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Politik

10. Dezember 2016 | 17:37 Uhr

US-Präsidentschaftswahlen : Obamas Ex-Stratege erklärt: Wie man einen Swing State gewinnt

vom

Steven Schale verhalf Barack Obama zu zwei Siegen in Florida. „Sie organisieren überall. Jede Stimme zählt“, sagt er.

Tallahassee | Steven Schale (42) hat für US-Präsident Barack Obama zwei Siege im Swing-State Florida organisiert. 2008 als Wahlkampfmanager und CEO im Sonnenstaat, 2012 als dessen Chef-Stratege. Heute gehört er zu den gefragtesten Politikberatern in der Hauptstadt Tallahassee. Im Interview spricht Steven Schale über die Dynamik in dem Wechselwähler-Staat.

Die sogenannten Swing States, die anders als die meisten Staaten nicht schon auf eine Partei als Wahlsieger festgelegt sind, sind für den Ausgang der US-Präsidentschaftwahlen entscheidend. Nach dem ersten TV-Duell der Präsidentschaftskandiaten konnte Hillary Clinton ihren Vorsprung in den Umfragen gegenüber Donald Trump ausbauen. Sie lag danach auch in den weitaus meisten dieser 14 als wahlentscheidend definierten Staaten vorn.   

Florida gilt spätestens seit der Hängeparte im Jahr 2000 zwischen George W. Bush und Al Gore als der ultimative Wechselwähler-Staat (Swing State). Ist das auch 2016 so? 

In den letzten vier Präsidentschaftswahlen haben die Wähler in Florida zusammen 31,5 Millionen Stimmen abgegeben. Die Differenz zwischen Demokraten und Republikanern lag bei 70.000 Stimmen oder 0,26 Prozent. Wenn sie das mit den anderen 50 Bundesstaaten vergleichen ist das locker der geringste Abstand. Wir sind nicht nur der größte Swing State, sondern auch der mit den knappsten Ergebnissen. Der Titel des wackligsten Swing States ist wohl verdient.

Warum sind die Rennen in Florida immer so spannend? Die demographischen Trends sind in den meisten Bundesstaaten ja recht eindeutig. 

Hier in Florida sehen wir Bevölkerungstrends, die fast gleichmäßig Republikaner und Demokraten begünstigen. Der Staat wächst insgesamt. Im Süden leben immer mehr Latinos, die eher demokratisch wählen, während der Nordwesten immer weißer und republikanischer wird. Es gibt eigentlich nur einen Wahlbezirk, der für sich genommen auf der Kippe steht, und das ist Hillsborough County um Tampa herum.

Was bedeutet das mit den Augen eines politischen Strategen betrachtet, der hier Wahlkämpfe organisiert? 

Die „Florida Panhandle“ (dt. Pfannengriff) im Norden ist so sehr republikanisch, wie der Süden demokratisch ist. In der Region zwischen Orlando und Tampa, durch die sich die Interstate 4 zieht, mischen sich der Norden und der Süden. Hier lässt sich die Waage in die eine oder andere Richtung neigen.  

Was war das Geheimnis Ihres Erfolgs 2008 und 2012, als Sie für Barack Obama in Florida zwei erfolgreiche Wahlkampagnen organisierten? 

Uns war es gelungen, die Basis der Demokraten, die afroamerikanischen Wähler, Unabhängige und Jungwähler zu mobilisieren. Sie sammeln die Stimmen überall ein, wo sie zu holen sind. Zwölf mehr schwarze Wähler im Nordwesten sind genauso wichtig wie zwölf mehr im Süden. Das heißt, Sie organisieren überall. Jede Stimme zählt.

Hillary Clinton scheint diesmal auch bei den Veteranen eine Chance zu wittern? 

Die Veteranen machen einen erheblichen Anteil an der Wählerschaft hier in Florida aus. Sie dürfen nicht vergessen, dass sie kein homogener Block sind. Selbst wenn sie historisch insgesamt stärker den Republikanern zuneigen. 

Mit seinen abfälligen Äußerungen über die Generalität, Senator John McCain und die Eltern eines gefallenen Kriegshelden dürfte sich Donald Trump bei dieser Gruppe doch kaum geholfen haben? 

Genau. Sie müssen die Chancen erkennen, wo sie bei dem einen oder anderen Wählersegment zusätzliche Stimmen gewinnen können. In Florida sind das die Veteranen, aber auch die Frauen, die sich an Äußerungen Trumps stören. Hier ein Prozentpunkt und da einer - so kommen sie in einem Swing State ans Ziel.

Bestehen moderne Wahlkämpfe darin, diese kleinen Gruppen überzeugbarer Wähler auszumachen und ins Visier zu nehmen?

Politik ist eine Kunst und eine Wissenschaft. Ich bin vielleicht zu sehr in die Empirie verliebt. Mich faszinieren die Werkzeuge, die wir heute durch die Analyse von Wählern verfügbar haben, und wie sich diese durch sogenanntes „Micro-Targeting“ erreichen lassen. Andererseits können sie die beste Analytik der Welt betreiben - und es hilft ihnen nicht, wenn der Kandidat die Leute nicht anspricht. Obama hat beides getan: einen klugen Wahlkampf organisiert und die Leute inspiriert. 

Der Politologe David Schulz behauptet in einem viel beachteten Buch, die Wahl des nächsten Präsidenten werde sich in nicht mehr als 20 Wahlbezirken der USA entscheiden. Stimmt das? 

Teilweise. Nehmen sie unseren Swing-Bezirk Hillsborough, der ziemlich gut die Bevölkerung Floridas abbildet. Wenn sie eine Wahlkampf-Botschaft haben, die hier ankommt, dann sollte diese auch insgesamt Widerhall finden. Wir haben Hillsborough 2008 und 2012 deshalb als Indikator für die Feinjustierung unserer Kampagne benutzt. Aber sie müssen horizontal und vertikal denken.

Das heißt der Wahlkampf muss breiter angelegt sein als auf einen Bezirk? 

Absolut. Sie müssen in einem Swing-State überall organisieren. Wir hatten zum Beispiel im Nordwesten Floridas eine Region um die Stadt Lake City ausgemacht, in der viele Afroamerikaner leben. Wir haben dort ein Wahlkampfbüro eröffnet und rund 10.000 Wähler registriert. Wenn sie die Hälfte davon zum Wählen bewegen, sind das 5.000 Stimmen. Warum würden Sie dort nicht organisieren. Clinton macht genau das. 

Es heißt, Donald Trump habe die gesamte Organisation vernachlässigt und setze in Florida wie andernorts zu sehr auf Großkundgebungen. Schadet ihm das? 

Das wird ein Test sein, der Auskunft darüber erteilt, was am Ende mehr zählt: Die Kunst oder die Wissenschaft. Ich war immer für Massenveranstaltungen. Aber wir haben das gemacht, um Wähler zu organisieren. Es ist gut, Leute bei den Kundgebungen in Stimmung zu bringen. Als Demokrat wünschte ich mir mehr Intensität unter Hillarys Anhängern. Aber Trump zieht eher wie ein Rockstar durch die Lande, nicht wie einer, der organisiert.

In diesem Jahr haben beide Kandidaten ausgesprochen hohe Negativwerte. Wie wirkt sich das auf den Wahlkampf aus?

Für Demokraten ist es immer ein Problem, wenn Rennen zu negativ werden und die Anhänger dann zu Hause bleiben. Demokratische Kandidaten gewinnen, wenn sie inspirieren. Die Republikaner haben eine höhere Toleranz für Tiefschläge und lassen sich dadurch nicht vom Wählen abhalten. Für Clinton ist es wichtig, positive Signale zu setzen.  

Kann Sie Ihre Erfolgsstrategie Obamas in Florida von 2008 und 2012 wiederholen? 

Sie können das nicht kopieren, allein schon weil Obama von einer anderen Koalition getragen wurde. Team Clinton benutzt dieselben Analyse-Werkzeuge um herauszufinden, wo ihre Wähler herkommen. Sie sehen zum Beispiel mehr Potential bei den Latinos, die sie im Wahlkampf stärker umwirbt als wir. Und sie hat vielleicht auch bessere Chancen bei weißen Wählern. Genau das ist der richtige Weg, selber zum Erfolg zu gelangen. Jeder Wahlkampf ist anders.

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erstellt am 07.Okt.2016 | 15:31 Uhr

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