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Politik

08. Dezember 2016 | 19:20 Uhr

Schleswig-Holstein und Deutschland : So ungerecht sind die Abi-Noten im Bundesvergleich

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Abi-Noten schwanken von Land zu Land stark. Schleswig-Holstein schneidet eher schlecht ab - und viele finden das unfair.

Das „Abi 2016“ ist abgehakt. Nimmt man den Notendurchschnitt, dann waren Thüringer und Bayern erneut viel klüger als Schleswig-Holsteiner. Experten wie der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, klagen: Die von Land zu Land unterschiedliche Reifeprüfung hat ein Gerechtigkeitsproblem. Meidinger fordert angesichts der auseinanderklaffenden Ergebnisse der Abitur-Prüfungen die Bundesländer zu verstärkten Reformen auf.

Der gefühlte Druck auf die Schulabgänger wächst - aus diesem Grund wollen wohl alle Eltern, dass ihre Kinder möglichst gut in der Schule abschneiden. Doch über die Aussagefähigkeit der Noten gibt es schon lange Streit. Schwierig wird es dann, wenn über die Studienplätze entschieden wird.

Immerhin: 2017 soll es ein bisschen gerechter zugehen. Alle 16 Bundesländer greifen dann für Teile ihrer Abituraufgaben aus einem von der Kultusministerkonferenz bereitgestellten Aufgabenpool zurück, sagt Schleswig-Holsteins Ressortchefin Britta Ernst. Dies betreffe die Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch. Gemeinsam mit Hamburg, Sachsen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern hatte Schleswig-Holstein diesen Weg bereits eingeschlagen.

Bundesland Abi-Durchschnitt 2016 Abi-Durchschnitt 2015
Thüringen 2,18 2,16
Sachsen 2,29 2,3
Bayern 2,3 2,3
Brandenburg 2,3 2,3
Mecklenburg-Vorpommern 2,3 2,3
Sachsen-Anhalt 2,38 2,38
Saarland 2,4 2,38
Baden-Württemberg*' 2,4 2,46
Berlin 2,4 2,4
Hamburg* 2,42 2,43
Hessen* 2,43 2,43
Bremen* 2,45 2,46
Nordrhein-Westfalen 2,45 2,47
Schleswig-Holstein 2,5 2,52
Rheinland-Pfalz* 2,52 2,54
Niedersachsen 2,58 2,59

*Zahlen für 2016 liegen nicht vor, Vergleich von 2015 und 2014.

Meidinger dagegen hält den Aufgabenpool ebenso wie sein schleswig-holsteinischer Amtskollege Helmut Siegmon für viel zu klein, um wirklich von einer Gleichwertigkeit des Abiturs zu sprechen. Dabei wäre die „Uneinheitlichkeit kein Problem, wenn es den Numerus Clausus für viele begehrte Studienfächer nicht gäbe“, sagt Meidinger. Dabei werde eben nicht unterschieden, ob das Abitur aus Thüringen oder aus Schleswig-Holstein komme. Einspruch kommt von Bildungsministerin Ernst. Bei der zentralen Studienplatzvergabe gebe es Landesquoten. Die Sorge, dass Abiturienten aus dem Norden benachteiligt würden, sei unberechtigt.

Ein Blick auf den Abitur-Jahrgang 2016 bestätigt: Die Ergebnisse werden seit Jahren fast überall besser. Am stärksten war der Sprung in Berlin, wo das Notenmittel von 2,68 (2006) auf 2,40 (2016) sank. In Schleswig-Holstein fiel es von 2,63 auf 2,50, in Thüringen von 2,33 auf 2,18. Auch die Quote der Abiturnoten mit einer Eins vor dem Komma wächst. Meidinger kritisiert diese Entwicklung als „Wettlauf um die besten Noten“, die über eine Studierbefähigung nichts mehr aussagten.


Das Abi wird abgewertet - und berufliche Ausbildungen hätten mehr Anerkennung verdient, kommentiert Peter Höver:

Deutschland, einig Bildungsland? Von wegen. Wer in Thüringen sein Abitur macht, dessen Chance ist etwa doppelt so hoch wie in Schleswig-Holstein, mit einem Einser-Schnitt durchs Ziel zu gehen. Eine Frage der Intelligenz? Mitnichten! Eine Frage der Ungerechtigkeit, wenn es um den Hochschulzugang für Numerus-Clausus-Fächer geht? Dies auf jeden Fall. Wer schlechter abschneidet, guckt bei seinem favorisierten Studienplatz spätestens dann in die Röhre, wenn die Länderquote ausgeschöpft ist.

Immerhin, im kommenden Jahr soll es ein bisschen besser werden und vielleicht auch gerechter. Die Konferenz der Kultusminister hat einen gemeinsamen Aufgabenpool für die Prüfungen entwickelt. Allerdings nur in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französich. Schleswig-Holstein hat das mit fünf anderen Bundesländern schon versucht. Wirklich vergleichbar werden die Abiturnoten auch danach nicht sein. Welches Bundesland nämlich wird im Wettlauf um die höchste Abiturientenquote mit dem möglichst besten Notendurchschnitt schon klein beigeben?

Nun ist Wettbewerb, und zwar auch im Bildungswesen, nichts Negatives. Stutzig machen sollte aber, dass inzwischen über 50 Prozent eines Jahrganges das Abitur macht und der Notendurchschnitt der Prüflinge seit Jahren kontinuierlich besser geworden ist – als ob die Menschen so viel klüger wären. Kritiker sehen darin eher einen Trend zur Entwertung des Abiturs. Den wird die Kultusministerkonferenz auch durch eine Vereinheitlichung der Prüfungen weder aufhalten können noch wird sie ihn aufhalten wollen.

Dahinter steckt ein von Teilen der Wirtschaft nicht zu Unrecht beklagter „Akademinisierungswahn “. Als wenn Abitur und Studium mehr wert seien als eine berufliche Ausbildung. Letztere hätte mehr gesellschaftliche Anerkennung verdient, als dies der Fall ist.

Eine Übersicht über die Schulen, die die besten Abiturienten Schleswig-Holsteins besucht haben, finden Sie hier.

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von
erstellt am 28.Jul.2016 | 16:26 Uhr

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