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Politik

08. Dezember 2016 | 23:18 Uhr

Syrer festgenommen : Sprengstoff in Chemnitz gefunden: Was wir bislang wissen – und was nicht

vom

In einer Wohnung fanden die Beamten Hunderte Gramm explosiven Materials. Ein 22-jähriger Syrer wurde festgenommen.

Chemnitz | Terroralarm in Sachsen: Bei der Durchsuchung einer Wohnung in Chemnitz wegen eines geplanten Bombenanschlags hat die Polizei mehrere Hundert Gramm Sprengstoff gefunden. Ein Verdächtiger, ein 22-jähriger Syrer, war auf der Flucht und wurde am Montag festgenommen. Doch was genau hinter dem Sprengstofffund und der anschließenden Flucht steckt, ist noch unklar.

Was wir wissen

Was ist über Al-Bakr bekannt?

Hauptverdächtiger ist der Syrer Dschaber al-Bakr, geboren am 10. Januar 1994 in Sasa, einem Ort südlich von Damaskus. Der mutmaßliche Islamist wurde schon länger vom Verfassungsschutz beobachtet, zu ihm lagen „Erkenntnisse“ vor.

Als eine Wohnung in Chemnitz von der Polizei durchsucht wurde, floh er. Das Landeskriminalamt schrieb den 22-jährigen Syrer daraufhin bundesweit öffentlich zur Fahndung aus.

Dschaber Al-Bakr wurde von der Polizei gesucht.

Foto:Polizei Sachsen

Wie eine Sprecherin des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen in Dresden am Sonntag bestätigte, kam Dschaber al-Bakr als Flüchtling nach Deutschland. Der 22-Jährige wurde demnach am 19. Februar 2015 in München als Flüchtling registriert und einen Tag später nach Chemnitz gebracht. Im Februar 2015 habe er einen Asylantrag gestellt und später eine befristete Anerkennung auf drei Jahre erhalten.

Al-Bakr konnte in der Nacht zum Montag im Leipziger Plattenbauviertel Paunsdorf gefasst werden - in der Wohnung eines Landsmannes. Den hat er nach Medienberichten am Hauptbahnhof angesprochen und gefragt, ob er bei ihm schlafen könnte. Der Syrer lud ihn zu sich nach Hause ein und informierte die Polizei, nachdem er von der Fahndung gehört hatte. Die Polizisten konnten Al-Bakr dann schon gefesselt in der Wohnung festnehmen. Die Èrmittlungen wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe übernommen. Sie geht von einem islamistischen Motiv des Hauptverdächtigen aus.

Gibt es weitere Verdächtige?

Die Polizei hat am 8. September drei mutmaßliche Kontaktmänner von Dschaber Al-Bakr festgenommen. Zwei von ihnen wurden am Hauptbahnhof gefasst, einer in der Plattenbausiedlung.

Der Hauptbahnhof wurde teilweise gesperrt. Ein Spezialroboter untersuchte dort am Sonntag auf einem Gleis einen roten Koffer, den die Verdächtigen bei sich hatten.

Ein ferngesteuerten Roboter zur Bombenentschärfung hebt einen roten Koffer an.

Foto:dpa

Die drei als mögliche Komplizen festgenommenen Bekannten des terrorverdächtigen Syrers wurden am Sonntag dem Haftrichter vorgeführt. Zwei von ihnen wurden wieder freigelassen.

Bei dem dritten Syrer besteht nach Angaben der Polizei vom Sonntag der Verdacht einer Mittäterschaft. Es soll sich um den Mieter der Chemnitzer Wohnung handeln, in der der Sprengstoff gefunden wurde. Gegen Kalil A. wurde Haftbefehl wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat (Paragraf 89a StGB) erlassen. Der 33-Jährige war am 25. November 2015 über Nordrhein Westfalen nach Deutschland eingereist. Am 29. März 2016 habe er seine Aufenthaltserlaubnis erhalten, im Juli sei er nach Chemnitz gezogen.

Befragt wurde ein weiterer Mann, der Kontakt zu dem gesuchten Syrer gehabt haben soll. Das Spezialeinsatzkommando hatte seine Wohnung im Chemnitzer Yorckviertel gestürmt.

Was weiß man über den Sprengstoff?

Bei dem Sprengstoff handelt es sich laut LKA um ein Gemisch verschiedener Substanzen, gefährlicher als der bekannte TNT.

Die Polizei hat den Sprengstoff in Erdlöchern nahe der Wohnsiedlung in Chemnitz gezielt gesprengt.

Spezialisten der Polizei ließen den gefundenen Sprengstoff in extra ausgehobenen Löchern kontrolliert detonieren. Polizei Sachsen/dpa

 

Wie sind die Ermittler dem Syrer auf die Schliche gekommen?

Der Hinweis auf die später vom Spezialeinsatzkommando gestürmte Wohnung kam am Freitag vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Der 22-Jährige soll sich in der Wohnung aufgehalten und einen Bombenanschlag vorbereitet haben.

Gibt es einen terroristischen Hintergrund?

Die Deutsche Presse-Agentur erfuhr aus Sicherheitskreisen, dass es einen Zusammenhang mit der Terrormiliz „Islamischer Staat“ gibt.

Zur Motivation des Syrers wollte sich der LKA-Sprecher nicht äußern. Die Vermutung eines islamistischen Hintergrundes liege bei der Herkunft des Verdächtigen zwar nahe, sagte er. Die Polizei werde sich dazu aber erst äußern, wenn es belastbare Fakten gebe.

Gab es eine Explosion in Chemnitz?

Eine Explosion am Samstagittag schreckte viele Anwohner auf, aber das Landeskriminalamt (LKA) gab kurz darauf Entwarnung. Es war nur das Spezialeinsatzkommando, das die Tür zu einer verdächtigen Wohnung mit Gewalt öffnen musste.

Wo wurde der Sprengstoff gefunden?

Der Polizeieinsatz begann in einer Wohnung im Fritz-Heckert-Wohngebiet. Das befindet sich im Südwesten der Industriestadt wenige Kilometer östlich der Autobahn A72.

 

In dem typischen Neubaugebiet der DDR-Zeit sind die Wohnblocks saniert und gepflegt. „Es ist kein sozialer Brennpunkt“, sagt eine Polizeisprecherin. In den fünfstöckigen Häusern lebten Menschen aller gesellschaftlichen Schichten, von der Oma bis zum Flüchtling.

Was wir noch nicht wissen

 

In den vergangenen Jahren wurden mehrere islamistische Sprengstoffanschläge in Deutschland vereitelt.

Aufsehenerregende vereitelte Sprengstoffanschläge

September 2007: Die islamistische Sauerland-Gruppe wird gefasst. Die vier Mitglieder werden wegen geplanter Terroranschläge auf Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen in Deutschland zu mehrjährige Freiheitsstrafen verurteilt.

April 2011: Ermittler nehmen in Düsseldorf drei mutmaßliche Al-Kaida-Mitglieder fest, die einen Sprengstoffanschlag in Deutschland geplant hatten. Im Dezember 2011 wird ein vierter Verdächtiger gefasst. Die Männer müssen mehrere Jahre ins Gefängnis.

Februar 2016: Die Polizei kommt einer mutmaßlichen Terrorzelle auf die Schliche und schlägt gleichzeitig in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zu. Die vier Verdächtigen hatten womöglich einen Anschlag in Berlin geplant.

Juni 2016: Spezialkräfte der Polizei nehmen drei mutmaßliche Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Brandenburg fest. Sie sollen einen Anschlag in der Düsseldorfer Altstadt geplant haben.

September 2016: Ein 16-jähriger Flüchtling aus Syrien wird von der Polizei in Köln festgenommen. Laut den Ermittlern hatte er einen Sprengstoffanschlag geplant und von einem Chatpartner im Ausland Anweisungen zum Bombenbau erhalten.

 
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erstellt am 10.10.2016 | 11:08 Uhr

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