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Politik

03. Dezember 2016 | 16:47 Uhr

Kommentar : Sigmar Gabriel - das Herz am Mittelfinger

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein müdes Lächeln und eine deutliche Geste. Das ist zutiefst menschlich, kommentiert Julian Heldt.

Sigmar Gabriel trägt sein Herz auf der Zunge. Wenn ein Journalist ihm eine in seinen Augen dumme Frage stellt, wird es schnell ungemütlich. Gabriel vermittelt dann den Eindruck des Elefanten im Porzellanladen, der von Diplomatie wenig hält. Seit vergangenen Freitag ist das Buch seiner Ausraster um ein Kapitel reicher. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Salzgitter war der vielgescholtene SPD-Chef von vermummten Anhängern einer NPD-Nachwuchsorganisation auf das Übelste beleidigt worden. „Mensch, dein Vater hat sein Land geliebt. Und was tust du?“, riefen sie dem Sohn eines bekennenden Nationalsozialisten zu.

Für Gabriel zu viel: Er zeigte den rechten Spinnern mit einem müden Lächeln den Mittelfinger. Und dafür kann man ihm nur applaudieren.

Auch ein hochrangiger Politiker – der täglich im Rampenlicht steht – muss sich nicht alles gefallen lassen. Vor allem dann nicht, wenn er von vermummten Idioten in einer derartigen Weise beleidigend angegriffen wird, die jenseits der vertretbaren politischen Kritik liegt. Dann ist ein beherzter Stinkefinger manchmal besser als der Versuch des vernünftigen Dialoges. Eine andere Sprache dürften die Jung-Nazis ohnehin nicht verstehen.

Gabriel ist einer der wenigen echten Typen in der deutschen Spitzenpolitik. Er sagt, was er denkt und vertritt auch Meinungen, die unpopulär sind. Jüngstes Beispiel: Die Forderung nach einer automatischen Erhöhung der Benzin-Steuer, die beim deutschen Autofahrer nicht gut ankommt, aus energiepolitischer Sicht jedoch Sinn macht. Dies verdient Anerkennung. Wie oft kritisieren wir die viel zu große Zahl der stromlinienförmigen und zugeknöpften Politiker, die in Talkshows und Pressekonferenzen gebetsmühlenartig das Programm ihrer Partei herunterbeten. Eigene Meinungen hört man von ihnen nur selten. Dann lieber einen extrovertierten SPD-Chef, der sein Herz auf der Zunge – oder in diesem Fall am Mittelfinger – trägt.

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erstellt am 18.Aug.2016 | 12:17 Uhr

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