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Politik

03. Dezember 2016 | 20:40 Uhr

Bundestagswahl 2017 : Sigmar Gabriel erklärt Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten – und jetzt?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Olaf Scholz schweigt zur Sache. Wie wird er entscheiden? Eine Analyse.

Hamburg | Hamburgs SPD-Strategen sind in heller Aufregung. Was soll Bürgermeister Olaf Scholz jetzt all den fragenden und feixenden Beobachtern sagen? Was soll der SPD-Bundesvize darauf entgegnen, dass ihn sein Parteichef Sigmar Gabriel aus knapp 400 Kilometer Entfernung in der Duisburger Mercatorhalle mal eben so in aller Öffentlichkeit zum möglichen Kanzlerkandidaten erklärt hat?

Angela Merkel strebt eine vierte Amtszeit an. Die SPD hat noch keinen Kandidaten gekürt – spekuliert wird über Sigmar Gabriel und Martin Schulz. Die CDU liegt klar vor der SPD. Für den zukünftigen SPD-Kandidaten wird es ein schwerer Kampf.

Eigentlich bleiben Scholz nur zwei Möglichkeiten, welche für seine Berater aber beide im Grunde nicht infrage kommen. Entweder pflichtet Scholz – ganz Parteisoldat – seinem Vorsitzenden bei und straft damit all seine bisherigen Dementis zu einem Wechsel von Hamburg nach Berlin Lügen. Oder aber er bleibt mit einem neuerlichen „Nein“ seiner Linie treu und düpiert damit den SPD-Chef.

Gabriel, bekannt für seine manchmal unberechenbaren Auftritte, habe sich doch die vergangenen Wochen so schön am Riemen gerissen, stöhnen Scholz’ Vertraute. Und jetzt das: In launigem Ton verkündet Gabriel beim Unterbezirk Duisburg, er fände es ungerecht, dass Journalisten bei der SPD-Kanzlerkandidatenfrage immer nur ihn und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz erwähnten. „Die vergessen, dass wir noch einen Dritten im Bunde haben, Olaf Scholz.“ Und als ob das noch nicht reichte, schiebt er nach: „Wenn du drei in der Partei hast, geht’s dir noch besser als der CDU, die haben nur einen.“

In Hamburg fragt sich das Umfeld von Scholz jetzt irritiert, was Gabriel nur geritten haben mag, ohne Not so ein Ding rauszuhauen. Der Fahrplan zur Kandidatenkür bei der SPD sei doch klar. Entschieden werde im Januar. Und den ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur der SPD habe Gabriel selbst. Wenn er nicht wolle, käme als Alternative Schulz in Betracht. Schließlich hat dieser bereits seinen Wechsel von Brüssel nach Nordrhein-Westfalen bekannt gegeben, um dort auf Platz eins der SPD-Landesliste um ein Bundestagsmandat zu kämpfen. Nun auch noch den Hamburger SPD-Vorsitzenden und Ersten Bürgermeister ins Spiel zu bringen, sei nicht sonderlich glücklich. (Eine Übersicht über die möglichen Kanzlerkandidaten der SPD finden Sie übrigens hier).

Zumal Scholz ganz andere Pläne hat. Auch wenn er auf Traumwerte in der Beliebtheit bei seinen Bürgern verweisen kann. Seine traditionell konservativ ausgelegte Hamburger SPD steht derzeit in Umfragen mit 48 Prozent mehr als doppelt so gut da wie die Bundes-SPD. Damit kommt für den früheren SPD-Generalsekretär und Bundesarbeitsminister eine Rückkehr nach Berlin derzeit nicht infrage. „Ich trete 2020 erneut als Bürgermeisterkandidat der SPD in Hamburg an“, sagt Scholz seit Monaten wieder und wieder. Ehe Hamburg 2015 das Olympia-Referendum verlor, pflegte Scholz zudem stets zu sagen, dass er das größte Sportereignis der Welt 2024 gerne als Bürgermeister eröffnen würde.

Aber das ist Geschichte, weshalb sich Scholz’ Langzeitpläne auch verschoben haben könnten. Beobachter gehen durchaus davon aus, dass es den 58-Jährigen noch ins Kanzleramt ziehen könnte. Nur eben nicht jetzt. Als geübter Stratege und Strippenzieher wisse er genau, dass ein Wahlkampf gegen eine Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), deren neuerliche Kandidatur in Umfragen fast zwei Drittel der Deutschen gut finden, nur sehr schwer zu gewinnen sei. In Hamburg ist er 2011 auch erst angetreten, nachdem der in der Stadt beliebte CDU-Bürgermeister Ole von Beust abgetreten war und dessen Nachfolger Christoph Ahlhaus durch teure Umbauten seiner Villa und Hochglanzfotos in Illustrierten für Negativschlagzeilen sorgte.

Was könnte Gabriel also sonst dazu gebracht haben, Scholz wider besseres Wissen trotzdem als möglichen Kanzlerkandidaten 2017 zu nennen? Möglicherweise sei dies auch ein Versuch des SPD-Chefs, ohne Gesichtsverlust um eine Kanzlerkandidatur herumzukommen, heißt es in der Partei. Schließlich hat die Parteiführung schon vor einiger Zeit zugesichert, im Falle mehrerer Aspiranten auf die Spitzenkandidatur eine Urwahl abzuhalten. Und in diesem Fall sähe es zumindest derzeit für Gabriel, der im Frühjahr zum dritten Mal Vater wird, alles andere als erfolgversprechend aus.

Umfragen unter SPD-Anhängern sehen Schulz derzeit deutlich vor Gabriel – und Scholz ist da noch gar nicht mit eingerechnet, der sich im übrigen zu dem ganzen Fall schlicht ausschweigt.

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erstellt am 28.Nov.2016 | 09:35 Uhr

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