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Politik

08. Dezember 2016 | 13:08 Uhr

Bundespräsidentenwahl in Österreich : Rechtspopulist Hofer oder Ex-Grünen-Chef Van der Bellen – in Umfragen gleichauf

vom

Österreich wählt einen neuen Präsidenten – schon wieder. Nach den verpatzten Anläufen soll es diesmal einer von beiden schaffen. Es wird ein knappes Ergebnis erwartet.

Wien | Schon wieder steht es denkbar knapp: Umfragen von Anfang bis Mitte November sehen weder Alexander Van der Bellen noch Norbert Hofer für die Bundespräsidentenwahl in Österreich wirklich vorn.

In Europa stehen sich Nationalismus und der EU-Gedanke immer stärker gegenüber. Auch in Österreich verkörpern die Kandidaten die unterschiedlichen Ausrichtungen – und können bei einem wohl äußerst knappen Wahlerfolg die Interessen des politischen Gegners nicht völlig ignorieren.

Es ist also nach wie vor völlig unklar, wer die Ausrichtung der Alpenrepublik prägen wird – und die Kandidaten polarisieren stark: Der europafreundliche, weltoffene Ex-Grüne oder der rechtspopulistische Nationalist.

Alexander Van der Bellen: Der besonnene Europa-Anhänger

Alexander Van der Bellen.
Alexander Van der Bellen. Foto: Christian Bruna
 

Er ist ein Migranten-Kind. Als Sohn einer Familie mit estnischen und russischen Wurzeln, die im Zweiten Weltkrieg vor den Russen ins Deutsche Reich flüchtete, wuchs Alexander Van der Bellen in Wien und Tirol auf. In Österreich machte der Mann, der sehr bedächtig spricht und sehr besonnen wirkt, Karriere als Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Innsbruck.

Der zweifache Vater entschied sich erst spät für eine Laufbahn in der Politik. Die Besetzung der Hainburger Au von linken Aktivisten, die ein Wasserkraftwerk an der Donau verhindern wollten, wurde 1984 zum politischen Wendepunkt für Van der Bellen. Zu dem Zeitpunkt noch Mitglied der Sozialdemokraten, entschied er sich, zu den Grünen zu wechseln.

 

1994 zog er schließlich ins Parlament ein und wurde bald danach für elf Jahre Parteichef. Er schaffte es, die zerrissenen Grünen zu einen und zu ersten Erfolgen zu führen.

Zur Bundespräsidentenwahl tritt der 72-Jährige als Unabhängiger an, wird aber von den Grünen unterstützt. Van der Bellen ist glühender Anhänger eines multikulturellen, toleranten Europas. Seine Botschaft kommt vor allem in den großen Städten an, auf dem Land ist er eher unbeliebt. Daher versuchte er zuletzt, volkstümlicher zu erscheinen und hat sich ein neues Trachten-Sakko gekauft.

Norbert Hofer: Lächelnd an die Spitze

Norbert Hofer.
Norbert Hofer. Foto: Filip Singer

Norbert Hofer wird als „Kandidat des Volkes“ inszeniert. Der Ton von Österreichs Präsidentschaftskandidaten ist sanft, das Lächeln sitzt. Der 45-jährige stellvertretende Nationalratspräsident gilt als das „freundliche Gesicht“ der rechtspopulistischen FPÖ. Polternde Auftritte sind ihm fremd.

Der gelernte Flugzeugtechniker will als Bundespräsident die Regierung entlassen, sollte sie keine Ergebnisse liefern. Das gelte nicht zuletzt in der Migrationsfrage, da das Sozialsystem hohe Anreize für Wirtschaftsflüchtlinge biete. Kritiker sehen in dem Sportschützen und Burschenschafter, der sich von der Regionalpolitik bis an die Spitze des Parlaments gekämpft hat, einen „Wolf im Schafspelz“.

 

Hofer ist maßgeblich an der Entstehung des freiheitlichen und zutiefst europakritischen Parteiprogramms beteiligt. Mit Hilfe seiner Partei schaffte er es aber gut, soziale Netzwerke einzusetzen und viele unzufriedene Bürger abzuholen. Der vierfache Vater ist seit einem Paragleiter-Unfall gehbehindert und braucht einen Stock.

Um sein Familienleben zu zeigen, lud er ein Kamerateam in sein Vier-Zimmer-Haus im burgenländischen Pinkafeld. Der neu gegründete Sender „oe24.tv“ durfte nicht nur den grünen Teppich im Badezimmer, sondern auch das Zimmer der pubertierenden Tochter filmen.

Der Check im Fragebogen: So antworteten die Kandidaten auf verschiedene Fragen

Fast zwölf Monate Wahlkampf sind?

Van der Bellen: Der wohl längste Wahlkampf in der jüngeren österreichischen Geschichte, und schon fast amerikanische Verhältnisse.

Hofer: ... vergleichbar mit einem Marathonlauf: Man muss sich die Kräfte gut einteilen.

Was schätzen Sie an ihrem Kontrahenten?

Van der Bellen: Sein Engagement für Menschen mit Behinderung.

Hofer: Dass er - so wie ich - Photovoltaikanlagen mag. Ich habe seit heuer eine 5kWp Anlage.

Welche Eigenschaften schätzen Sie an sich selbst?

Van der Bellen: Man sagt mir nach, ich denke, bevor ich spreche.

Hofer: Ich halte mich für einen guten Trouble-Shooter.

Wie wird die First Lady ihre Rolle ausfüllen?

Van der Bellen: Meine Frau ist berufstätig und will das auch weiterhin bleiben.

Hofer: Mit viel Herz und Engagement wie in ihrem bisherigen Beruf.

Was stört Sie an Ihrer Partei?

Van der Bellen: Ich habe meine Parteimitgliedschaft am 23. Mai ruhend gestellt. Ich trete als unabhängiger Kandidat zu dieser Wahl an und werde dabei von einer breiten Bürgerbewegung unterstützt.

Hofer: Die zwar notwendigen, aber manchmal sehr langen Sitzungen.

Welcher Satz eines Lehrers hallt bei Ihnen bis heute nach?

Van der Bellen: Mein Geschichte- und Geografie-Lehrer hatte die ungewöhnliche Angewohnheit stets zu sagen „Da hast du richtig“ statt „Da hast du recht“, ein amüsanter Beleg für „Deutsche Sprache, schwere Sprache“.

Hofer: Der Auftrag zu meiner Matura-Arbeit: „Berechnen und konstruieren Sie ein zweisitziges Sportflugzeug mit einem vierzylindrigen Boxermotor.“

Die Obergrenze für Flüchtlinge in Österreich ist?

Van der Bellen: Ich bin zuversichtlich, dass es bei Bemühen aller Seiten zu einer breit akzeptierten Lösung kommt. Solange sich die Kriegssituation im Nahen Osten nicht ändert, müssen darüber hinaus die Bemühungen auf EU-Ebene verstärkt werden, solidarisch vorzugehen. Bundeskanzler, Vizekanzler und Außenminister sind gefordert, sich auf europäischer Ebene stärker für eine gesamteuropäische Lösung einzusetzen.

Hofer: ... eine Placebo-Maßnahme.

Die Europäische Union ist für Sie?

Van der Bellen: Ein stabiles, gemeinsames Europa ist für mich aus wirtschaftlichen und friedenspolitischen Gründen unverzichtbar. Zehntausende Arbeitsplätze in der Industrie, im Tourismus hängen direkt von der Mitgliedschaft Österreichs in der EU ab und wären bei einem Austritt in Gefahr. Schon das Gerede von einem EU-Austritt schadet Wirtschaftsstandort und Arbeitsmarkt. Ich werde als Bundespräsident daher alles tun, damit Österreich von einer pro-europäischen Regierung geführt wird und sich nicht aufs Abstellgleis begibt.

Hofer:... ein Projekt, das dringend weiterentwickelt werden muss.

Was halten Sie von Donald Trump?

Van der Bellen: Er steht jetzt vor der Herausforderung, zu versöhnen, wo im Wahlkampf Verletzungen zugefügt worden sind, nicht zuletzt durch ihn selbst. Die US-Wahl ist aber auch ein Weckruf für die Bundespräsidentschaftswahl in Österreich, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen und einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen.

Hofer: Ich habe ihm zur Wahl gratuliert. Er will die Beziehungen zu Russland und China verbessern, was aus österreichischer wie auch aus europäischer Sicht zu begrüßen ist.

Welche Vorbilder haben Sie?

Van der Bellen: Giorgio Napolitano, der ehemalige italienische Staatspräsident, der durch unglaubliches Geschick Italien durch schwierigste innenpolitische Zeiten geleitet hat.

Hofer: Mir imponieren das Durchsetzungsvermögen von Maggie Thatcher und die Ausgewogenheit von (Anmerk.: Ex-Bundespräsident) Rudolf Kirchschläger.

Welches Buch hat besonderen Eindruck auf sie gemacht?

Van der Bellen: Die großen Russen Gogol, Tschechow und Dostojewski. Die interessieren mich allein schon wegen der Herkunft meiner Eltern.

Hofer: Siddharta von Hermann Hesse.

Was ist ihre Lieblings-App?

Van der Bellen: „Lieblings-App“ geht wohl etwas weit, aber meine Kalender-App ist zum unverzichtbaren Begleiter geworden.

Hofer: WhatsApp.

Wofür darf man lügen?

Van der Bellen: Es soll Politiker geben, die - um unkalkulierbare Risiken für ihr Land zu vermeiden - nicht die ganze Wahrheit gesagt haben.

Hofer: Es ist besser, bei der Wahrheit zu bleiben, denn auch eine „Notlüge“ ist eine Lüge.

Was haben Sie zuletzt zum allerersten Mal getan?

Van der Bellen: Meine Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbunden und meine Gesundheitsakte offen gelegt.

Hofer: Einen Hubschrauber pilotiert.

In sechs Jahren sind Sie?

Van der Bellen: Bundespräsident der Republik Österreich.

Hofer: ... mit 51 Jahren immer noch der jüngste Bundespräsident, der für die Wiederwahl kandidiert.

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erstellt am 23.Nov.2016 | 10:41 Uhr

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