provokateur, der das Establishment wie er selber zu seinem Feind erklärt hatte. Bannon half ihm finanziell, den Traum einer Plattform für die neue Rechte zu realisieren. Nach dessen plötzlichen Herztod im Alter von nur 43 Jahren übernahm Bannon 2012 die alleinige Führung der Medienorganisation.  

„Unsere Vision bestand immer darin, eine globale Nachrichtenseite aufzubauen, die Mitte-rechts, populistisch und gegen das Establishment ist“, erklärt Bannon die Stoßrichtung der Plattform, die eine Art Sammelbecken verschiedener rechter Strömungen ist. Mediale Heimat von „Tea-Party“-Anhängern, Nativisten, Libertären, Erz-Konservativen, Populisten und Nationalisten. 

Kritiker halten Bannon vor, mit Breitbart auch weiße Nationalisten und Rassisten zu bedienen, die sich im Dunstkreis des Führers der „alternativen Rechten“, Richard Spencer, bewegen. Dessen „National Policy Institute“ lobte den Wahlsieg Trumps vergangene Woche bei einer Konferenz im Ronald-Reagan-Building als Durchbruch in den Mainstream.   

Der künftige Präsident sah sich genötigt, in einem Interview mit der New York Times Abstand zu den Rechtsaußen zu suchen, die seinen Einzug ins Weiße Haus mit Führergruß und „Heil Sieg“ feierten.  

Auch Bannon äußerte sich zu dem Vorwurf, er habe mit Breitbart, wie er in einem Interview im August noch sagte, „der Alt-Right-Bewegung“ eine Auftrittsfläche gegeben. Ausdrücklich widersprach er, selber ein „weißer Nationalist“ zu sein. „Ich bin ein Wirtschafts-Nationalist“, erklärt Bannon dem Wall Street Journal. „Und ich bin mir sicher, dass sich ethno-nationalistische Bewegungen, wie die in Europa, über die Zeit ändern werden.“

Analysten raten, saubere Begrifflichkeit zu gebrauchen, um das globale Phänomen rechter Anti-Establishment-Bewegungen zu beschreiben. Die Arbeiten der Politologen Pippa Norris und Ronald Ingleharts helfen, den Trend besser zu verstehen. Es seien vor allem die kulturelle Ängste von Gruppen, wie älteren weißen Männern, die einst die Mehrheiten in westlichen Gesellschaften dominierten „und nun um ihre Vorherrschaft und Privilegien fürchten“, die Populisten Auftrieb verliehen. 

Deshalb spielt das Thema Einwanderung so eine große Rolle in den USA, obwohl Netto seit Jahren beispielsweise mehr Mexikaner das Land verlassen als kommen. Das andere Bindeglied ist ein radikaler Anti-Islamismus, der auch Trumps auserkorenem Chefstrategen zueigen ist.

„Wir erleben gerade das Frühstadium eines globalen Kriegs gegen den islamischen Faschismus“, führte Bannon seine Weltsicht offen vor der Vatikan-Konferenz aus. Dagegen müssten sich die USA mit anderen Ländern zusammenschließen. Vorübergehend auch mit Russland, das dieses Ziel teile. „Ich denke wir sollten einen sehr, sehr, sehr aggressiven Kurs gegen den radikalen Islam verfolgen.“   

Wenn Stephen Bannon vom Capitol Hill ins Weiße Haus umzieht, findet er in dem Nationalen Sicherheitsberater Michael Flynn, dem designierten Justizminister Jeff Sessions und dem Präsidenten selbst Partner, die diese düstere Vision teilen.  

Ein Brandstifter ist die graue Eminenz im Weiße Haus allemal. „Wenn sie eine Explosion oder ein Feuer sehen“, sagt Matthew Boyle über seinen früheren Chef bei Breitbart, „dann dürfte Steve nicht weit davon entfernt mit Streichhölzern gezündelt haben.“

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erstellt am 26.Nov.2016 | 16:54 Uhr

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