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Politik

11. Dezember 2016 | 09:06 Uhr

Terrorismus : Offensive auf IS-Hochburg Mossul im Irak - Kurden melden erste Erfolge

vom

Die Offensive wurde lange erwartet. Hilfsorganisationen rechnen mit Hunderttausenden Flüchtlingen.

Mossul | Nach dem Beginn der lang erwarteten Großoffensive auf die nordirakische IS-Hochburg Mossul melden die Angreifer erste Erfolge. Kurdische Peschmerga-Kämpfer nahmen nach eigenen Angaben rund 40 Kilometer östlich von Mossul sieben Dörfer ein. Irakische Sicherheitskräfte hatten zuvor im Schutze der Nacht nach monatelangen Vorbereitungen die großangelegte Militäroperation begonnen. Sie soll die Großstadt von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) befreien.

Mossul ist die letzte Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak. Die Millionenstadt steht seit Juni 2014 unter Kontrolle der Extremisten. Sollte die Stadt befreit werden, wäre der IS im Irak militärisch weitestgehend besiegt. Im Nachbarland Syrien beherrscht die sunnitische Terrormiliz allerdings noch immer große Gebiete.

„Die Stunde des Sieges hat geschlagen. Die Operation zur Befreiung Mossuls hat begonnen“, sagte al-Abadi in der Nacht zum Montag im irakischen Staatsfernsehen. Er richtete sich direkt an die Bürger von Mossul und rief sie dazu auf, mit den irakischen Streitkräften zu kooperieren. „Sehr bald werden wir unter Euch sein, um die irakische Flagge zu hissen.“ 2016 werde als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem der Terrorismus und der IS besiegt wurden. Angeführt wird die Offensive demnach von der Armee und der Polizei des Landes.

Mossul ist die letzte Bastion der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak. Die nördlich gelegene Millionenstadt unweit der Grenze zur Türkei steht seit Juni 2014 unter Kontrolle der Extremisten. Von Mossul aus überrannte der IS weite Teile des Landes. Inzwischen hat er viele dieser Gebiete wieder eingebüßt. Im Nachbarland Syrien beherrscht die sunnitische Terrormiliz allerdings noch immer große Landstriche.

Hintergrund: Die Stadt Mossul

Die nordirakische Wirtschaftsmetropole Mossul liegt rund 400 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bagdad am Ufer des Tigris. Neben großen Erdölraffinerien ist dort auch die Textilverarbeitung von wirtschaftlicher Bedeutung. Schon in seiner frühen Geschichte war das bedeutende Zentrum auf der Handelsroute zwischen Indien, Persien und dem Mittelmeer bekannt für Lederprodukte und feine Baumwollstoffe - der Stoff Musselin ist nach Mossul benannt.

Mossul ist ein Zentrum sunnitischer Araber. Der Ort war aber immer auch Heimat anderer Ethnien und Konfessionen wie Christen, Kurden, Turkmenen oder Jesiden. In der Hauptstadt der Provinz Ninawa sollen noch etwa 1,5 Millionen Menschen leben.

Mossul wird seit Jahren von Gewalt und Terror erschüttert. Nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Saddam Hussein im Jahr 2003 flohen zahlreiche Anhänger des gestürzten Regimes nach Mossul. Viele von ihnen verbündeten sich später mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), um gegen die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad zu kämpfen.

Im Juni 2014 brachte der IS die Metropole unter seine Kontrolle und errichtete ein Terrorregime. Rund 30.000 Soldaten sollen vor 800 anrückenden militanten Islamisten geflohen sein.

In der Großen Moschee von Mossul rief der Anführer der IS-Miliz, Abu Bakr al-Bagdadi, Muslime weltweit auf, in die Region zu kommen und ihn beim Dschihad zu unterstützen. Es war der erste öffentliche Auftritt des selbst ernannten Kalifen.

Wie in anderen eroberten Regionen vernichteten die Extremisten auch in Mossul Dutzende historische Denkmäler. Im städtischen Museum wurden Jahrtausende alte Statuen aus assyrischer Zeit zerstört.

Kräfte der irakischen Armee und Polizei hatten in den vergangenen Wochen und Tagen im Umland von Mossul Stellung bezogen. Unterstützt werden sie bei der Offensive von kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die aber nicht in die Stadt eindringen sollen. Auch lokale sunnitische Milizen sollen an dem Angriff beteiligt werden. Die von den USA geführte internationale Koalition fliegt Luftangriffe gegen den IS.

US-Verteidigungsminister Ashton Carter erklärte nach Beginn der Offensive: „Die Vereinigten Staaten und der Rest des internationalen Bündnisses stehen bereit, um die irakischen Sicherheitskräfte, Peschmerga-Kämpfer und das irakische Volk in dem schwierigen Kampf zu unterstützen, der ihnen bevorsteht.“ Ziel sei es, den IS dauerhaft zu besiegen und sowohl Mossul als auch den Rest des Iraks „vom Hass und der Brutalität“ der Extremisten zu befreien.

Wer kämpft in Mossul gegen den IS?

Peschmerga: Die Kämpfer der kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak kontrollieren große Teile des Umlands von Mossul. Sie sollen die Operation nach einer Absprache mit der Zentralregierung unterstützen, aber nicht in die Stadt selbst einrücken. Dafür dürften sie mehrere Orte im Umland von Mossul unter ihre Kontrolle bringen.

Irakische Armee: Das von den USA mit ausgebildete Militär soll die Offensive anführen und auch in die Stadt einrücken, vorneweg Spezialeinheiten, die schon andernorts gegen den IS gekämpft haben. An der Seite der Armee sollen auch Einheiten der Polizei kämpfen.

Internationale Koalition: Die Flugzeuge des von den USA geführten Bündnisses sind bereits seit mehr als seit zwei Jahren im Irak im Einsatz. Sie unterstützen die Mossul-Kampagne mit Luftangriffen.

Lokale Milizen: An der Seite der Armee kämpfen mehrere Tausend Mitglieder lokaler sunnitischer Milizen sowie von Stammeseinheiten. Sie sind unter anderem vom türkischen Militär ausgebildet worden.

Schiitische Milizen: Auch diese berüchtigten Milizen erklärten im Vorfeld, sie würden an dem Feldzug teilnehmen. Allerdings ist ihr Einsatz hochbrisant. Mossul ist im Irak die größte Hochburg der Sunniten. Diese lehnen einen Einsatz schiitischer Milizen ab. Sollte es dazu kommen, befürchten Beobachter einen Zerfall des Bündnisses.

Türkei: Das türkische Militär hat unweit von Mossul Soldaten stationiert, die sunnitische Milizen und Peschmerga ausbilden. Der Irak fordert den Abzug der Einheiten, was Ankara jedoch ablehnt.

PKK: Nordwestlich von Mossul sind auch Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK stationiert, die von der Türkei bekämpft wird. Sie könnten auf den Plan gerufen werden, wenn auch die türkischen Soldaten in die Operation eingreifen sollten.

 

Der US-Sonderbeauftragte für die IS-Bekämpfung, Brett McGurk, schickte via Twitter eine Solidaritätsadresse an die Verbündeten: „Wir sind stolz, bei dieser historischen Operation an Eurer Seite zu stehen“, schrieb er in dem Kurznachrichtendienst. In Mossul und im Umland sollen sich rund 4000 IS-Kämpfer aufhalten.

 

Diese haben nach verschiedenen Berichten in der Stadt tiefe Gräben und ein Tunnelsystem ausgehoben, um sich zu verteidigen. Außerdem ist damit zu rechnen, dass Straßen und Gebäude mit zahlreichen Sprengfallen versehen sind, was einen Vormarsch auf die Stadt erschweren könnte.

Umstritten ist der Einsatz schiitischer Milizen bei der Offensive. Diese hatten angekündigt, sich an der Militäroperation zu beteiligen. Die Sunniten lehnen das jedoch ab, weil sie befürchten, dass die schiitischen Milizen ihren Einfluss im Land noch weiter ausbauen könnten. Mossul ist die wichtigste sunnitische Stadt im Irak. Viele Sunniten fühlen sich von der Mehrheit der Schiiten im Land und von der schiitisch dominierten Zentralregierung diskriminiert.

In den vergangenen Tagen war zudem der Konflikt zwischen der irakischen Regierung und der Türkei erneut eskaliert. Bagdad fordert den Abzug türkischer Truppen, die nordöstlich von Mossul stationiert sind und dort unter anderem sunnitische Milizen ausbilden. Die Türkei lehnt jedoch einen Abzug ihrer Einheiten ab.

Hilfsorganisationen hatten vor dem Beginn der Offensive vor einem neuen Flüchtlingsdrama gewarnt. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR rechnet mit schätzungsweise bis zu 700.000 Menschen aus Mossul und dem Umland, die fliehen und auf Hilfe angewiesen sein könnten. Nach Angaben von Hilfsorganisationen wurden jedoch bisher zu wenige Lager errichtet, um die Menschen bei einer Massenflucht ausreichend versorgen zu können. Zudem gibt es Befürchtungen, die Flüchtlinge könnten in die Schusslinie geraten.

Der IS hatte in den vergangenen Monaten bereits wichtige Gebiete im Irak und auch in Syrien verloren. So konnten irakische Streitkräfte im Sommer die IS-Hochburg Falludscha im Osten des Landes befreien. Auch in Syrien steht der IS unter Druck. Erst am Sonntag hatten von der Türkei unterstützte Rebellen den symbolisch wichtigen Ort Dabik im Norden des Landes vom IS eingenommen.

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erstellt am 17.Okt.2016 | 13:17 Uhr

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