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Politik

03. Dezember 2016 | 20:43 Uhr

Renten-Vorschlag von Wolfgang Schäuble : Pro und Kontra: Muss länger arbeiten, wer länger lebt?

vom

Wolfgang Schäuble will das Rentenalter an die Lebenserwartung koppeln. Unsere Redakteure sind sich darüber uneins.

Die Menschen werden immer älter, und es kommen immer weniger nach: Angesichts der drohenden Schwierigkeiten in der Rentenfinanzierung haben die Spitzen der Koalition das Thema wieder auf ihre Agenda gesetzt. Der Vorschlag Schäubles, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln, hat für Diskussionen gesorgt. Auch unsere Redakteure Martin Schulte und Bernd Ahlert sind geteilter Meinung.

Eine zunehmend höhere Lebenserwartung und weniger Kinder beeinflussen das Rentensystem maßgeblich. Ohne Reformen würden die Rentenausgaben bis zum Jahr 2060 um mindestens 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen, warnte die Industrieländer-Organisation OECD.

Martin Schulte, Leiter unserer Kulturredaktion, hält eine Reform für dringend notwendig:

Martin Schulte leitet die Kulturredaktion des sh:z.
Martin Schulte leitet die Kulturredaktion des sh:z. Foto: sh:z-Archiv
 

PRO Endlich wird in der Politik das Thema diskutiert, das für die deutsche Gesellschaft große Sprengkraft in sich trägt – das ungerechte Rentensystem. Oder etwas pathetischer, aber nicht weniger wahr: Endlich geht es um die finanzielle Zukunft unserer Kinder.

Die Warnung, dass künftigen Generationen von Arbeitnehmern die Altersarmut droht, war bislang immer von einer erschreckenden Gleichgültigkeit begleitet worden: Kann doch gar nicht sein, wird schon nicht so schlimm werden – die Rente ist doch sicher!

Dabei ist es ein hinreichend bekanntes Faktum, dass das Niveau der Renten im Verhältnis zum Lohn immer weiter sinken wird, weil aufgrund des demografischen Wandels immer weniger Arbeitnehmer für immer mehr Rentner zahlen müssen. Das ist nicht gerecht.

Allein, keine Partei hatte es bislang gewagt, dieses große Thema anzupacken, weil damit vielen Arbeitnehmern und Wählern eine unbequeme Wahrheit zugemutet wird: Mit der steigenden Lebenserwartung muss auch die Lebensarbeitszeit verlängert werden.

Stattdessen wurde das Prinzip der Rentenversicherung, das eigentlich auf Generationengerechtigkeit basieren soll, sogar noch weiter ausgehöhlt. Zahlreiche Rentenerhöhungen und die sozial nachvollziehbare, aber ökonomisch sinnlose Idee der abschlagsfreien Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren haben eines der großen Fundamente des gesellschaftlichen Zusammenhalts ins Bröckeln gebracht.

Es wird allerhöchste Zeit für eine grundlegende Reform, auch weil die staatlich geförderte Privatvorsorge, die Riester-Rente, gescheitert ist. Für die meisten Geringverdiener, die den zusätzlichen Rentenbaustein besonders bräuchten, ist er schlichtweg nicht bezahlbar. Die einzigen Alternativen zur längeren Lebensarbeitszeit wären die sukzessive Reduzierung der Rentenleistungen oder die Erhöhung der Beiträge – beides sind deutlich schlechtere Lösungen auf Kosten unserer Kinder.

Bernd Ahlert, Leiter unserer Wirtschaftsredaktion, dagegen meint:

Bernd Ahlert leitet die Wirtschaftsredaktion des sh:z.
Bernd Ahlert leitet die Wirtschaftsredaktion des sh:z. Foto: sh:z-Archiv
 

KONTRA  Da ist sie wieder, die ganze Hilflosigkeit und Verlogenheit beim Thema Rente. Weil die Lebenserwartung der Deutschen steigt und künftig die geburtenstarken Jahrgänge in Ruhestand gehen, gerät die Rentenkasse sehenden Auges unter Druck. Als vermeintliches „Heilmittel“ wird das Rentenniveau stetig abgesenkt – die Renten werden gekürzt. Zugleich wird schrittweise die Altersgrenze für die Rente nach oben geschraubt – was verdeckt dasselbe ist, nämlich eine Rentenkürzung. Das Resultat ist, dass die Altersversorgung von Millionen Bundesbürgern stetig minimiert wird. Das ist ziemlich ideenlos. Vor allem aber wird das Problem nicht gelöst, sondern nur verschoben.

Fakt ist: Schon heute müssen Durchschnittsverdiener mehr als 30 Jahre ohne Unterbrechung Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung zahlen, um eine Altersrente in Höhe der Grundsicherung zu erhalten – wovon kaum jemand leben kann. Noch bitterer sieht es aus, sollte das Rentenalter weiter angehoben werden – Rente mit 70, wie es die Junge Union vorschlägt. Dann steigt automatisch die Zahl derjenigen, die aus Gesundheitsgründen oder weil sie keinen Job finden, vorzeitig in den Ruhestand gehen und damit höhere Abschläge auf die ohnehin dezimierte Rente hinnehmen müssen. Wovon hier die Rede ist, verdeutlicht eine Zahl: Unter den 60- bis 65-Jährigen ist nur jeder Zweite erwerbstätig. Mit anderen Worten: Die Zangenbewegung aus sinkenden Renten und steigender Lebensarbeitszeit sorgt für ein Rentnerdasein mit Existenzangst. Und dann? Ist die Rentenkasse vielleicht gerettet. Gleichzeitig aber müssen üppige Steuer-Milliarden aufgewendet werden, um die in Armut reformierte künftige Rentner-Generation satt zu bekommen. 

Am Ende heizt das jetzige Rentensystem nur den Generationenkonflikt an, der auch in anderen  Bereichen – etwa dem Gesundheitswesen – droht. Der beitragsfinanzierten  Rente droht der Kollaps. Im Interesse der Generationengerechtigkeit wäre die steuerfinanzierte Mindestrente ein Ausweg.

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erstellt am 22.Apr.2016 | 16:59 Uhr

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